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Missbrauchsfall Lügde : Sumpf des Behördenversagens

Ein Polizeiauto auf dem Campingplatz Eichwald Bild: dpa

Im Missbrauchsfall von Lügde gab es anscheinend noch mehr Hinweise auf die Pädophilie von Andreas V. als bisher bekannt – und einen weiteren Fall manipulierter Akten.

          Der Hamelner Landrat Tjark Bartels hatte im Fall des Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde das Wort „Entschuldigung“ bisher sorgsam vermieden. Bartels sprach stattdessen davon, dass er sich vor den rund dreißig Opfern „mit Respekt verneigt“. Hintergrund war, dass der niedersächsische SPD-Politiker über Wochen nicht anerkennen wollte, dass auch in seiner Behörde Fehler begangen worden sind. Am Dienstagmittag hat Bartels diese Sichtweise nun korrigiert. Denn die Auswertung der Jugendamtsakten hat ergeben, dass das multiple Behördenversagen im Fall Lügde noch einmal deutlich schlimmer war als bislang bekannt und der Landkreis Hameln bis zum Scheitel mit in diesem Sumpf hängt.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Widerlegt ist vor allem die bisherige Einschätzung Bartels’, dass das ihm unterstellte Jugendamt keine Hinweise auf pädophile Neigungen des mutmaßlichen Haupttäters Andreas V. hatte, sondern lediglich dessen Wohnsituation als Dauercamper zu prüfen gehabt habe, die nach Aussage Bartels’ aber auch gar nicht „messihaft“ gewesen sein soll, sondern im Vergleich zu anderen Fällen „in Ordnung“.

          Der Landrat muss bei diesen fehlerhaften Einschätzungen hausinternen Beschwichtigungen auf den Leim gegangen sein, während die Akten des Jugendamts beschlagnahmt bei der Staatsanwaltschaft lagen. Deren Auswertung hat nämlich inzwischen ergeben, dass das Jugendamt von Hameln-Pyrmont immer wieder Hinweise auf mutmaßlichen sexuellen Missbrauch durch Andreas V. bekommen hat. Dennoch erteilte die Behörde am 1. März 2017 die Genehmigung dazu, dass eine überforderte Mutter ihre kleine Tochter bei Andreas V. in dessen Camping-Verschlag aufwachsen lassen darf und dieser dafür als Pfleger auch noch rund tausend Euro im Monat vom Staat erhält.

          Eine weitere Dimension im Fall Lügde

          Zu diesem Zeitpunkt gab es insgesamt bereits vier Verdachtsmomente auf Kindesmissbrauch gegen Andreas V.: Im August 2016 hatte sich der Kinderschutzbund bei den Behörden gemeldet und vor sexuellem Missbrauch durch Andreas V. gewarnt. Dieser Hinweis wurde an das Jugendamt Hameln-Pyrmont nicht nur über die nordrhein-westfälischen Behörden herangetragen, er gelangte nach Auskunft von Bartels auch direkt vom Kinderschutzbund ins Jugendamt. Anders als bislang dargestellt schaffte es im November 2016 auch der Hinweis einer aufmerksamen Jobcenter-Mitarbeiterin aus Lippe bis ins niedersächsische Hameln. Der Frau war bei einem Behördentermin die verschmutzte und zu kalte Kleidung des Mädchens aufgefallen. In dem Gespräch kam zudem heraus, dass sich das Mädchen vor dem Geruch verschwitzter Männer ekelte. Andreas V. prahlte zudem offen, das Mädchen mache ihn „heiß“ und würde für Süßigkeiten „alles“ machen. Im Dezember 2016 erreichten auch diese klar auf sexuellen Missbrauch deutenden Details das Jugendamt.

          Korrigierte seine Aussage: Tjark Bartels (SPD), Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont, räumte letztlich Behördenfehler im Missbrauchsfall von Lügde ein.

          Über diese aus den bisherigen Ermittlungen bereits bekannten Warnungen hinaus hatte das Jugendamt Hameln-Pyrmont aber noch weitere, bisher unbekannte Hinweise auf den mutmaßlichen Kinderschänder Andreas V. Eine beratende Psychologin des Kindergartens, den das Mädchen besuchte, berichtete dem Jugendamt im September 2016 von einem „unguten Gefühl“ und wies auf möglichen sexuellen Missbrauch hin. Das Jugendamt fertigte zudem vor der Entscheidung über die Anerkennung von Andreas V. als Pflegevater des Mädchens ein sogenanntes Genogramm über den Mann an. Ein Genogramm macht die Entwicklung der familiären und privaten Beziehungen einer Person graphisch anschaulich. Landrat Bartels erklärte nun, dass das Genogramm von Andreas V. „wie abgeschrieben aus dem Lehrbuch“ wirkte und klare Anhaltspunkte für dessen pädophile Neigungen aufgezeigt habe. Die Grafik ergab, dass Andreas V. immer wieder die Nähe junger Mädchen suchte und gezielt Abhängigkeitsverhältnisse schuf.

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