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Studie zu sexueller Gewalt : Vertuschter Kindesmissbrauch in der DDR

  • -Aktualisiert am

Eine Kindertagesstätte in Leipzig. Hier herrschte noch eine gewisse Offenheit, während das Heimsystem der DDR in sich stark geschlossen war. Bild: Picture-Alliance

Das politische und gesellschaftliche System der DDR habe sexuellen Missbrauch tabuisiert und damit begünstigt, so das Ergebnis einer neuen Studie. Der Schein der funktionierenden sozialistischen Gesellschaft sollte erhalten werden.

          Sexualisierte Gewalt war in der DDR mit einem weitaus mächtigeren Tabu belegt als im Westen. Die Gründe dafür liegen im politischen und gesellschaftlichen System selbst, so das Ergebnis einer am Mittwoch vorgestellten Fallstudie der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (UKASK). Es habe im Interesse des Staats gelegen, derartige Fälle „zugunsten des Ideals einer deliktfreien Gesellschaft“ zu verschleiern.

          Der erste Teil der Studie widmet sich der sexuellen Gewalt in Institutionen der DDR wie Kinderheimen, Jugendwerkhöfen und auch Schulen. Die Grundlage hierfür liefern 29 Berichte, darunter Transkripte oder Zusammenfassungen von vertraulichen Anhörungen von Opfern sowie sieben Berichte, die von den Betroffenen selbst geschrieben wurden. Insgesamt trugen auch elf von sexueller Gewalt betroffene Männer zu den Berichten bei. Die am stärksten vertretenen Geburtsjahrgänge sind die von 1961 bis 1965.

          Den Wissenschaftlern ist bewusst, dass die relativ geringe Zahl an Berichten statistisch nicht repräsentativ ist. Doch sie betonen, dass vor allem der „Umfang und die Qualität der Texte“ es ermöglichen, „mit qualitativen Methoden DDR-spezifische Konstellationen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche herauszuarbeiten“. Die Mehrheit der Berichte zählt 56 bis 115 Seiten.

          „Rituale struktureller Gewalt“

          Die größte Gruppe der Betroffenen wurde wegen innerfamiliären sexuellem Missbrauchs in die Heime eingewiesen. In der geschlossenen Heimerziehung der DDR erfuhren sie jedoch eine Fortsetzung der Gewalt: „Die penible und strafbewehrte Regulation des Alltags der Insassen und die Allmacht der Erzieher richteten sich gegen die Körper und Psyche der Heranwachsenden“, heißt es in der Studie. Das soziale System der DDR-Heime habe ein sicheres Umfeld für pädophile und sadistische Täter geschaffen. Dazu gehörten ein „extremes Machtgefälle“ zwischen den Erziehern und den Insassen sowie „Rituale struktureller Gewalt“ wie kollektive Prügelstrafen und öffentliche Demütigungen.

          Da die Kinder und Jugendlichen relativ isoliert wurden und auch keine Kanäle für Beschwerdemöglichkeiten bestanden, drangen die Vorfälle nur selten nach außen. Ihre Eltern erfuhren oftmals nie davon. Fluchtversuche endeten an der Staatsgrenze der DDR und wurden mit der Verlegung in restriktivere Heime abgestraft. Die Jugendlichen hätten es später schwer gehabt, die Fälle publik zu machen, weil sexuelle Gewalt laut der Studie in der DDR besonders stark tabuisiert war und überhaupt ein Begriff davon in der öffentlichen Debatte fehlte. Wer den Missbrauch dennoch anklagte, sei häufig als „Lügner“ beschimpft worden.

          Familien wollten sozialistischen Schein wahren

          Im zweiten Teil beschäftigt sich die Studie mit sexueller Gewalt in Familien der DDR. Hier konnten die Forscher auf 56 vertrauliche Anhörungen und 21 schriftliche Berichte sowie zehn Anhörungstranskripte zurückgreifen. Daraus rekonstruierten sie DDR-spezifische Gründe, warum Missbrauch in Familien gesellschaftlich ausgeblendet wurde. Derartige sexuelle Gewalt sei „eines in der sozialistischen Gesellschaft untypisches Vergehen“, das das Bild der heilen Welt störe. Die DDR-Führung war darauf bedacht, die Kriminalitätsrate möglichst gering zu halten, um die „Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung gegenüber der westlichen zu proklamieren“, heißt es in der Studie.

          Tatsächlich war die soziale Kontrolle der DDR so angelegt, dass die Familie selbst sexuelle Gewalt totschwieg und nicht nach außen trug. Für sie ging es oft um den „Wahrung des guten Scheins einer funktionierenden sozialistischen Familie“, womit sie gesellschaftliche Sanktionierung zu vermeiden suchte. Sie fürchtete berechtigterweise staatliche Diskriminierung für das Anzeigen „unsozialistischen“ sexuellen Missbrauchs. Gegenüber den Behörden bestand des Weiteren großes Misstrauen.

          „Das Schweigen wirkte lange nach und hält bis heute an“, sagte laut der Nachrichtenagentur AFP Christine Bergmann, Kommissionsmitglied und frühere Bundesfamilienministerin. „Noch immer sagen Betroffene, dass sie kaum über ihren Heimaufenthalt in der DDR oder über die erlittene sexualisierte Gewalt sprechen können.“

          Betroffene konnten, wenn überhaupt, erst nach dem Ende der DDR über die erlittene sexuelle Gewalt berichten und therapeutische Unterstützung finden. Es fehlt der Kommission zufolge an Hilfen wie Selbsthilfegruppen und Beratungseinrichtungen sowie ausreichenden Therapieangeboten und finanzieller Unterstützung, wie AFP berichtet.

          Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hatte ihre Arbeit im Mai 2016 aufgenommen. Sie untersucht sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in der Bundesrepublik und in der DDR.

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