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Missbrauch in der Kirche : Bischof gesteht schwere Fehler ein

  • -Aktualisiert am

Blick auf den Dom zu Münster und das Schloss Bild: dpa

Der ehemalige Hamburger Erzbischof Werner Thissen spricht in einem Interview erstmals über die schweren Fehler, die auch er im Umgang mit sexuellem Missbrauch gemacht hat. Man habe zu viel Mitleid mit den Tätern gehabt, jede Form von Standards habe gefehlt.

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          Im Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche hat der emeritierte Hamburger Erzbischof Werner Thissen eingestanden, in seiner Zeit im Bistum Münster schwere Fehler begangen zu haben. In einem Interview mit dem Bistumsblatt „Kirche und Leben“ sagte der 80 Jahre alte Thissen, es sei ein „großer Fehler“ gewesen, dass er in seiner Zeit als ein Personalverantwortlicher im Bistum Münster „mit den Betroffenen kaum Kontakt“ gehabt habe. So habe er keine Vorstellung davon gehabt, „was für ein Schaden bei einem jungen Menschen angerichtet wird durch Missbrauch.“ Erst als Erzbischof von Hamburg, als er Betroffenen viele Stunden zugehört habe, sei ihm klar geworden, „was Missbrauch an Verletzungen und Schaden anrichtet“.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Thissen hatte vor seiner Einführung als Erzbischof von Hamburg im Januar 2003 mehr als zwanzig Jahre lang Personalverantwortung im Bistum Münster getragen – er war von 1978 bis 1986 als Leiter der Hauptabteilung Seelsorge-Personal im Bischöflichen Generalvikariat in Münster für den Priester-Einsatz zuständig, von 1986 bis 1999 war er dann Generalvikar und damit Stellvertreter des Bischofs. 1999 wurde Thissen zum Weihbischof ernannt.

          Aus einer im September 2018 vorgestellten Studie der katholischen Kirche geht hervor, dass zwischen 1946 bis 2014 mindestens 1670 katholische Geistliche mindestens 3677 Minderjährige missbraucht haben. Im Bistum Münster fanden sich Hinweise auf 138 pädokriminelle Kleriker. Eine umfassende, eigentlich vorgeschriebene Kooperation mit den staatlichen Strafverfolgungsbehörden fand nicht statt; im Gegenteil betrieb das Bistum Obstruktion.

          Der Fall Heinz Pottbäcker

          Hohe Wellen hatte der Fall Heinz Pottbäcker geschlagen, dessen Fall einer breiteren Öffentlichkeit im Bistum Münster bekannt geworden war. Obwohl der Geistliche 1968 wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden war, war er immer wieder an neue Stellen in ahnungslosen Gemeinden unter anderem in Rhede versetzt worden und missbrauchte prompt abermals Kinder und Jugendliche. Personalverantwortung hatte zunächst in seiner damaligen Funktion als Generalvikar der 2013 verstorbene Münsteraner Bischof Reinhard Lettmann.

          Nach Therapien bekam Pottbäcker 1981 eine Pfarrstelle in Recklinghausen. Eine katastrophale Entscheidung: Nur wenige Monate später ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen sexuellen Missbrauchs von drei Jungen gegen Pottbäcker. Aus den bisher vorliegenden Akten geht nicht hervor, dass das nunmehr von Heinrich Jansen geleitete Generalvikariat die Strafermittler über Pottbäckers umfangreiche pädokriminelle Vergangenheit aufgeklärte. Pottbäcker war nach einer „Auszeit“ im Bistumsarchiv 1988 wieder als Pfarrer eingesetzt worden – unter der Verantwortung von Generalvikar Thissen.

          Werner Thissen, damaliger Erzbischof des Erzbistums Hamburg, im Jahr 2014

          In seinem Gespräch mit „Kirche und Leben“ sagte Thissen nun, er sehe es im Rückblick sehr kritisch, wie die Personalkonferenz im Bistum Münster früher tagte: „Es fehlten jegliche Standards professioneller Personalführung.“ Wenn ein Missbrauchsfall mitgeteilt worden sei, seien in der Regel alle Mitglieder des Gremiums informiert worden. Dann sei besprochen worden, wer sich aus der Personalkonferenz in der jeweiligen Situation kümmern solle. Insgesamt sei das Thema des sexuellen Missbrauchs aber  eher ein „Nischenthema“ gewesen, das die Mitglieder des Gremiums schnell auf den Arzt und Therapeuten abgeschoben hätten.

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