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Missbrauch in der Kirche : Katholische Laien wollen sich an Aufarbeitung beteiligen

Zuletzt stand vor allem der Kölner Kardinal Woelki wegen des Umgangs mit Missbrauchsfällen in der Kirche in der Kritik - hier Mitte März bei der Vorstellung des lang erwarteten Missbrauchsgutachtens Bild: dpa

Das ZdK will künftig an der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Raum Kirche mitwirken. Die läuft bislang nur schleppend an. Und auch Laien haben den Missbrauch durch bereitwilliges Wegsehen erleichtert

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          Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) will sich an der Aufarbeitung sexueller Gewalt im Raum der Kirche beteiligen. Während der Frühjahrs-Vollversammlung des aus mehr 200 gewählten Katholiken aus diözesanen Räten, Verbänden sowie Politik, Wissenschaft und Wirtschaft bestehenden Gremiums wurde am Samstagvormittag bekannt gegeben, dass es künftig einen eigenen Arbeitskreis zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Deutschland geben wird. 

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Die Gruppe, der Mitglieder des ZdK sowie Betroffene angehören, soll zunächst einen Überblick über den Verlauf der Aufarbeitungsprojekte in den Diözesen, Orden und Verbänden gewinnen und die Mitglieder des ZdK sowie die Öffentlichkeit regelmäßig über den Fortgang dieser Prozesse informieren. Die Deutsche Bischofskonferenz sieht sich zu einem solchen Vorgehens seit vielen Jahren nicht in der Lage.

          Des Weiteren sollen die diözesanen Räte und die bundesweit aktiven Verbände in die Lage versetzt werden, die Arbeit der in den Bistümern eingesetzten oder noch zu schaffenden Unabhängigen Kommissionen zu begleiten. Auf diesem Weg sollen die Bischöfe angehalten werden, sich an die Vereinbarungen zu halten, die die Bischofskonferenz mit dem Unabhängigen Beauftragen der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Missbrauchs im vergangenen Jahr geschlossen hat.

          Aufarbeitung läuft sehr schleppend an

          Wie eine Recherche der F.A.Z. in dieser Woche ergeben hat, werden die Vereinbarungen über die Bildung von Unabhängigen Aufarbeitungskommissionen nur sehr schleppend erfüllt. Auch die Einrichtungen von diözesanen Betroffenenbeiräten gestaltet sich zäh. Die Bundesregierung hat einen solchen Beirat schon 2015 ins Leben gerufen, die Deutsche Bischofskonferenz in diesem Jahr.

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          Vier Mitglieder dieses Beirates bestärkten das ZdK darin, das Thema sexuelle Gewalt nicht als eine Krise des Klerus, sondern als eine Krise der Kirche zu begreifen und entsprechend zu handeln: Johanna Beck (Stuttgart), die künftig auch dem ZdK angehören wird, sprach davon, dass man dazu auch das Phänomen des „Co-Klerikalismus“ in den kirchlichen Strukturen den Blick nehmen müsse. Lisa Scharnagl thematisierte das Problem kirchlicher Schulen als Missbrauchsorte und plädierte dafür, den Blick „über die Gemeinden hinaus“ zu richten.

          Kai Christian Moritz (Würzburg) erinnerte daran, dass die vielfach als Aufbruchsjahre glorifizierte Epoche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil auch eine „Kernzeit kirchlicher Täterschaft“ gewesen sei. Johannes Norpoth (Gelsenkirchen) schilderte die unter den Betroffenen weitverbreitete Erfahrung, dass Kirchengemeinden das Geschehene oft bis heute nicht wahrhaben wollten. Dort wie in den Verbänden kämen Opfer und Täter oft „aus demselben Umfeld“. Daher müssten auch diese ihre Geschichte aufarbeiten.

          Die Mitverantwortung der Laien

          Die Sprecherin des Arbeitskreises, die Berliner Historikerin Birgit Aschmann, sprach von einem Paradigmenwechsel innerhalb des ZdK: „Bislang galt die Aufarbeitung weitgehend als reine Angelegenheit der Bischöfe“, sagte sie vor der Vollversammlung. Inzwischen habe das ZdK realisiert, dass es als Vertretung der Laien selbst Verantwortung übernehmen und mit Betroffenen in einen Austausch treten müsse. Denn die Kinder und Jugendlichen, die missbraucht wurden, kämen oft aus den katholischen Familien. „Sie sind damit ein Teil von uns“. Oftmals hätten Laien durch bereitwilliges Wegsehen den Missbrauch sogar erleichtert. Gerade wegen dieser Doppelrolle, einerseits den Opfern nahezustehen, andererseits Teil des Systems gewesen zu sein, hoffe das ZdK jetzt, in besonderer Weise zwischen Bistumsleitungen und Betroffenen vermitteln zu können.

          Der Vizepräsident des ZdK Wolfgang Klose versprach, seine Organisation werde das auch Agieren der Bischöfe „kritisch begleiten“ und „konsequentes Handeln“ einfordern. Allerdings müssten sich alle kirchlichen Strukturen nach ihrer Verantwortung für die Begünstigung beziehungsweise die Verhinderung fragen lassen, von den Kirchengemeinden bis zu den Institutionen, die von Laien verantwortet werden, wie Schulen und Verbände . Für das Gelingen dieser Aufgaben sei die Mitwirkung der Betroffenen entscheidend: „Wir möchten mit Betroffenen reden, nicht über sie“, sagte Klose. Das allein reiche aber nicht: „Wir müssen uns mit Ihnen solidarisieren.“

          Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, begrüßte nach Auskunft der Pressestelle des ZdK die Einrichtung dieser Arbeitsgruppe. Der ZdK-Präsident hatte bereits zum gestrigen Auftakt der Vollversammlung gesagt: „Wer jetzt nicht ehrlich und glaubwürdig mit den Betroffenen spricht, wer nicht Prävention, Anerkennung und Aufarbeitung intensiv betreibt, kann die große Vertrauenskrise nicht überwinden. Dies sehe ich auch als Auftrag für uns.“

          Ebenfalls am Freitag hatte Sternberg angekündigt, bei der Neuwahl des Präsidiums im November nicht für eine weitere Amtszeit zur Verfügung zu stehen. Der 69 Jahre alte vormalige CDU-Landtagsabgeordnete aus Münster gehört dem ZdK seit 1996 an. 2015 wurde er als Nachfolger von Alois Glück (CSU) zum Präsidenten gewählt und 2017 für vier Jahre bestätigt.

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