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Missbrauch : Kinderpornos an der Odenwaldschule

  • -Aktualisiert am

Bild: André Laame

In den siebziger und achtziger Jahren machte ein Musiklehrer an der Odenwaldschule pornographische Aufnahmen von Kindern. Er hatte Helfer. Niemand griff ein, niemand unternahm irgendetwas.

          11 Min.

          Es gibt zwei Arten von Pädokriminellen. Die einen werden erwischt. Die anderen nicht. Doch die Sexualität ist eine Großmacht, sie verlangt nach Betätigung, was auch immer ihre Objekte sein mögen. Wer einmal damit angefangen hat, Kinder sexuell zu benutzen, hört gewöhnlich nicht damit auf. In den Vereinigten Staaten haben Auswertungen unter verurteilten Päderasten als durchschnittliche Zahl der Opfer ergeben: knapp 170. Die gut 400 untersuchten Täter hatten zusammen 67 000 Kinder missbraucht. Und das waren Männer, die erwischt wurden. Es gibt auch solche, die niemand daran gehindert hat, weiterzumachen.

          Wie den Musiklehrer Wolfgang Held, der von 1966 bis 1989 an der Odenwaldschule unterrichtete. Held war "Familienhaupt", wie es an der Oso heißt, er lebte mit den Schülern zusammen. Meist waren es sechs, an vielen verging er sich; wer nicht mitmachte oder gefiel, verließ die "Familie" bald wieder. Held allein hat in diesen Jahren an der Schule, niedrig geschätzt, dreißig Jungen missbraucht, gewohnheitsmäßig. Seine Homosexualität war dort jedem bekannt, er hatte nur Jungen in seiner "Familie", war ständig von einer Traube von ihnen umgeben, darunter auch kleinen, abhängigen Kindern, die eigentlich im Pestalozzi-Haus betreut werden sollten. Aber manche hübsche, weiche Jungs kamen eben zu Held ins Herder-Haus, unter das Dach. Die Vorhänge in seiner Wohnung waren immer zugezogen.

          Niemand griff ein, niemand unternahm irgendetwas

          Niemand griff ein, niemand unternahm irgendetwas. Viele Lehrer fanden Held sowieso unausstehlich, mochten seine Art nicht, gingen ihm aus dem Wege. Aber er blieb ungeschoren: unter den Schulleitern Walter Schäfer, sodann Gerold Becker, der selbst pädokriminell war und wie Held im Herder-Haus wohnte, und schließlich Wolfgang Harder, Beckers Nachfolger ab 1985. Alle hielten die Hand über ihn; Becker selbst zog ja nachts im Bademantel durchs Herder-Haus, wo er im Erdgeschoss lebte, legte sich zu Kindern ins Bett, verging sich an ihnen. Gelegentlich ging er auch hinüber zu einem der anderen Pfefferkuchenhäuschen, die, im Wald verstreut, das verwunschene Paradies der Odenwaldschule bilden, und morgens sah man im Schnee seine Spuren.

          Die Odenwaldschule
          Die Odenwaldschule : Bild: dpa

          Der Schnee ist von gestern, längst geschmolzen, aber die Spuren sind wieder da. Auch die von Held. Dabei wurden die ersten Vorwürfe gegen ihn bereits 1968 erhoben. Er wurde, zusammen mit dem Lehrer Waldfried Mannheim (Name geändert), von etwa zehn Jungen wegen seiner sexuellen Übergriffe verklagt; die Knaben erzählten dem Direktor detailliert ihre Geschichten. Einer von ihnen, Friedhelm J., hatte die Gruppe zusammengetrommelt. Er war noch nicht lange auf der Schule, stammte aus einer Unternehmerfamilie. Auf das Internat kam er wegen der lebensbedrohlichen Erkrankung seines Vaters - der denkbar gefährlichste Einstieg. Denn die Päderasten fürchten und hassen Väter. Ihre Beute sind vor allem Kinder, die keinen Vater haben, sei es physisch, sei es psychisch, Waisen, Bindungswaisen. Bald war auch Friedhelms Vater tot.

          Selbstbewusstsein und Offenheit, in den sechziger Jahren keine Selbstverständlichkeit

          Aber Friedhelm war trotzdem keine leichte Beute für die - wie sich Becker und seine Jünger nannten - „Kinderfreunde“. Er war von beiden Eltern mit Wärme zu Selbstbewusstsein und Offenheit erzogen worden, in den sechziger Jahren keine Selbstverständlichkeit. Und Friedhelm wunderte sich, als er bei einem Ausflug im Schwimmbad mitansah, dass Lehrer Mannheim engen Körperkontakt zu anderen Jungen hielt.

          Als er später eingeladen wurde, mit Lehrern auch in die Ferien zu fahren, erzählte er seiner Mutter davon - die verbot es und mahnte ihn zur Vorsicht. Nach den Ferien begann Friedhelm unter den Kameraden herumzufragen und bekam die Geschichten darüber zu hören, was solche Lehrer mit ihnen anstellten: auch Held. "Ich hab' dann recherchiert, in der Naivität eines Dreizehnjährigen", erzählt Friedhelm, "und in kürzester Zeit hatte ich da so acht bis zwölf Kinder zusammen." Sie bekamen einen Termin beim Direktor, trafen sich an der Treppe hinter dem Goethehaus und pilgerten den Berg hinauf zu Schäfer, wo sie der Reihe nach ihre Geschichten von Held und Mannheim berichteten, in unverblümten Einzelheiten.

          Mannheim musste die Schule verlassen, wenige Tage später, im Oktober. Schüler beobachteten, wie er seine Siebensachen am Goethehaus im Dunkel der Nacht in den schwarzen Käfer packte und davonfuhr, auf Nimmerwiedersehen. Was war geschehen? Schäfer hatte ihn wegen der Übergriffe unter Druck gesetzt und sein Ausscheiden aus dem Schuldienst verlangt. Im Gegenzug verzichtete er - in Absprache mit dem Schulamt - auf Strafantrag und verhalf Mannheim zu einer Anstellung bei einer ehrenwerten Institution.

          Ein warmer Empfehlungsbrief für den neuen Arbeitgeber

          Ein „Albtraum“ für Mannheim. Er sagt, er habe mit einigen Jungen aus seiner Familie auf deren Wunsch im Schlafanzug getobt - mehr nicht. Aber er habe sich, unter höchstem Druck, Schäfer nicht widersetzen können, zumal ihm die Angst vor einem Strafverfahren im Nacken saß: Ihm war bewusst, dass allein der Vorwurf seine bürgerliche Existenz vernichten könne; dagegen stand Schäfers Angebot, in einen neuen, guten Job zu gehen. Und tatsächlich schrieb Schäfer, der zuvor die Konferenz als formales Beschlussorgan genötigt hatte, Mannheim die Trennung nahezulegen, einen warmen Empfehlungsbrief für Mannheims neuen Arbeitgeber. In der Oso geisterte das falsche Gerücht herum, er wäre auf ein Mädchengymnasium versetzt worden; für die heutige Schulleitung verliert sich seine Spur in weiter Ferne.

          Aber auch Friedhelm musste gehen. Die Luft um ihn gefror, er wurde einem Intelligenztest unterzogen, das Ergebnis gefälscht. Als er seiner Mutter davon erzählte - ohne selbst begriffen zu haben, was da gespielt wurde -, ließ die einen anderen Test anfertigen. Die Mutter, seit gut einem Jahr Witwe, wurde vor die Schulkonferenz geladen; dort wurde ihr, wegen des angeblich schuluntauglichen Sohnes, wie vor einem Tribunal von Schäfer der Prozess gemacht. Nur der Sportlehrer Brandwein erhob Widerworte, verließ schließlich, gefolgt vom Kunstlehrer, wütend die Konferenz. Als man der Witwe den miserablen IQ-Test vorlegte, zog sie den eigenen, sehr gut ausgefallenen als Gegengutachten aus der Tasche - doch war nach dieser Szene sowieso klar, dass an ein Verbleiben Friedhelms auf dieser Schule nicht mehr zu denken war.

          „Was sind die Bedingungen, dass ich meinen Sohn von der Schule nehmen kann?“ Schulleiter Schäfer antwortete: „Keine.“ So verließ Friedhelm die Odenwaldschule, glücklich, denn: „Es war nicht mehr zum Aushalten.“

          Damals begriff er die Gründe nicht, er war ein Kind

          Damals begriff er die Gründe nicht, er war ein Kind, das nichts getan hatte, als sich mutig und geradlinig zu verhalten. "Werde, der du bist!" - so lautet das Motto der Odenwaldschule. Friedhelm war schon, der er war. Aber nun war er weg (und nicht als Letzter, der für Widerstand diesen Preis zahlte), und auch Mannheim war weg. Als Bauernopfer?

          Denn Held blieb, noch 21 Jahre. Er wohnte weiter in seiner Wohnung mit den zugezogenen Vorhängen. Er umgab sich weiter mit einer Schar von Jungs. Und verreiste mit ihnen, was schon Mannheim seltsam vorgekommen war. Zunächst mit einem VW-Bus, später mit einem ausgebauten Peugeot J7, mal auf Wochenendtouren, mal in den Ferien auf große Fahrt in die Schweiz, nach Italien, Frankreich, Korsika oder Griechenland. Er missbrauchte die Jungs während dieser Reisen. Um manchmal tags darauf die Eltern am Comer See zu besuchen. So schildert es Alexander Drescher, der anderthalb Jahre Helds Opfer war. Dreschers Vater, glaubt der Sohn, habe den Täter durchschaut. Mit Wohlgefallen. In seinen Augen glänzten die Ideale Stefan Georges, "Maximin", die Vergötzung des Meisters in den marmornen Gottkörpern seiner Jünger. Angeregt unterhielten sich die Eltern mit dem intelligenten, intellektuellen Musiklehrer und genossen später auch die Besuche seines "Adoptivvaters", des Komponisten Wolfgang Fortner.

          Als Severin L. nach dem frühen Tod seines Vaters aufs Internat kam, mit neun Jahren, entschied sich die Mutter für die Odenwaldschule, weil Held, dem sie vertraute, dort Lehrer war. Von Anfang an kam Severin in dessen Obhut, in Helds "Familie", direkt neben dessen Wohnung in das kleine Zimmer unter dem Dach. Da gab es zwei Betten, zwei Schränke, einen Tisch mit einem Palästinensertuch als Decke, Poster mit Tierbildern an den Wänden - und einen anderen, drei Jahre älteren Jungen. Die Kinder hatten Spielzeug von zu Hause mit, ihre kleinen Kuscheltiere. Sie waren die Jüngsten: Severin L. und Dieter G.

          Die Platte hat er noch: „Crime of the Century“ mit dem Superhit „School“

          Dieters Vater war am Leben, ein erfolgreicher Unternehmer, der mit seinem verträumten und verspielten Jungen nicht zurechtkam. "Vollkommen kalt" nennt ihn der Sohn. Held war anders. Er war im Musikunterricht auf den hübschen, sensiblen Knaben aufmerksam geworden. Held überredete die Eltern von Dieter, ihn Cello zu lehren. Er zeigte Dieter, wie man fotografiert. Er lockte Dieter: "Komm doch in meine Familie." Ab und zu holte er ihn ins Herder-Haus, zum Frühstück. Und schließlich richtete Held es ein, dass Dieter in das Zimmer neben seiner Wohnung zog. Dort fühlte der Junge sich wohl. Held gab ihm die vermisste Wärme, kaufte den Jungs eine Autorennbahn zum Spielen. Verwöhnte sie mit selbstgekochtem Essen, italienischen Antipasti, die Pfanne auf dem Tisch. Die Jungs durften Musik hören, auch Rock und Pop, obwohl der Lehrer Sinfonisches bevorzugte. Noch heute verwahrt Dieter seine erste Platte. Von Supertramp: "Crime of the Century", mit dem Superhit "School".

          Die wöchentlichen Übergriffe empfand Dieter als "Beipack". Die Folgen, bis hin zum Ekel vor sich selbst, kamen erst später. Aber noch heute spürt er die Wärme, wenn er an Held denkt. Den Vater, von dem er immer geträumt hatte. Für Severin war es anders. "Ein Junge, der seinen Vater früh verloren hat", so sagt er, "sucht immer nach Vorbildern." Doch Held habe zum

          Leitbild nicht getaugt: "Wolfgang Held war ein armer Hund." Ein Hypochonder, der ständig unter Migräne litt oder sie sich einbildete, den Schuppenflechte, Gürtelrose, Neurodermitis plagten, der seine schmerzenden Hände mit Baumwollhandschuhen schützte und Loratadin einnahm, überhaupt ein riesiges Arsenal von Medikamenten in einem Schrank gegenüber der Dusche verwahrte.

          Held scharte die Knaben um sich, weil er in der Erwachsenenwelt keine finden konnte

          Wenn er früh nicht unterrichten musste, fand er schwer aus dem Bett, überhaupt hatte er Angst vor den Menschen - ein Sonderling, eingekapselt in seiner „Familie“ in der Kapsel Odenwaldschule. Einer seiner Knaben erzählt: „Er dachte immer, wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Und da eigentlich niemand für Wolfgang Held war, dachte er, alle sind gegen ihn.“ Am gemeinsamen Schulfrühstück im Speisesaal nahm er so gut wie nie teil; frühstückte lieber im Kreis „seiner“ Kinder in der zweiten Pause und klagte ihnen sein Leid. Held scharte die Knaben um sich, um sie zu Freunden zu machen, weil er in der Erwachsenenwelt, von Gleich zu Gleich, keine finden konnte.

          Angst vor Erwachsenen, Angst vor erwachsener Sexualität - sie ist der Keim der Pädophilie. Dieser Keim wird von den Päderasten immer neu gepflanzt und so von Generation zu Generation weitergegeben. Held war Halbwaise, als Kind bei den Thomanern, wo er seine Unschuld verlor. Unter kultivierten, kulturliebenden Erwachsenen im Kreis um Fortner, auch unter Eltern von Oso-Schülern wurde er spitzbübisch Fortners "Lustknabe" genannt.

          Natürlich war er nicht lustig. Er klagte viel, schimpfte, neigte zu cholerischen Ausbrüchen - vor allem, wenn er als Musiklehrer für öffentliche Auftritte und Veranstaltungen geradestehen musste. Missgelaunt klagte er über die Schlechtigkeit der Welt oder seiner Kollegen; in aufgeräumter Stimmung erging er sich in den Feinheiten seiner teuren Musikanlage und der gewaltigen, perfekt abgestimmten Boxen. Er war überhaupt ein musikalischer Technik-Freak, sein Schallplattenspieler ein Heiligtum, das nur er berühren durfte.

          „Vom Leben sehr gezeichneter Schöngeist“

          Aber er konnte auch begeistert, aufmerksam und genau über Musik reden. Manche Schüler beurteilen ihn in der Rückschau als allenfalls mäßigen Instrumentalisten. Doch hatte Held schon in Leipzig und dann erst recht durch den bedeutenden Fortner eine gute Ausbildung genossen. Er spielte Querflöte in Solistenqualität, außerdem Spinett, übte im Alter noch Bachs komplettes Klavier-Repertoire. Ein musikalischer Schüler, der erst mit 16 Jahren in Helds „Familie“ kam, Hartmut K., schwärmt von Helds feinfühligen und kenntnisreichen Einführungen in die Welt von Mahler und Wagner; seinerseits dankbar über die Lernbegierde, ging Held mit ihm auf seiner Anlage den Kosmos der modernen Einspielungen durch. Er war überhaupt kulturbeflissen, besaß eine umfangreiche Sammlung französischer und italienischer Nachkriegsfilme.

          Ein, wie auch Hartmut K. meint, „vom Leben sehr gezeichneter Schöngeist“. Was hat ihn gezeichnet? K. weiß es nicht, gibt versuchsweise Antworten: der Krieg, die Homosexualität in den Zeiten der Schwulenverfolgung. Doch auf der fortschrittlichen, freiheitlichen Oso war Homosexualität schon damals kein Tabu, sie wurde im Unterricht von manchen Lehrern geradezu gepredigt; Oso-Schülern wurde beigebracht, was heute jeder weiß: dass sie etwas ganz Normales sei, Identität, Orientierung. Die Schüler in Ober-Hambach wurden insgesamt zur Toleranz erzogen, die meisten huldigen dem "Geist der Odenwaldschule" bis heute und saugen auch Jahrzehnte später noch am unerschöpflichen Behagen, mit dem die Toleranz den Toleranten belohnt.

          Intoleranz war sicher nicht Helds Problem. Im Herder-Haus lagen etliche Ausgaben von Erich Ebermayers "Odilienberg" herum. Der heute vergessene Erfolgsautor, auch von Drehbüchern wie etwa den "Mädels vom Immenhof", seinerseits "Adoptivvater" eines Richthofen-Neffen, thematisiert in "Odilienberg" die Liebeshändel zwischen Lehrern und Schülern, am Rande auch Schülerinnen - ein Buch, das sich wie eine romantisch verklausulierte Betriebsanleitung für Päderasmus liest, bereits 1929 als "Kampf um Odilienberg" erschienen, Gustav Wyneken gewidmet ist und gewidmet wurde, dem wegen Unzucht mit Knaben verurteilten Gründer der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. Dessen Geschichte versetzt Ebermayer in das ihm ebenfalls vertraute Oso-Gelände; wer es nicht besser weiß, glaubt in der Beschreibung Wynekens als "schleichender Tiger" Gerold Becker zu erkennen.

          „Weißt du, ich spiel jetzt an dir hier rum“

          Konnte man wirklich übersehen, was im Herder-Haus geschah? Hartmut K. sagt: Ja. Er fragt sich, ob er verdrängt hat oder nur weggeschaut. Ihn hat Held in Ruhe gelassen, aber Hartmut war auch schon sechzehn, als er ankam. Er interessierte sich für Mädchen und Musik, Held verhalf ihm zu privilegierter musiktheoretischer Fortbildung, die er selbst nicht mehr leisten konnte, bei einem externen Musikwissenschaftler, schließlich bei Fortner, einem der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten. Hartmut K. ist dafür tief dankbar und hielt bis zu Helds Tod 2006 gelegentlich Kontakt zu ihm, und zu den Altschülern, die ihn pflegten und unterstützten, Helds alten Favoriten. Denn solche gab es auch unter seinen Opfern, die ihm, je nach Status, Gemächt oder Füße massieren mussten. Vor Hartmut K., einer ebenfalls feinen, differenzierten Natur, blieb das verborgen oder wurde ihm verborgen gehalten; er mochte und mag darüber auch nicht nachdenken oder es sich vorstellen. Und er fuhr auch nicht mit Held in die Ferien.

          Aber Severin und Dieter, die Kleinen aus der Dachstube mit den Kuscheltieren und den Tierkinderpostern. Morgens im Wohnmobil holte Held den neunjährigen Severin zu sich ins Bett. „Weißt du, ich spiel jetzt an dir hier rum. Das habe ich schon früher mit anderen gemacht. Die sind heute alle erwachsen“, erzählte Held und vergriff sich am Genital des Jungen. Und erzählte weiter, dass diese Jungs inzwischen Ärzte seien oder andere fabelhafte Berufe hätten, und Frauen, und Kinder. „Und die fanden das damals auch ganz toll.“ [...] So brachte Held den Kindern bei, ihn zu befriedigen; bald gehörte es dazu. Die Kinder kannten es nicht anders. Und Scham, die dauert, verschloss ihre Lippen.

          Severin lag beim ersten Mal einfach nur da „wie betäubt“. Er erzählt: Wenn einem so etwas als Kind passiert, ist man wie paralysiert, gemindert, fühllos. Es ist, als ob „ganz wesentliche Teile des Gehirns abgeschaltet werden, die nicht mehr da sind, die einfach abgeschaltet werden. Und das, was einem in dieser Situation gesagt wird, ist etwas, dass Ihnen wie in Ihr Gehirn hineingestickt wird. Hineingebrannt wird. Das ist, als ob jemand Ihr Gehirn umprogrammieren würde.“

          Unsichtbar im Kopf Helds vierzig Jahre alte kleine Stickerei

          Krawnitz kam meistens mit, wenn Held mit den Kindern verreiste. Er studierte, ein ehemaliger Schüler. Einst hatte er selbst neben der Lehrerwohnung unter dem Dach gelebt. Abends war Krawnitz oft in das Zimmers seines Lehrers gegangen, er gehörte zu Helds Lieblingen, die allein bei ihm zurückblieben, wenn die anderen Jungen nach den Musikabenden in ihre Zimmer gingen. Held hatte Krawnitz zärtliche Spitznamen gegeben, ihm eine Uhr geschenkt. Nach der Schulzeit war Krawnitz in Helds Penthouse in Heppenheim untergekommen. Severin hat ihn als dessen „festen Freund“ in Erinnerung.

          [...] Anschließend sagte Held zu Severin: „Das ist unser kleines Geheimnis. Es muss ja niemand wissen, was wir hier machen. Und du erzählst doch deiner Mutter nichts?“ Severin hat es nicht getan. Drei Jahre blieb er bei Held. Bis zu zweihundert Mal wurde er von ihm missbraucht, schätzt Severin. Er hat einen guten Beruf, er hatte eine Frau, er hat Kinder - und unsichtbar im Kopf Helds vierzig Jahre alte kleine Stickerei. Kreuzstich.

          Während der Fahrten fotografierte Held die Jungs mit der Hasselblad, nackt, im Freien, in malerischer Kulisse. [...] Für den Aufenthalt mietete Held ein Bauernhaus. Zugeschneit, „ein schierer Traum“. Dieter sagt, Held drehte auch Videos mit seiner Super-Acht-Kamera, ein anderer Schüler kennt die Marke noch: Bolex. „Das ging los mit einer Kissenschlacht und endete in einem Porno.“

          Nun war er ein Erwachsener - ein Feind

          An den Wochenenden zog Held mit seinen Schülern in das Penthouse in Heppenheim, wo Krawnitz wohnte. [...]

          Severin distanzierte sich schließlich von Held, „wie ein Kind von seinem ungeliebten Vater“. Er wehrte die Übergriffe ab und sagte Held, er wolle von ihm nie wieder angefasst werden. „Ich habe ihm gesagt, dass ich zum Schulleiter gehe, wenn er nicht sofort reagiert.“ Severin kam daraufhin nach drei Jahren bei Held in eine neue „Familie“. Für Held war er gestorben, nun ein Erwachsener - ein Feind. Dieter verließ nach anderthalb Jahren die Odenwaldschule. Seine Eltern nahmen ihn von einem auf den anderen Tag aus dem Internat. „Sie hatten wohl mitbekommen, dass etwas nicht in Ordnung war.“ In der Schule wurde das Gerücht gestreut, dass die Eltern kein Geld mehr hätten.

          [...] und andere blieben Held sein Leben lang treu. Sie wohnten mit ihm unter einem Dach und pflegten ihn, bis er starb - von Altschülern wird heute auch der schwer erkrankte Gerold Becker gepflegt. Auch der eine oder andere von Helds alten Favoriten hat: Beruf, Frau, Kinder. Auffallend ist bei manchem dieser Ehemaligen die Spezialisierung auf Film und Fotografie. Helds Opfer fürchten heute, dass die kinderpornografischen Dokumente ihrer Misshandlung noch existieren, jederzeit wieder auftauchen könnten - unter den Voraussetzungen des digitalen Zeitalters. Einer von ihnen hat deshalb die Polizei informiert. Ihm wurde mitgeteilt, die Sache sei verjährt, Ermittlungsansätze gäbe es nicht.

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