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Missbrauch : Die erschütternde Bilanz der Kirche

Eröffnungsgottesdienst der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im September 2020 in Fulda. Bild: dpa

Was in Köln sichtbar wurde, ist nur die Spitze eines Eisbergs. Viele andere Bischöfe wissen genau, warum sie unabhängige Gutachter nicht haben wollen.

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          Eines muss man dem Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki lassen: Als er noch vor der Veröffentlichung des Gutachtens über sexuellen Missbrauch 2018 ankündigte, er wolle die Namen der Verantwortlichen öffentlich machen, setzte er einen bis dahin unerreichten Maßstab. Kein Freiburger Erzbischof Zollitsch als Vorsitzender der Bischofskonferenz im Jahr 2010, kein Münchner Erzbischof und Papst-Vertrauter Kardinal Marx und auch kein Trierer Bischof Ackermann als Missbrauchsbeauftragter der Bischöfe hatten sich jemals zu einem solchen Schritt entschlossen. Jeder von ihnen muss fürchten, dass ihm dasselbe widerfährt, was jetzt in Köln geschehen ist.

          Massive Pflichtverletzungen an höchster Stelle, und zwar immer wieder, dazu Sanktionen stets gegen Laien, gegen Kleriker eher nicht – das ist die bittere, erschütternde Bilanz. Kinderschänder konnten sich in einem solchen System der organisierten Verantwortungslosigkeit und des Wegschauens vor durchgreifenden Sanktionen sicher sein.

          So wurden Bischöfe und ihre engsten Mitarbeiter nicht willentlich, aber wissentlich zu Mittätern. Freilich waren sie dabei nicht allein. Wenn sich Politiker heute im Brustton der Empörung über die Missstände äußern, dann sollten sie im gleichen Atemzug die Frage beantworten, ob sie selbst alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um sexuellen Missbrauch zu verhindern.

          Klerikalismus ist kein Privileg geweihter Männer

          Dass das Strafrecht lange Zeit eine reichlich stumpfe Waffe war; dass manch ein Innenminister bis heute nicht begriffen hat, wie viele Kinder geschändet werden, um im Internet entsprechende Bilder zu Geld zu machen, dass sich Bistumsleitungen sicher fühlen konnten – auch das gehört zu der Geschichte eines Eisbergs, dessen Spitze jetzt in Köln wieder sichtbar wurde.

          Und auch das darf nicht vergessen werden: Vor dem ansonsten um keine Stellungnahme verlegenen Zentralkomitee der deutschen Katholiken mussten die Bischöfe sich nicht fürchten. Dessen Präsident Thomas Sternberg wollte sogar jüngst von Aufklärungskommissionen ebenso wenig etwas wissen wie die Bischöfe immer schon. Klerikalismus ist kein Privileg geweihter Männer. Laien, die die Parole „Loyal an der Seite der Bischofskonferenz“ ausgeben, sind nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.

          Auch die Evangelische Kirche in Deutschland fühlt sich bis heute wohl in der Situation, dass vergleichbare Vorkommnisse es nicht auf den Radarschirm der Öffentlichkeit schaffen. Unabhängige Gutachten zurückzuhalten ist im Raum der EKD gar nicht möglich. Es gibt sie nämlich nicht.

          Immerhin hat eine Bischöfin vor elf Jahren Charakter bewiesen, als sie angesichts offenkundigen Fehlverhaltens bei der Ahndung eines Missbrauchstäters ihr Amt zur Verfügung stellte. Schule gemacht hat dieses Beispiel nicht. Stattdessen stellte die Bischofskonferenz 2010 der damaligen Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger ein Ultimatum, nachdem diese Zweifel an der Rechtstreue der Kirche in Sachen Missbrauch geäußert hatte.

          Im Licht der Kölner Erkenntnisse wäre es an den Bischöfen nicht nur, rückblickend Abbitte zu leisten. Sie könnten sich auch an den Kollegen aus Chile ein Beispiel nehmen. Diese haben dem Papst vor zwei Jahren kollektiv den Rücktritt angeboten, auf dass es in ihrer missbrauchsverseuchten Kirche einen Neuanfang gebe. Aber Chile ist geographisch ungefähr so entfernt wie gefühlt das Schicksal vieler tausend Betroffener.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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