https://www.faz.net/-gpf-9t1qo

Missbrauch in der Kirche : Bischof gesteht schwere Fehler ein

  • -Aktualisiert am

Mitglieder der Personalkonferenz waren damals der Bischof, der den Vorsitz hatte, der Generalvikar, die fünf Weihbischöfe, der Personalreferent und der Regens des Priesterseminars. Die Personalkonferenz sei gar nicht in der Lage gewesen, angemessen mit Missbrauchsfällen umzugehen. „Da hätten Fachleute dazu gehört“, sagte Thissen. Vor allem hätte es „auch einer größeren Distanz zu den Tätern bedurft“, räumte der emeritierte Erzbischof ein. „Diejenigen, die des Missbrauchs beschuldigt wurden, waren ja Priester, die wir gut kannten. Da kommt sehr schnell der Mitleidseffekt auf. In einer Personalkonferenz fragte mal jemand: ‚Muss der Täter denn nicht bestraft werden?‘ Die übereinstimmende Meinung war: Der hat sich doch durch sein Vergehen am meisten schon selbst bestraft.“

Falsches Vertrauen in die  therapeutischen Möglichkeiten

Als weiteren schweren persönlichen Fehler bezeichnete Thissen, „dass mein Vertrauen in die medizinischen, therapeutischen Möglichkeiten überzogen und unrealistisch war.“ Der Fehler habe aber nicht bei dem inzwischen verstorbenen Therapeuten gelegen, sondern bei den Personalverantwortlichen, die den Therapeuten „ausgenutzt“ hätten. Wir haben das von uns weggeschoben auf ihn und dort, wo er sich zu viel drum kümmern musste, haben wir zu wenig getan.“

In einer schriftlichen Stellungnahme begrüßte der heutige Bischof von Münster, Felix Genn, die Äußerungen Thissens: „Betroffene sagen uns immer wieder, wie wichtig es für sie ist, zu erfahren, wer von den damaligen Verantwortungsträgern dafür zuständig war, dass die Taten sexuellen Missbrauchs nicht an die Öffentlichkeit kamen und nicht unter Beachtung der Interessen der Betroffenen bearbeitet wurden, sodass Priester, die Kinder und Jugendliche missbraucht hatten, weiter als Priester tätig sein konnten. Indem das so geschah, wurde erst die Möglichkeit geschaffen, dass Priester weiter Kinder und Jugendliche missbrauchen konnten.“

Er sei dankbar, dass sich Thissen zu seinen Fehlern und zu seiner Verantwortung bekenne.  Thissen werfe ein ungeschminktes Licht darauf, wie die Verantwortungsträger im Bistum Münster damals entschieden hätten. „Dass dabei, wie es Werner Thissen selbst sagt, die Betroffenen nicht im Blick waren, bleibt für uns heute unverständlich. Meine Form der Entschuldigung bei den Betroffenen sexuellen Missbrauchs kann nur die sein, dass ich zusage, die Vergangenheit, soweit das überhaupt möglich ist, unabhängig von kirchlichen Instanzen aufarbeiten zu lassen.“

Das Bistum Münster hat einen Historiker der Universität Münster beauftragt, die Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester, Diakone oder Ordensleute umfassend zu untersuchen. Der Wissenschaftler hat auch den Auftrag herauszuarbeiten, ob und wie die (Macht-)Strukturen im Bistum den Missbrauch erst möglich gemacht haben. 

Weitere Themen

Biden bezeichnet Tat als "Terrorakt" Video-Seite öffnen

Geiselnahme in Texas : Biden bezeichnet Tat als "Terrorakt"

Der Tatverdächtige habe nach seiner Ankunft im Land Waffen gekauft und seine erste Nacht in einer Unterkunft für Obdachlose verbracht, sagte Biden am Sonntag. Der Geiselnehmer soll britischer Staatsbürger gewesen sein.

Das europäische Frankensteinproblem

EU und Polen : Das europäische Frankensteinproblem

Aus Einzelelementen des Rechtsstaats lässt sich ein monströses Staatsgebilde errichten. Das macht die Kritik am Umbau der polnischen Justiz schwierig, aber nicht unmöglich. Ein Gastbeitrag.

Topmeldungen

Foto von einer Zeremonie zum Start von Nord Stream 2 im Jahr 2010 in Russland

Naftogaz-Chef zu Nord Stream 2 : „Ich glaube, dass Putin blufft“

Der Chef des ukrainischen Energiekonzerns Naftogaz spricht über Deutschlands Abhängigkeit von russischem Gas und warnt vor der Pipeline Nord Stream 2. Zudem erklärt Yuriy Vitrenko, warum er in dieser Situation auf die Energiewende hofft.

Einreise-Drama in Australien : Djokovic und der ominöse Covid-Test

Wurden die Covid-Tests, mit denen Novak Djokovic eine Sondergenehmigung zur Einreise als Ungeimpfter erhalten wollte, vorsätzlich mit falschen Daten versehen? Die Dokumente sind mindestens dubios.
Fernab des Luxus: Blick vom Armutsviertel Petare auf Caracas

Wenige Reiche, viele Arme : Ein Kasino namens Venezuela

Die Zeiten der leeren Supermarktregale sind in Venezuela vorerst vorbei. Für wenige Privilegierte gibt es jetzt wieder alles – für den großen Rest fast nichts.