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Missbrauch im Erzbistum München : Gutachten sieht Fehlverhalten Benedikts als Erzbischof

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. im Juni 2020 Bild: dpa

Im Erzbistum München legt ein Gutachten zu sexuellem Missbrauch Führungs- und Leitungsversagen offen. Die Vorwürfe richten sich auch gegen den emeritierten Papst.

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          Ein Gutachten über den Umgang mit Fällen sexueller Gewalt im Erzbistum München und Freising zwischen den Jahren 1945 und 2019 ist zu einer neuerlichen „Bilanz des Schreckens“ geraten. Wie drei Juristen der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) in Abwesenheit des Münchner Erzbischofs Reinhard Kardinal Marx am Donnerstag ausführten, hat es mit massiven Versäumnissen seitens der Bistumsverantwortlichen gegenüber Beschuldigten und Betroffenen bis in die jüngste Vergangenheit nicht sein Bewenden. Die Stellungnahmen der meisten noch lebenden Verantwortlichen, so der Tenor der Zusammenfassung der Einlassungen der noch lebenden Bistumsverantwortlichen, ließen auch rückwirkend kein Unrechts- oder Schuldbewusstsein erkennen.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          In beiderlei Hinsicht bestätigen die Münchner Ergebnisse das Bild, das sich zuvor schon in anderen Diözesen ergeben hat, etwa in Köln, Aachen oder Berlin. Dennoch kommt dem jüngsten Gutachten insoweit eine besondere Brisanz zu, als auch der seit 2013 emeritierte Papst Benedikt XVI. unter den Personen war, die sich Vorhaltungen gefallen lassen mussten. Dessen Einlassungen sind jedoch in mindestens einem Fall nicht nur von den Tatsachen nicht gedeckt, sondern stehen in einem unauflöslichen Widerspruch zu der Aktenlage – und das, obwohl sich der vormalige Erzbischof von München und Freising nach eigenem Bekunden auch im Alter von fast 95 Jahren eines exzellenten Langzeitgedächtnisses erfreut.

          Gleichwohl will der damalige Münchner Erzbischof Joseph Kardinal Ratzinger im Januar 1980 nicht dabei gewesen sein, als über die befristete Aufnahme eines pädokriminellen Priesters aus Essen in München entschieden wurde. Diese Behauptung deckt sich nicht mit dem Prototoll der Sitzung des sogenannten Ordinariatsrates, bei der der Fall Peter H. auf der Tagesordnung stand. In München beging der fragliche Priester nach Recherchen der Gutachter und der Befragung von Zeitzeugen bis 2008 zahlreiche weitere Greueltaten, ohne dass ihn die Bistumsverantwortlichen jemals zur Rechenschaft zogen – im Gegenteil. Nach einer Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe wurde Peter H. umgehend mit einer neuen Pfarrgemeinde betraut.

          Vorwürfe gegen Wetter und Marx

          Die Seniorpartnerin der Kanzlei WSW, Marion Westpfahl, sprach am Donnerstag in München – wie schon bei der Vorstellung des ersten WSW-Gutachtens im Jahr 2010 – von einer Mischung aus systemischem Versagen im Umgang mit Tätern und Geschädigten sowie immer wieder zu beobachtenden Verniedlichungstendenzen.

          Zu keinem günstigen Urteil hinsichtlich des Tuns und Lassens der Münchner Bistumsverantwortlichen kamen die Gutachter denn auch nicht nur bei Kardinal Ratzinger, sondern auch bei dessen Nachfolgern Friedrich Wetter (1982-2008) und Reinhard Marx (seit 2008 im Amt) sowie fast allen anderen Verantwortlichen auf der Leitungsebene des Bistums. Nennenswerte Aktivitäten Wetters, so die Gutachter, seien weder in Richtung der Täter noch der Betroffenen ersichtlich.

          Der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx im Dezember 2020
          Der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx im Dezember 2020 : Bild: dpa

          Auch bei Marx habe lange Zeit eine gewisse Gleichgültigkeit dominiert. Erst in jüngerer Zeit könnte sich eine eindeutigere und konsequentere Haltung herausgebildet haben. Marx hatte Papst Franziskus im vergangenen Jahr den Verzicht auf das Amt des Münchner Erzbischofs angeboten, um persönlich Verantwortung für das Versagen der Hierarchie zu übernehmen. Nach kurzer Bedenkzeit nahm der Papst das Angebot nicht an.

          Vollkommen neue Erkenntnisse über das Ausmaß sexueller Gewalt im Raum der Kirche und den Umgang der Verantwortlichen mit Beschuldigten und Betroffenen enthält das jüngste Münchner Gutachten nicht. Statt dessen legt es – wie schon die Gutachten für Köln, Aachen und Berlin – ein Führungs- und Leitungsversagen ohnegleichen offen.

          Der Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz ließ denn auch schon am Mittwoch wissen, wenn unterschiedliche Untersuchungen, ob gerichtsfest oder systemisch, immer zu den gleichen Ergebnissen kämen, dann brauche es keine weiteren Analysen mehr. Es sei vielmehr Zeit für die Übernahme von Verantwortung, für Entscheidungen und mutiges Handeln. Zudem müsse endlich das Leid der vielen Tausend Betroffenen so anerkannt werden, dass auf Seiten der Kirche eine „veränderte innere Haltung erkennbar wäre“. Entschädigungsleistungen, so hieß es, müssten „endlich aus der Almosenecke herausgeholt, Betroffene als Opfer und nicht als Bittsteller betrachtet werden“.

          Vertreter des Erzbistums München wollen sich zunächst erst am Donnerstag der kommenden Woche „nach einer ersten Prüfung“ zu dem Gutachten äußern. Mitarbeiter sollen einstweilen gegenüber den Medien grundsätzlich keinerlei Stellungnahmen, Kommentare oder Einschätzungen abgeben. Nach der Pressekonferenz ergriff jedoch der Generalvikar des Erzbistums, Christoph Klingan, das Wort und wandte sich an die vor Ort anwesenden Betroffenen. Gemeinsam wolle man weitere Schritte der Aufarbeitung gehen.

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