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Studie über Missbrauch : Schutzlos in Kirche und Staat zu DDR-Zeiten

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße nimmt am Freitag in Schwerin von der Wissenschaftlerin Manuela Dudeck ein Gutachten zu Missbrauch in der katholischen Kirche in Mecklenburg entgegen. Bild: dpa

In der katholischen Kirche in Mecklenburg wurden zu Zeiten der DDR Übergriffe auf Minderjährige und Schutzbefohlene nahezu vollständig tabuisiert. Das zeigt eine jetzt veröffentlichte Studie.

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          Opfer sexueller Gewalt in der katholischen Kirche in der DDR waren ihren Peinigern gleich in dreifacher Hinsicht schutzlos ausgeliefert. Wie aus einer am Freitag in Schwerin veröffentlichen Studie von Wissenschaftlern der Universität Ulm im Auftrag des Erzbistums Hamburg über den heutigen, bis 1989 in der DDR liegenden Bistumsteil Mecklenburg hervorgeht, wurden Übergriffe auf Minderjährige und Schutzbefohlene in den zumeist kleinen Diasporagemeinden nahezu vollständig tabuisiert.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Auch die Kirchenleitung hatte kein Interesse daran, dass diese Verbrechen bekannt wurden, hätten diese doch eine Angriffsfläche für den kirchenfeindlichen Staat geboten. Allerdings konnten sich die kirchlichen Akteure drittens darauf verlassen, dass auch die DDR-Führung bis 1989 nichts von sexueller Gewalt wissen wollte. Wie bei kirchenexternen Missbrauchstätern auch, etwa Lehrern, wurde auch bei Priestern kein Aufhebens davon gemacht, wenn sie sich an Kindern oder Jugendlichen vergangen hatten, widersprachen diese Vorkommnisse doch dem Selbstbild einer sozialistischen und damit kriminalitätsferneren Gesellschaft als der kapitalistischen der Bundesrepublik.

          „Von viel größerer Dunkelziffer auszugehen“

          Jedoch machte sich der SED-Staat die innerkirchliche Kultur des Be- und Verschweigens um so lieber zunutze, wenn er sich von gewalttätigen Priestern Informationen aus dem Innenraum der Kirche versprach. So konnte das Forscherteam erstmals nachweisen, dass das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) ausweislich einschlägiger Akten mehrere Geistliche aufgrund ihrer Erpressbarkeit als Informanten anzuwerben versuchte, freilich nicht immer mit Erfolg.

          Dokumentiert sind aber auch Fallkonstellationen, bei denen sich die Interessen der DDR mit denen der Kirchenleitung trafen – nämlich immer dann, wenn es galt, aus Sicht beider Seiten untragbar gewordenen Täter nach Westdeutschland abzuschieben.

          Inwieweit die Ergebnisse der Studie über Mecklenburg mit seiner sehr geringen Katholikenzahl auf andere Regionen der vormaligen DDR übertragbar sind, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht ableiten. Ohnehin konnten die beiden Autorinnen der Studie für die Zeit zwischen 1945 und 1989 nur 40 Betroffene ermitteln, wohingegen von einer „viel größeren Dunkelziffer auszugehen ist“. Die Zahl der beschuldigten Kleriker wird mit 19 angegeben. Über alle anderen Bistümer auf dem Boden der ehemaligen DDR – Magdeburg, Erfurt und Dresden – liegen keine Missbrauchsgutachten vor. In dem Gutachten über das Erzbistum Berlin, das Juristen der Kanzlei Redeker, Sellner, Dahs vor zwei Jahren erstellt haben, wurde die Frage nach dem Verhältnis von Missbrauch, Kirche und DDR-Staat nicht aufgeworfen.

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