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Missbrauch : Kinderpornos an der Odenwaldschule

  • -Aktualisiert am

Aber Friedhelm war trotzdem keine leichte Beute für die - wie sich Becker und seine Jünger nannten - „Kinderfreunde“. Er war von beiden Eltern mit Wärme zu Selbstbewusstsein und Offenheit erzogen worden, in den sechziger Jahren keine Selbstverständlichkeit. Und Friedhelm wunderte sich, als er bei einem Ausflug im Schwimmbad mitansah, dass Lehrer Mannheim engen Körperkontakt zu anderen Jungen hielt.

Als er später eingeladen wurde, mit Lehrern auch in die Ferien zu fahren, erzählte er seiner Mutter davon - die verbot es und mahnte ihn zur Vorsicht. Nach den Ferien begann Friedhelm unter den Kameraden herumzufragen und bekam die Geschichten darüber zu hören, was solche Lehrer mit ihnen anstellten: auch Held. "Ich hab' dann recherchiert, in der Naivität eines Dreizehnjährigen", erzählt Friedhelm, "und in kürzester Zeit hatte ich da so acht bis zwölf Kinder zusammen." Sie bekamen einen Termin beim Direktor, trafen sich an der Treppe hinter dem Goethehaus und pilgerten den Berg hinauf zu Schäfer, wo sie der Reihe nach ihre Geschichten von Held und Mannheim berichteten, in unverblümten Einzelheiten.

Mannheim musste die Schule verlassen, wenige Tage später, im Oktober. Schüler beobachteten, wie er seine Siebensachen am Goethehaus im Dunkel der Nacht in den schwarzen Käfer packte und davonfuhr, auf Nimmerwiedersehen. Was war geschehen? Schäfer hatte ihn wegen der Übergriffe unter Druck gesetzt und sein Ausscheiden aus dem Schuldienst verlangt. Im Gegenzug verzichtete er - in Absprache mit dem Schulamt - auf Strafantrag und verhalf Mannheim zu einer Anstellung bei einer ehrenwerten Institution.

Ein warmer Empfehlungsbrief für den neuen Arbeitgeber

Ein „Albtraum“ für Mannheim. Er sagt, er habe mit einigen Jungen aus seiner Familie auf deren Wunsch im Schlafanzug getobt - mehr nicht. Aber er habe sich, unter höchstem Druck, Schäfer nicht widersetzen können, zumal ihm die Angst vor einem Strafverfahren im Nacken saß: Ihm war bewusst, dass allein der Vorwurf seine bürgerliche Existenz vernichten könne; dagegen stand Schäfers Angebot, in einen neuen, guten Job zu gehen. Und tatsächlich schrieb Schäfer, der zuvor die Konferenz als formales Beschlussorgan genötigt hatte, Mannheim die Trennung nahezulegen, einen warmen Empfehlungsbrief für Mannheims neuen Arbeitgeber. In der Oso geisterte das falsche Gerücht herum, er wäre auf ein Mädchengymnasium versetzt worden; für die heutige Schulleitung verliert sich seine Spur in weiter Ferne.

Aber auch Friedhelm musste gehen. Die Luft um ihn gefror, er wurde einem Intelligenztest unterzogen, das Ergebnis gefälscht. Als er seiner Mutter davon erzählte - ohne selbst begriffen zu haben, was da gespielt wurde -, ließ die einen anderen Test anfertigen. Die Mutter, seit gut einem Jahr Witwe, wurde vor die Schulkonferenz geladen; dort wurde ihr, wegen des angeblich schuluntauglichen Sohnes, wie vor einem Tribunal von Schäfer der Prozess gemacht. Nur der Sportlehrer Brandwein erhob Widerworte, verließ schließlich, gefolgt vom Kunstlehrer, wütend die Konferenz. Als man der Witwe den miserablen IQ-Test vorlegte, zog sie den eigenen, sehr gut ausgefallenen als Gegengutachten aus der Tasche - doch war nach dieser Szene sowieso klar, dass an ein Verbleiben Friedhelms auf dieser Schule nicht mehr zu denken war.

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