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Missbrauch : Kinderpornos an der Odenwaldschule

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Die wöchentlichen Übergriffe empfand Dieter als "Beipack". Die Folgen, bis hin zum Ekel vor sich selbst, kamen erst später. Aber noch heute spürt er die Wärme, wenn er an Held denkt. Den Vater, von dem er immer geträumt hatte. Für Severin war es anders. "Ein Junge, der seinen Vater früh verloren hat", so sagt er, "sucht immer nach Vorbildern." Doch Held habe zum

Leitbild nicht getaugt: "Wolfgang Held war ein armer Hund." Ein Hypochonder, der ständig unter Migräne litt oder sie sich einbildete, den Schuppenflechte, Gürtelrose, Neurodermitis plagten, der seine schmerzenden Hände mit Baumwollhandschuhen schützte und Loratadin einnahm, überhaupt ein riesiges Arsenal von Medikamenten in einem Schrank gegenüber der Dusche verwahrte.

Held scharte die Knaben um sich, weil er in der Erwachsenenwelt keine finden konnte

Wenn er früh nicht unterrichten musste, fand er schwer aus dem Bett, überhaupt hatte er Angst vor den Menschen - ein Sonderling, eingekapselt in seiner „Familie“ in der Kapsel Odenwaldschule. Einer seiner Knaben erzählt: „Er dachte immer, wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Und da eigentlich niemand für Wolfgang Held war, dachte er, alle sind gegen ihn.“ Am gemeinsamen Schulfrühstück im Speisesaal nahm er so gut wie nie teil; frühstückte lieber im Kreis „seiner“ Kinder in der zweiten Pause und klagte ihnen sein Leid. Held scharte die Knaben um sich, um sie zu Freunden zu machen, weil er in der Erwachsenenwelt, von Gleich zu Gleich, keine finden konnte.

Angst vor Erwachsenen, Angst vor erwachsener Sexualität - sie ist der Keim der Pädophilie. Dieser Keim wird von den Päderasten immer neu gepflanzt und so von Generation zu Generation weitergegeben. Held war Halbwaise, als Kind bei den Thomanern, wo er seine Unschuld verlor. Unter kultivierten, kulturliebenden Erwachsenen im Kreis um Fortner, auch unter Eltern von Oso-Schülern wurde er spitzbübisch Fortners "Lustknabe" genannt.

Natürlich war er nicht lustig. Er klagte viel, schimpfte, neigte zu cholerischen Ausbrüchen - vor allem, wenn er als Musiklehrer für öffentliche Auftritte und Veranstaltungen geradestehen musste. Missgelaunt klagte er über die Schlechtigkeit der Welt oder seiner Kollegen; in aufgeräumter Stimmung erging er sich in den Feinheiten seiner teuren Musikanlage und der gewaltigen, perfekt abgestimmten Boxen. Er war überhaupt ein musikalischer Technik-Freak, sein Schallplattenspieler ein Heiligtum, das nur er berühren durfte.

„Vom Leben sehr gezeichneter Schöngeist“

Aber er konnte auch begeistert, aufmerksam und genau über Musik reden. Manche Schüler beurteilen ihn in der Rückschau als allenfalls mäßigen Instrumentalisten. Doch hatte Held schon in Leipzig und dann erst recht durch den bedeutenden Fortner eine gute Ausbildung genossen. Er spielte Querflöte in Solistenqualität, außerdem Spinett, übte im Alter noch Bachs komplettes Klavier-Repertoire. Ein musikalischer Schüler, der erst mit 16 Jahren in Helds „Familie“ kam, Hartmut K., schwärmt von Helds feinfühligen und kenntnisreichen Einführungen in die Welt von Mahler und Wagner; seinerseits dankbar über die Lernbegierde, ging Held mit ihm auf seiner Anlage den Kosmos der modernen Einspielungen durch. Er war überhaupt kulturbeflissen, besaß eine umfangreiche Sammlung französischer und italienischer Nachkriegsfilme.

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