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Missbrauch in Ettal : Die Richtigen falsch behandelt?

Was tun mit Pater G.? Die Staatsanwaltschaft hat Anklage erhoben Bild: picture alliance / dpa

Der gute Ruf der Abtei Ettal schien wieder hergestellt, der brachiale Eingriff von Erzbischof Marx in das Klosterleben reichlich überzogen. Jetzt erhebt die Staatsanwaltschaft wegen sexuellen Missbrauchs Anklage gegen einen Mönch.

          An einem Frühlingstag des Jahres 2005 hatten einige Internatsschüler der Klasse 7 genug. Pater Paulus, dem Leiter des Benediktinerinternats Ettal, kam zu Ohren, dass ihr Präfekt und Religionslehrer einem Mitschüler, der bäuchlings auf seinem Bett lag, den Rücken gestreichelt hatte. Unter der Kleidung, auf der bloßen Haut. Was man als Mann mit 13 oder 14 Jahre alten Kindern so macht, wenn sie weinen - oder auch nicht.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          „Streicheleien“ ist ein schillerndes Wort für Handlungen, die so oder so motiviert sein können. Die Kinder fanden es jedenfalls nicht in Ordnung, dass der 34 Jahre alte Pater G. einem von ihnen unter die Wäsche gegangen war. Die Oberen des Geistlichen reagierten schnell: Der Ordensmann wurde von seinen Aufgaben in Internat und Schule entbunden und vertauschte das Leben mit den Schülern mit einem Leben im Klausurbereich.

          „Irre, wir behandeln die Falschen“

          Abt Barnabas griff zum Telefon. Der Geistliche, der selbst in Ettal zur Schule gegangen war, der als Novize, Student und einfacher Mönch viele Jahre hinter den oberbayerischen Klostermauern verbracht hatte und erst vor kurzem zum Abt gewählt worden war, wählte eine Nummer im Rheinland. Und er wandte sich an die Eltern der Internatsschüler von Pater G.

          An Monsignore Siegfried Kneißl, den Beauftragten für Fälle sexuellen Missbrauchs in der Erzdiözese München, wandte sich der Abt nicht. Warum auch? Eine Benediktinerabtei untersteht dem Papst, nicht einem Diözesanbischof. Dass Pater G. auch als Religionslehrer am Ettaler Gymnasium tätig war und dieses durchaus der Aufsicht des Erzbistums unterlag, fiel für die Männer in Schwarz nicht ins Gewicht. Jedenfalls nicht so, dass man von dem Gerede um Pater G. Aufhebens machen wollte. Strafrechtlich relevante Vorwürfe, so heißt es bis heute, seien damals von keiner Seite erhoben worden.

          Der Mann des Vertrauens hieß Manfred Lütz: Psychiater und Psychotherapeut, Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln-Porz, Autor des Bestsellers „Irre, wir behandeln die Falschen“, langjähriger Vertrauter des Kölner Kardinals Meisner sowie Organisator eines Kongresses über sexuellen Missbrauch im Vatikan, kurz: ein Mann von untadeligem Ruf. Obwohl „von keiner Seite der Verdacht auf sexuellen Missbrauch geäußert worden“ war, so erinnerte sich der Psychiater im März 2010, wurde ein fachpsychiatrisches Gutachten in Auftrag gegeben.

          Zu tun gab es für die Bayern genug

          Am 14. Juli, knapp zwei Monate nach den Vorfällen im Internat, saß Pater G. Professor Friedemann Pfäfflin gegenüber. Der Ulmer Psychologe, nach Angaben von Lütz einer der „international anerkanntesten Experten auf dem Gebiet der Risikoabschätzung“, gab Ende August Entwarnung. Eine mehrstündige ambulante Untersuchung, in deren Verlauf auch „tiefenpsychologische Erhebungen“ angestellt wurden, hatte keine Anhaltspunkte für spezifische psychische Störungen ergeben. Der Geistliche sei heterosexuell und „durchschnittlich gesund“. Auch Lütz zweifelte nicht an den Erkenntnissen des Fachkollegen: „Nicht einmal der Verdacht auf sexuellen Missbrauch, keine Pädophilie, auch sonst keine Diagnose und keine Notwendigkeit für eine Therapie“. Und die „Probleme mit Nähe und Distanz“? „Gut reflektiert“, versichert Lütz.

          Doch was tun mit Pater G.? Auch hier wusste der Ulmer Psychiater Rat. Grundsätzliche Bedenken gegen einen Einsatz in der Seelsorge? Keine. Grundsätzliche Bedenken gegen einen neuerlichen Einsatz in der Jugendarbeit? Auch nicht. Die Erzdiözese München über das merkwürdige Verhalten des Paters G. in Kenntnis zu setzen war nach dem Ergebnis der Begutachtung aus Ettaler Sicht noch weniger angebracht als vorher: Kein Verdacht auf sexuellen Missbrauch, also keine Meldepflicht.

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