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Misshandlung im Gefängnis : Schlag in die Magengrube

Das Martyrium der ukrainischen Oppositionsführerin Julija Timoschenko im Gefängnis dauert an. Nun werden immer Details öffentlich, wie brutal sie in der Haft misshandelt wurde.

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          Sergej Wlasenko gerät in Aufregung, wenn er davon spricht, was Julija Timoschenko am Freitag vor einer Woche widerfuhr. „Sie hat einen großen Bluterguss auf dem Bauch, zehn Zentimeter Durchmesser, mehrere Ergüsse am linken Arm, am Ellbogen und an den Händen“, berichtet ihr Anwalt mit atemloser Stimme. Er ist neben ihrer Tochter Jewgenija der Einzige, der die ukrainische Oppositionsführerin in ihrer Zelle in Charkiw regelmäßig besuchen darf. Mit Vitali Klitschko, dem Box-Weltmeister, der in Kiew Bürgermeister werden will, habe er über die Verletzungen gesprochen, sagt Wlasenko. „Vitali weiß, was harte Schläge sind. Aber selbst er konnte sich kaum vorstellen, mit welcher Wucht Julija getroffen worden ist.“ Wlasenko stockt, seine Stimme wird leiser. „Was sind das für Menschen, die so etwas tun?“

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Frau Timoschenkos Verletzungen sind gut dokumentiert. Die Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, Nina Karpatschowa, hat sie vergangene Woche selbst gesehen, fotografiert und auf einer Pressekonferenz bestätigt. Auf Wunsch der Familie sollen sie aber nicht veröffentlicht werden. Nach Informationen dieser Zeitung wurden sie Diplomaten mehrerer EU-Staaten sowie dem amerikanischen Botschafter in Kiew vorgelegt. Über die Ursache der Hämatome gibt es unterschiedliche Versionen. Frau Karpatschowa sagte, der Umgang mit Frau Timoschenko könne „als Folter bewertet werden“. Ein starker Satz. Frau Karpatschowa gehört zwar der Partei der Regionen des Präsidenten Janukowitsch an, sie hat ihr Amt aber in den vergangenen sechs Jahren überparteilich ausgeübt. Eigentlich sollte sie diese Woche durch eine Nachfolgerin ersetzt werden, die dem Präsidenten gegenüber loyal ist. Die konnte aber nicht vereidigt werden, weil die Opposition das Parlament wegen der Foltervorwürfe blockierte.

          Janukowitschs Partei: „Mythos von einer Verprügelung“

          Der zuständige Staatsanwalt in Charkiw hat eine Untersuchung angeordnet, Janukowitsch sah sich unter dem Druck der heimischen und ausländischen Kritik auch gezwungen, den (ihm loyalen) Generalstaatsanwalt einzuschalten. Allerdings scheint Janukowitschs Partei deren Ergebnis schon zu kennen: „Der Mythos von einer Verprügelung Timoschenkos wurde mit dem Ziel geschaffen, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit von den unstrittigen Fakten ihrer kriminellen Tätigkeit abzulenken“, teilte sie am Freitag mit. Gefolgsleute des Präsidenten behaupten, Timoschenko habe sich die Verletzungen selbst zugefügt. Beweise haben sie dafür nicht vorgelegt. Und die Verantwortlichen im Frauen-Straflager Nummer 54 in Charkiw sind in Deckung gegangen.

          Timoschenko auf einem Bild aus dem Juli 2011 im Gerichtssaal in Kiew Bilderstrecke

          So bleiben derzeit nur die Aussagen Julija Timoschenkos, um den Vorgang zu dokumentieren. Frau Timoschenko hat eine kurze Darstellung der Geschehnisse auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Ihre Tochter und ihr Anwalt, die sie seit dem Vorfall zweimal für mehrere Stunden besucht haben, waren zu ausführlichen Interviews bereit.

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