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Misshandlungen : Georg Ratzinger bittet Opfer um Verzeihung

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Georg Ratzinger: Von „brachialen Methoden” habe er nichts gewusst Bild: ddp

Der frühere Regensburger Domkapellmeister Georg Ratzinger hat eingestanden, in seiner Amtszeit von Misshandlungen in der Internatsvorschule der Domspatzen gewusst zu haben. Er bitte die Opfer um Verzeihung, sagte der Bruder von Papst Benedikt XVI.

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          Der frühere Regensburger Domkapellmeister Georg Ratzinger hat am Mittwoch zugegeben, in seiner Amtszeit von körperlichen Misshandlungen in der Internatsvorschule der Domspatzen gewusst zu haben. Schüler hätten ihm auf Konzertreisen davon erzählt. „Aber ihre Berichte sind bei mir nicht so angekommen, dass ich glaubte, etwas unternehmen zu müssen“, sagte der Bruder von Papst Benedikt XVI. in der Zeitung „Passauer Neue Presse“.

          Aus heutiger Sicht verurteile er die Misshandlungen und bitte die Opfer um Verzeihung. Er habe gewusst, dass der Direktor der Internatsvorschule, der von 1953 bis 1992 amtierte, „sehr heftige Ohrfeigen“ verteilt habe, „oft aus nichtigen Anlässen“, sagte der 86 Jahre alte Georg Ratzinger. Das „Ausmaß dieser brachialen Methoden“ habe er aber nicht gekannt.

          „Eigentlich immer ein schlechtes Gewissen dabei gehabt“

          Die Internatsvorschule sei eine selbständige Institution gewesen, die ihm nicht unterstanden habe. Es hätte für ihn nur die Möglichkeit gegeben, sich an das Direktorium der Domspatzen-Stiftung zu wenden, das dann hätte einschreiten können. Von dieser Möglichkeit habe er aber keinen Gebrauch gemacht. Ratzinger gab auch zu, am Anfang seiner Zeit als Domkapellmeister selbst Ohrfeigen verteilt zu haben; er habe „eigentlich immer ein schlechtes Gewissen dabei gehabt.“

          Georg Ratzinger sagte, er sei innerlich erleichtert gewesen, als der Gesetzgeber 1980 körperliche Züchtigungen ganz verboten habe; daran habe er sich „strictissime gehalten“. Früher sei eine Ohrfeige „die nächstgelegene Reaktion auf eine negative Leistung oder ein Versagen“ gewesen. Die Ohrfeigen seien „von der Heftigkeit her sehr verschieden“ gewesen - „je nach dem Charakter des Vorgesetzten“.

          „Bei uns im Haus ist über diese Dinge nie gesprochen worden“

          Georg Ratzinger berichtete, dass er selbst als Schüler eines katholischen Studienseminars in Traunstein in der Vorkriegszeit einmal geohrfeigt worden sei, weil er ein Heft verwechselt habe. Sonst könne er sich nicht an Schläge erinnern. Dass sein Bruder Joseph, der später an das Studienseminar gekommen sei, misshandelt worden sei, sei ihm nicht erinnerlich. Von Fällen sexuellen Missbrauchs bei den Domspatzen vor seiner Zeit als Domkapellmeister habe er bei der Amtsübernahme nichts erfahren, sagte Georg Ratzinger. „Bei uns im Haus ist über diese Dinge nie gesprochen worden.“

          Nach Recherchen des Bistums Regensburg war 1958 ein Geistlicher aus dem Musikgymnasium der Domspatzen entfernt worden, weil er sich an zwei Buben vergangen hatte. Nach einer Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe soll der Geistliche an ein Schweizer Schwesternkonvent mit einer Mädchenschule gegangen sein. Georg Ratzinger sagte in der „Passauer Neuen Presse“, es sei nicht nur die Kirche gewesen, die zu Missbrauch und Gewalt geschwiegen habe: „Es war in der Gesellschaft überhaupt so.“

          Unterdessen klagen immer mehr ehemalige Schüler der Internatsvorschule der Domspatzen über schwere Misshandlungen in der Internatsvorschule der Domspatzen. Im Schuljahr 1981/1982 habe der Direktor, ein Geistlicher, einen Buben mit einem Stuhl geschlagen, bis der Stuhl zerbrochen sei, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ am Dienstag. In früheren Jahren habe dieser Geistliche Schüler mit fünf bis zehn Stockschlägen bestraft, die wahlweise auf die Fingerkuppen, die Fingernägel oder das Gesäß versetzt worden seien.

          Weitere Missbrauchsfälle

          Auch im Bistum Limburg in Hessen gibt es neue Fälle des Verdachts auf sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Die Vorwürfe richten sich nach Auskunft des Bistums gegen fünf Priester und kirchliche Mitarbeiter, darunter ist auch der 2002 verstorbene Leiter der Limburger Domsingknaben. Die Taten sollen sich in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren ereignet haben. Wegen Missbrauchsvorwürfen gegen Ordensleute am früheren Internat des Gymnasiums Johanneum im saarländischen Homburg ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen zwei Patres. Beide sind nach Angaben des Bistums Münster suspendiert, wo sie zuletzt als Seelsorger tätig waren. Und auch in unserem Nachbarland.

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