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Miserable Beschaffung : Das Heer sieht Deutschlands Sicherheit gefährdet

Zu spät, zu anfällig, zu selten einsatzbereit: Der Zustand vieler Hauptwaffensysteme der Bundeswehr (Foto: Der Radpanzer „Boxer“) ist beklagenswert Bild: dpa

Die Kritik am Zustand der deutschen Streitkräfte reißt nicht ab. Ein Thesenpapier warnt: Der Kurs des Verteidigungsministeriums, um die Bundeswehr besser auszurüsten, sei falsch.

          Die Bundeswehr wirbt mit einer aufwändigen Kampagne um Personal. Auf den Flecktarnplakaten, die nahezu jedes Bushäuschen zwischen Aachen und Frankfurt an der Oder schon einmal erobert haben, stehen flotte Werbesprüche. „Camper oder Kamerad?“, „Clan oder Kompanie?“, „Noob oder Rekrut?“. Sie sollen „Digital Natives“ ansprechen. Die Buchstaben werden von einem imaginierten Tablet gerahmt. Das soll Modernität signalisieren, weckt aber auch Erwartungen. Digitale Erwartungen, die die Rekruten mit in die Kasernen bringen. Dort begegnen sie einer anderen Realität. Statt Smartphones und Tablets warten auf sie in der Truppe vielerorts noch Funkgeräte aus der Mitte der achtziger Jahre. Hoffnungslos veraltetes Material. Bis sie alle abgelöst sind, soll es noch bis 2030 dauern. Mindestens. Und dann fehlen auch noch reihenweise Panzer. Das kann keine Standort-Kita rausreißen.

          Die gewaltige Lücke zwischen den Plakaten vor und dem Alltag hinter den Kasernenzäunen oder auf den Truppenübungsplätzen ist schon länger bekannt. Auch die eklatanten Mängel im Beschaffungswesen der Bundeswehr sind keine Verschlusssache. Die Berichte des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages geben Jahr für Jahr schonungslose Einsichten: Sei es bei Rüstungsprojekten, sei es bei der (Nicht-) Verfügbarkeit ausreichender Bestände bei den Hauptwaffensystemen. Die Kritik von Hans-Peter Bartels (SPD) war zuletzt in der Union als so schonungslos empfunden worden, dass bei der Veröffentlichung seines jüngsten Berichts ihr verteidigungspolitischer Sprecher sich dazu genötigt sah, seiner Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) beizuspringen. Man solle die Bundeswehr doch nicht schlechtreden, sagte Henning Otte (CDU). Die Trendwende beim Material habe begonnen. Erfolge seien sichtbar.

          Frank Leidenberger während seiner Zeit als Isaf-Kommandeur, 2010, in Mazar-e-Sharif

          Ein ranghoher Offizier äußert Kritik

          Das hatte indes auch der Wehrbeauftragte nicht abgestritten. Er hatte nur kritisiert, dass „alles viel zu schleppend“ gehe und Beispiele ins Feld geführt. Etwa, dass es zwei Jahre gedauert habe, die Rüstungsindustrie mit dem Rückkauf von 100 gebrauchten Kampfpanzern des Typs „Leopard 2“ zu beauftragen. Und dass es bis 2023 dauere, bis sie alle kampfwertgesteigert zu Verfügung stünden. Von der Leyen selbst erkennt die Missstände an, verwies aber zuletzt vor dem Deutschen Bundestag und auf der Münchner Sicherheitskonferenz ebenfalls darauf, dass die Beseitigung der Missstände ihre Zeit brauche.

          Zeit, die zumindest die Landstreitkräfte nach Ansicht eines ranghohen Offiziers nicht mehr haben: Generalleutnant Frank Leidenberger. Der 59 Jahre alte Berufssoldat aus Nürnberg ist nicht irgendwer. Als Isaf-Kommandeur im Norden Afghanistans führte er 2009 zusammen mit den afghanischen Sicherheitskräften Kampfoperationen gegen die Taliban. Leidenberger leitete die Luftlandebrigade 31 ebenso wie das Planungsamt der Bundeswehr. Er kennt also die Notwendigkeiten des Einsatzes ebenso aus dem Effeff wie die des Heimatbetriebes – und dessen bürokratische Hürden.

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