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Missbrauchte Nonne : „Wir Opfer üben Druck aus“

  • -Aktualisiert am

Opfer von sexuellem Missbrauch und Mitglieder des Netzwerks „Ending Clergy Abuse“ demonstrieren in der Innenstadt in Rom am dritten Tag des Gipfeltreffens der katholischen Kirche zum Thema Missbrauch. Bild: dpa

Doris Reisinger wurde als Nonne von einem Priester vergewaltigt. Der Missbrauchsgipfel im Vatikan ist für sie vor allem „eine vertane Chance“. Doch die Konferenz habe auch gezeigt, wie mächtig die Opfer seien, sagt die Theologin im FAZ.NET-Interview.

          Frau Reisinger, als Nonne wurden Sie von einem Pater missbraucht. War der Missbrauchsgipfel im Vatikan ein Erfolg für die katholische Kirche?

          Die Konferenz war in weiten Teilen eine vertane Chance, weil man viel mehr hätte machen können. Es sind auf der anderen Seite aber auch Dinge passiert, die Bestand haben. Es ist zum Beispiel jetzt ganz klar, dass sexueller Missbrauch in Ortskirchen weltweit passiert ist. Afrikanische und asiatische Bischöfe können nicht mehr behaupten, dass es bei ihnen keinen Missbrauch gebe. Prägend ist auch das Eingeständnis des Papstes vor dem Gipfel, dass auch Ordensfrauen Opfer sexueller Gewalt sind. Nach dem Gipfel ist aber vor allem klar: Die Krise ist endgültig ganz oben in der Kirche angekommen. Der Aufarbeitungsprozess hat einen Höhepunkt erreicht – im besten Fall verändert er die Machtstrukturen der Kirche. Wenn der Kirche das nicht gelingt, droht ihr eine Marginalisierung – sie wäre dann staatlicherseits kaum mehr ernstzunehmen.

          Hat die Spitze der katholischen Kirche die Warnung verstanden?

          Zum Teil. Es gab auf dem Gipfel Aspekte, die mich erfreut und solche, die mich schockiert haben. Erschreckend fand ich zum Beispiel schon den Aufriss der gesamten Veranstaltung. Es sind ganz selbstverständlich keine Betroffenen und Laien eingeladen worden, an dem Gipfel teilzunehmen und mitzudiskutieren. Stattdessen haben die Bischöfe nur einige ausgewählte Betroffene angehört, und das zum Teil auch nur auf Videos. Zielführender wäre es gewesen, wenn die Zusammensetzung der Teilnehmer zumindest zur Hälfte aus Betroffenen bestanden hätte. Das ist nicht einmal im Ansatz versucht worden. Die Betroffenen haben draußen auf dem Platz gestanden. Auch am zweiten oder dritten Tag hat ihnen niemand die Türen zum Vatikan geöffnet.

          Doris Reisinger hat acht Jahre in einer Ordensgemeinschaft in Rom gelebt. Nach ihrem Austritt hat sie einen Pater wegen Vergewaltigung angezeigt.

          Und was sind für Sie die positiven Aspekte?

          Ich habe mich gefreut, dass die Betroffenen – auch ohne Einladung in den Vatikan und auf eigene Kosten – in Rom waren und eigene Konferenzen abgehalten haben. Ich war selbst bis Mittwoch in Rom und habe eine gewaltige Energie gespürt.

          Können Sie diese Energie näher beschreiben?

          Wenn man als Betroffene andere Opfer trifft, die man nicht kennt, die auch aus einem anderen Teil der Welt kommen, mit einem anderem sozialen Hintergrund, dann ist man ihnen trotzdem ganz nahe – allein dadurch, dass man das gleiche erlebt hat. Die Missbrauchsgeschichten gleichen sich so sehr, dass man sich fühlt, als würde man alte Freunde treffen. Die Stimmung in Rom war geprägt von dem Selbstbewusstsein und dem Wissen, dass wir eine Stimme haben und Druck ausüben. Der Gipfel war ein machtvolles Zeugnis dafür, dass es Menschen in der Kirche gibt, die nicht locker lassen werden. Das hat mir Mut gemacht und ich glaube auch, dass ein Teil dieser Stimmung auf die Bischöfe und andere Gipfel-Teilnehmer übergeschwappt ist: Der Druck, den die Öffentlichkeit ausübt, ist wie ein Schmelzofen, der Eisen von Schlacke trennt. Es gibt Bischöfe, die anfangen zu verstehen.

          Papst Franziskus wurde für seine Abschlussrede von den Opferverbänden viel kritisiert. Was ist Ihnen während der Rede durch den Kopf gegangen?

          Ich war fassungslos. Ehrlich gesagt ist mir die Kinnlade heruntergeklappt. Ich habe gedacht: Das gibt es doch nicht. Wie kann der Papst nach diesen vier Gipfel-Tagen und dem, was dort an guten Beiträgen präsentiert wurde, eine Abschlussansprache halten, in der er Missbrauch in der katholischen Kirche im ersten Drittel überhaupt nicht erwähnt? Stattdessen sprach er die ersten zehn Minuten von Missbrauch in allen anderen möglichen Kontexten. Das ist aus meiner Sicht nicht als ein PR-Unfall zu rechtfertigen. Das war eine überlegte, sicher absichtliche Entscheidung, um vom Missbrauch in den eigenen Reihen abzulenken. Das war für mich nicht nur enttäuschend, sondern empörend. Was ich aber fast noch schlimmer fand, war, dass Papst Franziskus vom „Teufel“ und dem „Mysterium des Bösen“ in Bezug auf Missbrauch gesprochen hat.

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