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Missbrauch : Ein Meister im Beliebtsein

  • -Aktualisiert am

Bild: Andre Laame

Jahrelang missbrauchte der Kunstlehrer Hajo Weber seine Schüler an einer Wiesbadener Reformschule. Als die Taten bekannt wurden, musste Weber gehen. Das tat allen schrecklich leid - denn der Lehrer war durchaus beliebt.

          Hajo Weber war Lehrer, er starb in der Schule. Er lag auf dem braunen Linoleumboden im Foyer. Der Notarzt kam zu spät. Am nächsten Tag trat eine Lehrerin mit roten Augen vor seine Klasse: „Der Hajo ist tot. Er hatte einen Herzanfall.“ Die Schüler errichteten einen Altar mit weißen Rosen für Weber, den beliebtesten Lehrer der Schule. Sie schrieben Abschiedsworte auf ein Plakat: „Besondere Menschen wird man nie vergessen. We love you.“ Mehrere hundert Leute kamen zur Gedenkfeier in die Aula. Das Mädchen, das die Rede halten sollte, brach weinend zusammen. In einer der vielen Traueranzeigen stand: „Bilder von dir überdauern alle Ewigkeit“.

          Das war vor zwei Jahren, und damals wussten alle, dass sich Weber an mehreren Jungen vergangen hatte. Doch die Schüler schwärmen bis heute von dem coolen Pädagogen, die Kollegen von dem passionierten Fotografen. Man fühlt mit ihm, nicht gegen ihn. Und seit er hingeschieden ist, noch mehr – als sei er den Märtyrertod gestorben, ein Gepeinigter, Gemarterter, verzehrt vom Übelwollen anderer, wegen „eines einzigen Ausrutschers“. Wieder und wieder hört man: „Das war doch nur dieses eine Mal.“

          Zwanzig Jahre lang hat Weber an der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden gelehrt und fotografiert. Leiterin Enja Riegel hatte dort die Reformpädagogik ausgerufen und ein Buch darüber geschrieben, unter Webers Mitwirkung und der ihres Vertrauten Gerold Becker, des Leiters der Odenwaldschule, des vielgerühmten Pädagogen, des Serienvergewaltigers.

          Einer, der ein Auge zudrückte

          Auch Weber förderte und ermunterte seine Schüler. Besonders widmete er sich den Problemfällen. Er sagte zu Anton, der schlechte Noten hatte: „Komm nach der Schule zu mir, wir entwickeln Filme. Dann kannst du das schon und hast den anderen was voraus.“ Antons Mutter war fort, sein Vater trank, ihm war es recht, den Bengel los zu sein. Anton war dreizehn, er mochte „den Hajo“, der war kein Erwachsener, der war einer von ihnen. Einer, der ein Auge zudrückte, wenn er die Jungs beim Rauchen erwischte.

          Damals, 1989, war Weber vierzig Jahre alt. Er trug Vollbart und Latzhosen mit Holzfällerhemd. Ständig lud er Kinder in seine Wohnung in der Waterloostraße 3 ein, allein, zu zweit, zu dritt, zu viert. Mit ihm konnten sie diesen Kinderquatsch machen, den Erwachsene sonst nie erlauben, zum Beispiel essen und grunzen wie die Räuber und mit Nudeln und Salatblättern schmeißen. Der Salzstreuer, witzig, war ein Penis, Weber hatte ihn selbst getöpfert. Die Jungen alberten damit herum. Weber war ihr Anführer.

          Hajo Weber war Lehrer, er war Meister im Beliebtsein. Mädchen durften selten in den verwunschenen Hinterhof, in seine Abenteuerspielplatzwohnung für Piraten. Die Jungs lagen auf Fellen herum, lasen in Comics und Zeitschriften. Sie kletterten die Strickleiter hoch auf das Bett, dort stand ein kleiner Fernseher. Als sich Webers Erregung unter dem Pyjama abzeichnete, lachten sie ihn aus.

          Er nahm die Hand des Jungen

          Nach dem Essen ging Weber mit Anton die paar Schritte über den Innenhof ins Unterdeck, das Souterrain. Ein schmuckloser Raum mit Tisch und Klappstühlen. Auf der linken Seite führte eine Tür in die Dunkelkammer mit ihren Schränken und Regalen voller Filme, Laborschalen, Chemikalien. Rechts hatte sich Weber eine winzige Sauna mit zwei Sitzbrettern eingerichtet.

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