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Missbrauch auf Campingplatz : Opfer eines kläglichen Versagens

  • -Aktualisiert am

Blick auf ein Gebäude auf dem Campingplatz Eichwald. Bild: Guido Kirchner/dpa

Ein Mann soll auf einem Campingplatz mindestens 29 Kinder missbraucht haben. Immer deutlicher wird: Ein Teil der Taten hätte verhindert werden können – doch gleich zwei Jugendämter und auch die Polizei reagierten lange nicht.

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          Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Staatsanwaltschaft Detmold ihre Ermittlungen im Fall des mutmaßlichen massenhaften Missbrauchs von nach neuesten Erkenntnissen mindestens 29 Kindern auf einem Campingplatz in Lügde auch auf die örtliche Polizei ausweiten würde. Der 56 Jahre alte Dauercamper Andreas V. soll seine Opfer – bei denen es sich mit zwei Ausnahmen um Mädchen handelt – über viele Jahre lang mehr als 1000 Mal missbraucht haben.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Seit einiger Zeit wechselte er sich laut Staatsanwaltschaft dabei mit einem 33 Jahre alten Mann aus Höxter ab, den er über das Darknet kennengelernt hatte. Gemeinsam sollen die beiden Pädokriminellen kinderpornographische Filme angefertigt haben, die sie an einen 48 Jahre alten Auftraggeber in Niedersachsen lieferten.

          Schon bevor die Staatsanwaltschaft den schockierenden Fall öffentlich bekanntmachte, nahm sie auch Mitarbeiter gleich zweier Jugendämter in ihren Fokus. Deren Aufgabe war es, den nun Hauptverdächtigen in seiner Funktion als Pflegevater eines kleinen Mädchens im Blick zu haben – doch dabei haben die Jugendamtsmitarbeiter allem Anschein nach kläglich versagt.

          Auch die Polizei hat offenbar versagt

          Hinzu kam nun am Freitag ein Verfahren gegen Beamte der Kreispolizei Detmold. Anlass dafür sind die Hinweise auf Andreas V., die ein besorgter Familienvater schon im August 2016 telefonisch einem für Lügde zuständigen Beamten mitteilte. Der Polizist fertigte nach dem Telefonat einen schriftlichen Vermerk an, den er an das Jugendamt weiterleitete. Sexueller Missbrauch zählt zu den Offizialdelikten, muss also von Amts wegen verfolgt werden.

          Doch die Ortspolizei fragte weder das für Sexualstraftaten zuständige Fachkommissariat ihrer Kreispolizeibehörde um Rat, noch informierte sie die Staatsanwaltschaft. Stattdessen wurde die Sache ans Jugendamt delegiert. Noch nicht einmal eine Kopie des Vermerks verblieb im Sommer vor zweieinhalb Jahren bei der Polizei. Dabei hätte der Inhalt des Vermerks einen Polizisten durchaus hellhörig machen können, wie es Oberstaatsanwalt Ralf Vetter formuliert.

          Nur wenige Wochen später erreichte ein zweiter alarmierender Hinweis die Polizei. Im November 2016 suchte der arbeitslose Hartz-IV-Empfänger Andreas V. in Begleitung seiner kleinen Pflegetochter das Jobcenter Lippe auf. Über den verstörenden Auftritt der beiden legte die Sachbearbeiterin eine Aktennotiz an. Das Mädchen sei nicht warm genug angezogen, seine Kleidung sei schmutzig gewesen, heißt es darin.

          Auch einen für ein sechs Jahre altes Kind höchst ungewöhnlichen Satz gab die Jobcenter-Mitarbeiterin wieder: Sie könne den Geruch von Männern nicht mehr ertragen. Oberstaatsanwalt Vetter sagt, in dem Protokoll sei auch eine Äußerung von Andreas V. festgehalten, die auf sexuellen Missbrauch des Kindes hindeuten konnte. Gleichwohl begnügte sich die Polizei damit, auch dieses Dokument wieder an das Detmolder Jugendamt weiterzureichen.

          Campingplatz erschien dem Jugendamt unverdächtig

          Das Amt wiederum verweist darauf, dass ihm damals lediglich eine Kindeswohlgefährdung angezeigt worden sei, jedoch kein sexueller Missbrauch. Umgehend hätten sich Mitarbeiter auf dem Campingplatz, wo Andreas V. mit dem Kind ein aus mehreren Holzverschlägen zusammengezimmertes Haus bewohnte, ein eigenes Bild gemacht.

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