https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/missbrauch-im-bistum-muenster-auch-laien-haben-taten-vertuscht-18100063.html

Studie im Bistum Münster : Auch Laien vertuschen Missbrauch

Co-Autor der Missbrauchsstudie für das Bistum Münster: Der in Hamburg lehrende Historiker Thomas Großbölting Bild: dpa

In katholischen Gemeinden wussten manche, dass ihr Pfarrer Kinder missbraucht. Dennoch haben sie die Justiz und die Verantwortlichen im Bistum oft nicht eingeschaltet, zeigt jetzt eine Studie für das Bistum Münster.

          2 Min.

          Auch im Bistum Münster sind Missbrauchspriester systematisch der Strafverfolgung durch weltliche oder kirchliche Instanzen entzogen worden. Wie eine Forschergruppe nach der Analyse aller verfügbaren Akten sowie Gesprächen mit mehreren Dutzend Betroffenen und mit Personalverantwortlichen am Montag in der westfälischen Bischofsstadt berichtete, hätten viele weitere Übergriffe allein dadurch verhindert werden können, dass Bischöfe und andere Vorgesetzte mit Beschuldigten nach den Maßgaben des Kirchenrechts verfahren wären. Um aber die Kirche als Institution nicht in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen, seien Beschuldigte bis in die jüngere Vergangenheit hinein zu mehr als 90 Prozent absichtlich „aus der Schusslinie“ genommen wurden.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Die Wissenschaftler um die Historiker Thomas Großbölting (Hamburg) und Klaus Große Kracht (Münster), die im Auftrag der Universität Münster, aber finanziert durch das Bistum tätig geworden waren, sind in dem Untersuchungszeitraum von 1945 bis 2020 aber nicht nur auf Fälle gestoßen, in denen Priester versetzt wurden, sei es in eine andere Gemeinde, sei es in einen anderen Teil des Bistums, sei es ins Ausland. Annähernd ein Viertel der Geistlichen, die in dem fraglichen Zeitraum aktenkundig gewalttätig geworden waren, konnten gar in ihren Gemeinden bleiben.

          Gutachten widerlegt Behauptung von Benedikt XVI.

          Großbölting kommentierte diesen Umstand mit den Worten, Vertuschung beginne nicht erst im Generalvikariat, sondern sei auch unter Laien weit verbreitet. Dementsprechend haben die Wissenschaftler immer wieder Konstellationen identifiziert, in denen Mitglieder einer Gemeinde über die Umtriebe ihres Geistlichen im Bild gewesen seien, ohne dieses Wissen mit den kirchlich Verantwortlichen zu teilen oder die Justiz einzuschalten.

          Alles in allem konnten die Forscher in dem fraglichen Zeitraum 183 oder gut vier Prozent der Diözesanpriester als Beschuldigte identifizieren. 610 Betroffene im Kindes- oder Jugendalter konnten ihnen zugeordnet werden, drei Viertel davon waren Jungen in der Vorpubertät. Die zeitliche Verteilung der Taten weist auch in Münster das übliche Muster auf. Auch dort ging die Zahl der Ersttaten seit den 1960er-Jahren und damit noch vor der sexuellen Revolution zurück. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hatte noch vor zwei Jahren behauptet, Missbrauch sei eine Folge von „1968“.

          Wie viele Täter in dem Untersuchungszeitraum unerkannt blieben, lässt sich auch mit historiographischen Mitteln nicht exakt ermessen. Die Zahl der Betroffenen beträgt nach Angaben der Wissenschaftler in Wirklichkeit mindestens 5000, das wären mehr als achtmal so viele wie bekannt. Um „Einzelfälle“, wie der Münsteraner Bischof Reinhard Lettmann noch im Jahr 2002 die Öffentlichkeit glauben machen wollte, handelte es sich jedenfalls nie. Jeder Bischof von Michael Keller über Joseph Höffner und Heinrich Tenhumberg bis Reinhard Lettmann war nach Erkenntnissen der Forscher zumindest gesprächsweise mit einer Vielzahl von Beschuldigungen konfrontiert. Aktenkundig geworden waren bis zum Jahr 2000 etwa hundert Missbrauchspriester.

          Betroffene wurden bis zum Inkrafttreten erster Leitlinien zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs 2002 von der Bistumsleitung zumeist ignoriert, manchmal auch zum Schweigen gebracht. Von Therapeuten, die seit den 1970er-Jahren regelmäßig mit Beschuldigten befasst wurden, mussten die Personalverantwortlichen dabei in der Regel nichts befürchten, ebenso von Staatsanwälten oder Richtern.

          Felix Genn, seit 2009 Bischof von Münster, attestierten die Wissenschaftler eine zunächst recht flach verlaufende Lernkurve. Auch in seiner Amtszeit seien einige Fälle nicht nach Rom gemeldet worden, wie es das Kirchenrecht verlangt. An der bistumsinternen Bearbeitung der Fälle wie an der Kooperation mit der Justiz hatten die Forscher indes wenig bis nichts zu beanstanden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.