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Missbrauch in der Kirche : Das Kölner Kartenhaus bricht zusammen

Nur er ist noch übrig: Erzbischof Rainer Maria Woelki am Donnerstag in Köln bei der Vorstellung des Gutachtens zum Umgang mit Missbrauchsvorwürfen. Bild: AP

Das Gutachten, das Erzbischof Woelki jetzt vorlegte, zeigt das ganze Ausmaß der Pflichtverletzungen im Erzbistum Köln. Wie konnten die Beteiligten glauben, dass sie davonkommen?

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          Nicht nur im Erzbistum Köln wird man die jüngere Zeitgeschichte in eine Phase vor dem 18. März 2021 und eine Phase danach einteilen müssen. Denn seit heute hat auch die Öffentlichkeit die Gewissheit, die der Kölner Erzbischofs Rainer Maria Kardinal Woelki seit Jahren hatte: Nicht irgendwelche Mitarbeiter in der dritten und vierten Reihe haben sich im Umgang mit Missbrauchsfällen bis in die jüngste Vergangenheit ebenso eindeutiger wie gravierender Pflichtverletzungen schuldig gemacht, sondern es waren Kardinäle von Weltrang wie Joseph Höffner und Joachim Meisner, Generalvikare wie Norbert Feldhoff und der heutige Weihbischof Dominik Schwaderlapp, die zu den stärksten Figuren unter ihresgleichen zählten, und auch der heutige Hamburger Erzbischof Stefan Heße.

          Das „Nichts-geahnt“, das Meisner noch lange nach dem Bekanntwerden von mehr als hundert Beschuldigungen allein im Jahr 2010 im Brustton der Überzeugung für sich reklamierte, lässt die Balken biegen. Nicht anders die Zahlenspielereien eines Schwaderlapp im Verein mit dem damaligen Personalchef Heße, die der Öffentlichkeit noch im Jahr 2011 treuherzig versicherten, ihnen seien nur ganz wenige Fälle von Missbrauchsbeschuldigungen bekannt. Wie konnten sie nur glauben, dass man sie niemals für diese Betrügereien zur Rechenschaft ziehen würde? Und was ist von einem obersten Kirchenrichter zu halten, der sich von den von Woelki bestellten Gutachtern bescheinigen lassen muss, er habe in mehreren Fällen falsche Rechtsauskünfte gegeben?

          An diesem Donnerstag ist das lange Zeit gepflegte (Selbst-)Bild einer mächtigen, gut geführten Kirche am Rhein in sich zusammengefallen wie ein Kartenhaus: Der Kirchenrichter wird von seinen Aufgaben entbunden, der Weihbischof bietet Papst Franziskus den Amtsverzicht an, das Schicksal des Hamburger Erzbischofs wird durch die Übersendung des Gutachtens an den Vatikan ebenfalls dem Urteil des Papstes anheimgestellt, das Ansehen Meisners, des mit allen kirchenpolitischen Wassern gewaschenen Verfechters der reinen und wahren Lehre, bis zur Unkenntlichkeit verdunkelt.

          Die einzige Gestalt, die noch aufrecht steht, ist Kardinal Woelki. Ihm haben die Gutachter keine Pflichtverletzungen nachgewiesen – was in mindestens einem Fall dem Urteil ernstzunehmender Kirchenrechtler nicht standhalten dürfte. Doch gleich wie der Streit über den Fall O. ausgehen dürfte – Woelki war derjenige, der seit 2018 im Wort stand, dass die Namen derer öffentlich werden sollten, die sich in Ausübung ihres Amtes eindeutiger Pflichtverletzungen schuldig gemacht hätten. Er hat Wort gehalten, wenngleich er durch die Unterdrückung eines ersten Gutachtens auf andere Weise einen Reputationsschaden angerichtet hat, der kaum wiedergutzumachen sein dürfte.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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