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Ministerpräsidentin Lieberknecht : Unter Pfarrerstöchtern

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Wahre Vielfalt der CDU: Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht und Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Fest in der Thüringer Landesvertretung am 24.September Bild: dpa

Die thüringische Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht gilt als kühle Strategin. Darin sehen manche eine Parallele zu einer anderen CDU-Frau aus dem Osten: Angela Merkel.

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          Bundeskanzlerin Angela Merkel und Christine Lieberknecht haben etwas gemeinsam, heißt es in der Umgebung der Thüringer Ministerpräsidentin und CDU-Landesvorsitzenden. Beide seien nicht von Konrad Adenauer handgeschliffen. Dafür, dass „der Alte“ bei den beiden Frauen politisch Hand hätte anlegen können, sind sie nicht nur zu jung. Mit ihrer ostdeutschen Herkunft und der Sozialisation im protestantischen Milieu des sozialistischen deutschen Staates waren sie der Bonner Republik und einer CDU, die ihre Wurzeln und Wähler in der einstigen Zentrumspartei und damit in den katholischen Regionen Westdeutschlands hat, auch zu fern.

          Die einen beschreiben Frau Lieberknecht und ihren politischen Stil als sachlich und nüchtern, undogmatisch und pragmatisch. Andere, auch in ihrer Partei, empfinden diesen Pragmatismus als Beliebigkeit, fragen nach Werten und suchen Halt in dem, was immer galt. Für sie hat der Begriff des Konservativen eine positive Konnotation, und sie fragen nach einem Politiker, der die Partei mit „Herz“, mit Wärme umfängt, aber auch für eine Sache brennt und sich verausgabt. Aber die Partei sei für Politikerinnen wie Frau Merkel oder Lieberknecht eben „nicht so wichtig“. Die Umgebung der Parteivorsitzenden Lieberknecht widerspricht dem nicht. Ihre Verhaftung in der Partei sei nicht über Jahrzehnte gewachsen.

          Der Partei über Jahrzehnte verbunden

          Das ist wahr und falsch zugleich. Denn Frau Lieberknecht ist der Partei durchaus schon über Jahrzehnte verbunden, aber eben auch im Osten und nicht nur im Westen. Selbst zwei Dekaden nach der Wiedervereinigung des Landes, die auch eine Vereinigung der Partei war, hat sich die wahre Vielfalt der CDU noch nicht jedem in ihr offenbart. Frau Lieberknecht stammt aus dem protestantischen Bildungsbürgertum. Ihre Großeltern der väterlichen Seite, Katharina und Walter Determann, waren zum Studium an der Kunstgewerbeschule des Belgiers van de Velde nach Weimar gezogen.

          Sie selbst wuchs in einem Pfarrhaus bei Weimar auf und lernte von Kindesbeinen an, sich durchzusetzen. 1976 begann sie das Studium der Theologie in Jena und wurde zum ersten Mal Mutter. Zugleich widmete sie sich der Politik und wurde FDJ-Sekretärin in der Sektion Theologie. Michael Göring, der Ehemann der späteren grünen Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt, wurde damals ihr Stellvertreter. Göring war CDU-Mitglied, und Frau Lieberknecht folgte ihm in die Partei. Sie gehörte schließlich zu den Unterzeichnern eines Briefes, in dem zum Ende der DDR das Ende der CDU als Blockpartei verlangt wurde. Mit Mut und Entschlossenheit forderte Frau Lieberknecht damals den Vorsitzenden der Ost-CDU, Gerald Götting, in dessen Dienstzimmer zum Rücktritt auf.

          Göring sagte einmal, Frau Lieberknecht habe einen „positiven Blick auf den Sozialismus“ gehabt. Sie habe den Sozialismus reformieren wollen. Damit hatte Frau Lieberknecht sicherlich mit zahlreichen Gleichaltrigen im Westdeutschland der siebziger und achtziger Jahre etwas gemeinsam. Jedoch fanden sich im Westen die Reformer des Sozialismus in diesen Tagen vermutlich eher bei den Jusos oder unter den sich damals findenden Grünen als bei der Jungen Union, aus der die westdeutsche CDU heute ihre Führung rekrutiert.

          Fähigkeit zum mathematischen Denken

          Als nach der Wende das Land Thüringen wieder errichtet wurde, übernahm Frau Lieberknecht schon bald politische Verantwortung. Sie war Kultusministerin, später Ministerin in der Staatskanzlei, Fraktionsvorsitzende und Sozialministerin. 2009, nachdem die CDU in der Landtagswahl zwar stärkste Partei, aber nicht zwangsläufig Regierungspartei geworden war, griff Christine Lieberknecht nach der Macht und beerbte Dieter Althaus, den ein Skiunfall aus der Bahn geworfen hatte, in den Ämtern der Parteivorsitzenden und Ministerpräsidentin.

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