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Performance zum Missbrauch : Die Täter in der Kirchenbank

Performance in der Kirche St. Korbinian am 16. Oktober 2021 in München. Bild: Robert Kiderle

In München haben sich Tänzer die Aufgabe gestellt, dem unsagbaren Leid von Opfern sexuellen Missbrauchs einen Ausdruck zu verleihen.

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          Die katholische Kirche St. Korbinian liegt nicht unbedingt fußläufig zu den vielen Museen, Galerien und Kunsträumen, die nach einem Jahr pandemiebedingter Pause wieder ihre Pforten für die lange Nacht der Münchner Museen geöffnet hatten. Dennoch machten sich am Samstagabend weit mehr als tausend, vorwiegend junge Leute auf nach Sendling, um sich „Shadowlight“ auszusetzen – einer Kombination aus Tanzperformance, einer mit Audioeffekten unterlegten Videomapping-Installation und Texten.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Sinnenfreude versprach die Performance indes nicht – im Gegenteil. Die Tänzer in der Choreographie von Pedro Dias und Lichtkünstler Philipp Geist hatten sich der Aufgabe gestellt, dem unsagbaren Leid von Kindern, die von sexueller Gewalt oft ihr Leben lang gezeichnet sind, in Szenen, Bewegungen und Bildern Ausdruck zu geben.

          Die Anregung, sexuelle Gewalt aus der Perspektive der Betroffenen zu visualisieren, ging vor drei Jahren von Peter Beer aus, damals Generalvikar des Erzbistums München und Freising. Heute widmet sich der Geistliche von der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom aus dem Thema Kinderschutz. Durch die Begegnung mit zahllosen Betroffenen und die Erfahrung von nicht enden wollenden Widerständen in der Kirche, dieser Seite ihrer Wahrheit ins Auge zu sehen, ist es sein Lebensthema geworden.

          Agnes Wich hingegen war ein Kind, als ein katholischer Priester ihr Gewalt antat. Es brauchte Jahrzehnte, ehe sie Worte für das fand, was ihr angetan wurde. Sie ist denn auch die Erste und die Einzige, die auf den Stufen vor dem Hochaltar spricht. „Blütenträume“ ist das Gedicht überschrieben, in dem die zierliche Frau die Welt des Kindes erstehen lässt, das sie einst war. Erst dann haben sieben Frauen und Männer aus der freien Tanzszene den mit elastischen Seilen „verstrickten“ Altarraum für sich und übersetzen die Gewalt und die Erfahrung des inneren Todes, aber auch die Befreiung und die Fähigkeit, sich wieder berühren zu lassen, in Gesten und Bewegungen.

          Vom Sich-berühren-Lassen spricht zum Abschluss auch Agnes Wich. Sie wünscht diese Fähigkeit den Betrachtern der Performance. Dass die schwarz gekleideten „Täter“ sich in die Kirchenbänke inmitten der Zuschauer gesetzt hatten, nachdem sie ihr Werk verrichtet hatten, musste sie nicht eigens in Worte fassen. Wer sehen wollte, der sah.

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