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Missbrauchsskandal : Eine unabhängige Autorität?

Antje Vollmer Bild: ddp

Die Vorsitzende des Runden Tisches Heimerziehung, Vollmer, wurde schon 2002 über Missbrauchsvorwürfe gegen den vormaligen Leiter der Odenwaldschule, Becker, informiert. Eine „wie auch immer geartete Stellungnahme aus der Ferne“ lehnte sie damals ab.

          Antje Vollmer, Vorsitzende des Runden Tisches Heimerziehung, wurde bereits im November 2002 von einem Lehrer der Odenwaldschule ausdrücklich über die Missbrauchsvorwürfe gegen deren vormaligen Schulleiter Gerold Becker in einem Brief informiert. Der Lehrer, Dr. Salman Ansari, schrieb wörtlich: „Der ehemalige Schulleiter dieser Schule hat während seiner Amtszeit Kinder sexuell missbraucht.“

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vollmer, Grünen-Politikerin und damals Bundestagsvizepräsidentin, ließ den Brief von einer Mitarbeiterin beantworten: „In Ihrem und auch dem mitgesandten Brief Ihres Sohnes werden Vorwürfe gegen eine Person, die Frau Vollmer nicht kennt, und in einer Angelegenheit, die sie in keiner Weise beurteilen kann, erhoben.“ Eine „wie auch immer geartete Stellungnahme aus der Ferne“ von ihr erscheine daher „weder angebracht noch hilfreich“. Zu diesem Zeitpunkt war Becker, der sich nach der Veröffentlichung der Vorwürfe gegen ihn durch die „Frankfurter Rundschau“ 1999 zunächst aus verschiedenen pädagogischen Gremien und von seinen Beraterfunktionen zurückgezogen hatte, wieder vermehrt öffentlich tätig geworden.

          „Das war journalistischer Missbrauch“

          Gemeinsam mit Antje Vollmer hatte er als Studiogast am 13. April 2002 auch an einer „Langen Nacht“ des Deutschlandfunks teilgenommen - sie galt dem Thema „Vertrauen“ und lief unter dem Titel „All, was du hältst, davon bist du gehalten“. Becker wurde als „Pädagoge, Psychologe und ehemaliger Leiter der Odenwaldschule“ angekündigt. Außerdem war Gerold Becker in diesem Jahr auch in das Herausgebergremium der pädagogischen Zeitschrift „Neue Sammlung“ aufgenommen worden. Drei der anderen Herausgeber hatten deshalb das Gremium verlassen - nicht so allerdings Beckers Freund und Lebensgefährte Hartmut von Hentig, der diesem Kreis seit Beginn der sechziger Jahre angehörte.

          Nachdem die Vorwürfe gegen Becker und weitere Lehrer der Odenwaldschule in diesem März von ehemaligen Altschülern und der Schulleiterin Margarita Kaufmann abermals öffentlich konkretisiert wurden, erschien in der „Süddeutschen Zeitung“ ein Artikel von Tanjev Schulz, der Hentig in Berlin besucht hatte. Schulz gelangte zu dem mit Zitaten gut belegten Schluss, dass Hentig „leugnet, verdrängt und bagatellisiert“. Wegen dieses Artikels, in dem Schulz mit seiner Bewunderung für den verehrten Pädagogen und Enttäuschung und Entsetzen über dessen Äußerungen ringt, wurde er dann am 28. März von Antje Vollmer im „Tagesspiegel“ scharf angegriffen. Sie warf ihm „Missbrauch von Missbrauchsdebatten“ und „Inhumanitäten“ vor; Hentig habe seine Erwägung, Becker könne allenfalls von Schülern verführt worden sein, vor dem Abdruck nicht „autorisiert“. Schulz habe Hentigs Vertrauen ausgenutzt, um ihn „zum Tontaubenschießen freizugeben“: „Das war journalistischer Missbrauch.“

          Indes hatte Hentig sich schon vorher gegenüber dem „Spiegel“ geäußert und sich darauf berufen, es habe im Hinblick auf Beckers Kindesmissbrauch nie „eine Verdacht erregende Wahrnehmung, ein Misstrauen, ein mir zugetragenes Gerücht“ gegeben - obwohl doch, wenn er mit dem bewunderten Freund über dergleichen auch nicht geredet haben mag, zumindest die Auseinandersetzung im Herausgebergremium der „Neuen Sammlung“ unmöglich an ihm vorbeigegangen sein kann.

          Aufklärung „versäumt“, wenn nicht gar „verdorben“

          Zugleich griff Hentig Frau Kaufmann scharf an: Sie habe die Vorwürfe öffentlich wie Tatsachen behandelt und somit die Aufklärung „versäumt“, wenn nicht gar „verdorben“. Was indes die Presse anrichte, fuhr Hentig fort, sei „noch viel schlimmer“. Er schlug daher vor, zur „Aufklärung“ eine „unabhängige Autorität“ einzusetzen, und nannte als in Frage kommende Person: „die mit anderen ,Heimopfern' befasste Antje Vollmer“. Vier Tage später forderte wiederum Antje Vollmer in der „Zeit“ für einen Runden Tisch eine „unabhängige Moderation“ - zugleich wurde wie von ungefähr darauf hingewiesen, dass sie eine solche unabhängige Moderatorin (des Heimkinder-Dialogs) sei.

          Ansari hatte sie in seinem Brief 2002 auch auf die Vorgänge bei der „Neuen Sammlung“ hingewiesen. Und er hatte ihr geschrieben: „Ohne die Hilfe einer integren und einflussreichen Person wie Sie habe ich keine Hoffnung, dass es mir gelingen wird, die Verharmloser und Wegseher davon zu überzeugen: ,Alles, was geschieht, geht dich an.'“ Frau Vollmer ließ antworten wie berichtet, Dr. Ansari werde das „sicherlich verstehen“.

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