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Missbrauch : Ein Meister im Beliebtsein

  • -Aktualisiert am

Bild: Andre Laame

Jahrelang missbrauchte der Kunstlehrer Hajo Weber seine Schüler an einer Wiesbadener Reformschule. Als die Taten bekannt wurden, musste Weber gehen. Das tat allen schrecklich leid - denn der Lehrer war durchaus beliebt.

          6 Min.

          Hajo Weber war Lehrer, er starb in der Schule. Er lag auf dem braunen Linoleumboden im Foyer. Der Notarzt kam zu spät. Am nächsten Tag trat eine Lehrerin mit roten Augen vor seine Klasse: „Der Hajo ist tot. Er hatte einen Herzanfall.“ Die Schüler errichteten einen Altar mit weißen Rosen für Weber, den beliebtesten Lehrer der Schule. Sie schrieben Abschiedsworte auf ein Plakat: „Besondere Menschen wird man nie vergessen. We love you.“ Mehrere hundert Leute kamen zur Gedenkfeier in die Aula. Das Mädchen, das die Rede halten sollte, brach weinend zusammen. In einer der vielen Traueranzeigen stand: „Bilder von dir überdauern alle Ewigkeit“.

          Das war vor zwei Jahren, und damals wussten alle, dass sich Weber an mehreren Jungen vergangen hatte. Doch die Schüler schwärmen bis heute von dem coolen Pädagogen, die Kollegen von dem passionierten Fotografen. Man fühlt mit ihm, nicht gegen ihn. Und seit er hingeschieden ist, noch mehr – als sei er den Märtyrertod gestorben, ein Gepeinigter, Gemarterter, verzehrt vom Übelwollen anderer, wegen „eines einzigen Ausrutschers“. Wieder und wieder hört man: „Das war doch nur dieses eine Mal.“

          Zwanzig Jahre lang hat Weber an der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden gelehrt und fotografiert. Leiterin Enja Riegel hatte dort die Reformpädagogik ausgerufen und ein Buch darüber geschrieben, unter Webers Mitwirkung und der ihres Vertrauten Gerold Becker, des Leiters der Odenwaldschule, des vielgerühmten Pädagogen, des Serienvergewaltigers.

          Einer, der ein Auge zudrückte

          Auch Weber förderte und ermunterte seine Schüler. Besonders widmete er sich den Problemfällen. Er sagte zu Anton, der schlechte Noten hatte: „Komm nach der Schule zu mir, wir entwickeln Filme. Dann kannst du das schon und hast den anderen was voraus.“ Antons Mutter war fort, sein Vater trank, ihm war es recht, den Bengel los zu sein. Anton war dreizehn, er mochte „den Hajo“, der war kein Erwachsener, der war einer von ihnen. Einer, der ein Auge zudrückte, wenn er die Jungs beim Rauchen erwischte.

          Damals, 1989, war Weber vierzig Jahre alt. Er trug Vollbart und Latzhosen mit Holzfällerhemd. Ständig lud er Kinder in seine Wohnung in der Waterloostraße 3 ein, allein, zu zweit, zu dritt, zu viert. Mit ihm konnten sie diesen Kinderquatsch machen, den Erwachsene sonst nie erlauben, zum Beispiel essen und grunzen wie die Räuber und mit Nudeln und Salatblättern schmeißen. Der Salzstreuer, witzig, war ein Penis, Weber hatte ihn selbst getöpfert. Die Jungen alberten damit herum. Weber war ihr Anführer.

          Hajo Weber war Lehrer, er war Meister im Beliebtsein. Mädchen durften selten in den verwunschenen Hinterhof, in seine Abenteuerspielplatzwohnung für Piraten. Die Jungs lagen auf Fellen herum, lasen in Comics und Zeitschriften. Sie kletterten die Strickleiter hoch auf das Bett, dort stand ein kleiner Fernseher. Als sich Webers Erregung unter dem Pyjama abzeichnete, lachten sie ihn aus.

          Er nahm die Hand des Jungen

          Nach dem Essen ging Weber mit Anton die paar Schritte über den Innenhof ins Unterdeck, das Souterrain. Ein schmuckloser Raum mit Tisch und Klappstühlen. Auf der linken Seite führte eine Tür in die Dunkelkammer mit ihren Schränken und Regalen voller Filme, Laborschalen, Chemikalien. Rechts hatte sich Weber eine winzige Sauna mit zwei Sitzbrettern eingerichtet.

          Bei Antons nächstem Besuch fragte Weber, ob er schon mal in einer Sauna war. Anton war nicht. Er wusste nicht mal, dass man sich dafür ausziehen muss. Weber schob die dunklen Vorhänge vors Fenster und setzte die Sauna in Gang. Er zeigte Anton, wie man einen Aufguss macht. Den Jungen hielt es aber keine fünf Minuten in Dampf und Hitze. Er öffnete die Holztür und lief zum Waschbecken, kühlte sich mit kaltem Wasser. Dann setzte er sich wieder zu Weber. Durch dessen Brusthaar floss der Schweiß. Danach lagen sie auf Wolldecken in der Dunkelkammer. Weber bürstete und und ölte. Er zeigte Anton am eigenen Beispiel, wie sein Geschlechtsteil später einmal aussehen wird. Und was man damit machen kann. Er nahm die Hand des Jungen, der musste den Mann befriedigen. Anton dachte: „Was ist das hier? Das ist doch bescheuert.“ Danach räumte Weber die Decken wieder weg, schloss die Saunatür. Antons Vater holte den Jungen ab, schaute auch ins Fotolabor. Weber gab Fotos mit, und Anton bekam eine Eins in Kunst.

          Wahrheit oder Pflicht

          Gerda war Büroangestellte, sie liebte die Schule - was sich gut traf, denn diese Schule wollte geliebt werden. Die Helene-Lange-Schule mit Theater, Werkstatt, OL (offenem Lernen), mit internationalem Flair. Sogar zwei vietnamesische Kinder gab es, Boatpeople. Und die Kinder der Wiesbadener Hautevolee. Gerdas Sohn ging mit Anton in dieselbe Klasse, und natürlich hatte er denselben Kunstlehrer.

          Gerda bewunderte Weber. Er band sie ein, begeisterte sie für Schulprojekte. Bald trafen sie sich auch privat. Sie machten Radtouren in Gerdas Heimat, alle drei: Lehrer, Mutter, Kind. Der Ehemann hatte keine Lust. Er hielt sich raus. Aus allem. Weber kam manchmal bei ihnen vorbei und schaute sich neugierig um, auch im Schlafzimmer. „Er guckt, wie eine Familie lebt“, dachte Gerda. Sie fragte nie, warum er keine Frau hat. Als Weber ihr seine Hinterhofwohnung zeigte, beklagte er, dass er es satt habe, im Verborgenen zu leben. Er wolle ins Vorderhaus. Gerda sah auch die Sauna.

          Ihr Sohn war schon drin gewesen. Anschließend lag er auf den Decken in der Dunkelkammer, lag auf dem Rücken und hielt ein Werner-Comic in den Händen. Er starrte auf die Zeichnungen, als könne er in sie verschwinden. Weber missbrauchte ihn.

          Im Herbst 1989 feierten die Jungen den Geburtstag einer Klassenkameradin. Sie spielten „Wahrheit oder Pflicht“. Man muss die Wahrheit sagen oder etwas Peinliches tun. Hast du schon mal geküsst? Irgendwann machten die Jungen Witze über die Bürsten und die Öle in Webers Sauna. Dann sagte einer: Der Hajo hat mich da unten angefasst. Mich auch. Mich auch. Mich auch. Mich auch. Fünf Jungen, eine Wahrheit.

          Webers letzte Kunststunde

          Die Pflicht übernahm ein Mädchen: Titilayo. Sie sagte zu ihrem besten Freund: „Ich geh' für euch zum Klassenlehrer, okay? Mach dir keine Sorgen!“ Der Klassenlehrer schaltete die Schulleiterin ein, Enja Riegel. Die fragte Weber, ob das stimmte. Es stimmte.

          Gerade erst war ein schwuler Lehrer an Aids gestorben - damals noch ein Skandal. Riegel brauchte keinen weiteren. Sie zitierte Titilayo zu sich. Riegel sagte ihr, sie solle das nicht aufbauschen. So schildert es Titilayo heute, sie sagt: beim Leben ihres Sohnes. Riegel dementiert, sie habe das „ganz sicher nicht gesagt“. Titilayo habe sie vielmehr „zu verdanken, dass die Missbrauchsfälle so schnell und umfassend aufgeklärt werden konnten“. Und: „Dies alles hätte nicht geschehen können ohne das mutige Handeln von Titilayo.“

          Riegel rief auch die fünf Jungen zu sich. Sie saßen zum ersten Mal am Tisch der Direktorin, Dreizehnjährige, sie schämten und fürchteten sich. Riegel fragte nur, ob das stimmt. Ja, sagten die fünf. An weitere Fragen erinnern sie sich nicht. Dann kam Webers letzte Kunststunde. Die Jungen waren wie versteinert. Weber stürmte ins Klassenzimmer und sagte: „Ihr wisst ja sowieso Bescheid. Wir machen jetzt Kunst.“

          Er erzählte von den Griechen

          Dann wurde Weber freigestellt. In seiner Akte im Schulamt heißt es nur, er sei „unterrichtlich schwer einsetzbar“. Er wurde abgeordnet an das Hessische Institut für Lehrerfortbildung, für das auch Gerold Becker bereits tätig war, bekam dasselbe Gehalt, obwohl er nur noch zwischen sieben und neunzehn Stunden pro Woche arbeitete.

          Die Sorge galt dem Lehrer. Er wurde therapeutisch behandelt, man sprach von Suizidgefährdung. Alle bemühten sich um den armen Mann: die Direktorin, der Klassenlehrer, die Eltern. Kurz darauf stand Gerda am Gartenzaun von Titilayos Familie. Sie rief nach dem Mädchen und hielt ihm vor Augen, wie Weber jetzt zu leiden habe. Titilayo fühlte sich schuldig. Zu Titilayos Mutter sagte Gerda: „Der Hajo hat meinem Steffen nicht weh getan.“ Gerda kann sich daran nicht mehr erinnern. Sie sagt: „Es könnte so gewesen sein.“

          Dann rief Weber an. Ob Gerda ihm helfen könne, seine Sachen aus der Schule zu schaffen? Weber hatte kein Auto, Gerda holte ihn mit ihrem ab. Er stand mit seinen Kartons auf der Treppe, hatte Tränen in den Augen. Er sagte ihr, er habe nichts Schlimmes getan. Den Jungen habe es doch auch gefallen. Von den alten Griechen erzählte er, die sich Schüler hielten, die ihre „sexuellen Freunde“ waren. Und er berichtete von seiner Kindheit, von seinem gewalttätigen Vater. Wie gerne würde er Steffen wiedersehen.

          Warum durfte Weber zurückkehren?

          Gerda holte Weber von seiner neuen Arbeitsstelle ab, Steffen im Schlepp. Sie machten einen Ausflug zur Saalburg, im Auto suchte Weber das Gespräch. Steffen antwortete knapp. Weber gab ihm ein Geschenk, einen kleinen Werkzeugkoffer. Steffen ließ ihn im Auto liegen.

          An der Helene-Lange-Schule war alles wie immer. Der Fall wurde nicht zur Anzeige gebracht, sondern vertuscht. Die fünf Jungen erinnern sich nicht, dass sie gefragt worden wären, wie es ihnen geht.

          Als sie zur Oberstufe wechselten, war Weber wieder da. Die Eltern schrieben im September 1994 einen Brief an die Direktorin: Warum Weber zurückkehren durfte? Man hätte doch vereinbart, dass er nicht mehr in der Schule eingesetzt wird. Riegel antwortete: „HaJo Weber hat die Aufgabe, für ein Buch über die Helene-Lange-Schule Fotos zu machen.“ Außerdem habe Weber auch eine Klassenfahrt an die Nordsee begleitet, aber „ausschließlich zum Zwecke der Dokumentation“. Im Nachhinein sei ihr klar geworden, dass „gerade dieser Einsatz hätte falsch ausgelegt werden können“.

          An der Berufsschule nannten sie ihn „Kinderficker“

          Weber ging bis 1997 an der Helene-Lange-Schule ein und aus. Dann ging er nach Kolumbien, unterrichtete an der deutschen Schule in Bogotá. Päderasten sind reiselustig. Als Weber nach Wiesbaden zurückkam, zog er ins Vorderhaus.

          Er wurde Lehrer an der Kerschensteiner-Berufsschule. Dass sie ihn dort auch den „Kinderficker“ nannten, erwähnte nach seinem Tod niemand. Gerda bewahrt in ihrer Küche Webers Blick auf ihren Jungen, als Foto an der Wand. Auch bei Webers Nachbarin und enger Freundin hängen Webers Bilder, Ansichten aus Nepal. Sie arbeitet beim Kindersorgentelefon „Nummer gegen Kummer“.

          Und Riegel, inzwischen pensioniert, rollte den Missbrauchsfall im Frühjahr selbst wieder auf. Sie sagte, sie habe „vieles getan, um die Kinder zu schützen“. Und sie habe „nie den Eindruck gehabt, dass die Schüler in irgendeiner Weise Schaden davongetragen haben“. Kurz darauf nahm sie den Satz wieder zurück. An vier der missbrauchten Jungen schrieb sie: „Ich meine, dass ein persönliches Gespräch zwischen uns als in unterschiedlicher Weise Betroffenen zur Aufklärung und evtl. Aussöhnung beitragen kann.“ Betroffenen.

          Gegendarstellung

          In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 12.12.2010 schreiben Sie auf Seite 4 unter der Überschrift „Ein Meister im Beliebtsein“ im Zusammenhang mit dem Kindesmissbrauch 1989 an der Helene-Lange-Schule durch den Lehrer Hajo Weber:

          An der Helene-Lange-Schule war alles wie immer. Der Fall wurde nicht zur Anzeige gebracht, sondern vertuscht.

          Hierzu stelle ich fest:

          Gleich nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle habe ich dafür gesorgt, dass alle Eltern und Schulklassen der Helene-Lange-Schule, deren gesamtes Lehrerkollegium sowie das Staatliche Schulamt Wiesbaden darüber informiert wurden. Von einer Strafanzeige habe ich auf Wunsch der Eltern der fünf missbrauchten Opfer abgesehen.

          Wiesbaden, den 13.12.2010

          Enja Riegel
          Direktorin a.D.

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