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Minister zu Guttenberg und die „Bild“ : Ein Blatt als strategischer Partner

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

An diesem Mittwoch wird sich der Minister zu den jüngsten Vorfällen bei der Bundeswehr im Verteidigungsausschuss erklären. Ein besonders inniges Verhältnis pflegt zu Guttenberg mit der „Bild“-Zeitung. Bei der Suspendierung des Kommandanten der „Gorch Fock“ wurde das wieder einmal deutlich.

          Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hatte am Freitagmorgen im Bundestag gesprochen und sich zu den Unglücken geäußert, bei denen auf der „Gorch Fock“ im November eine junge Marinesoldatin ums Leben kam und im Dezember ein junger Soldat beim Waffenreinigen in Afghanistan getötet wurde. Um die Mittagszeit hatte der Sprecher des Ministeriums zahlreiche Fragen dazu und auch zur illegalen Öffnung von Feldpostbriefen der Bundeswehrsoldaten beantwortet.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Doch die eigentlichen Mitteilungen des Ministers wurden am vergangenen Wochenende in der „Bild“-Presse publiziert - begleitet von fetten Überschriften wie „So starb die Gorch-Fock-Matrosin wirklich“ und „Minister Liebling im Sturm“. Denn nach Medienberichten war der Kapitän der „Gorch Fock“, Schatz, am späten Freitagabend während einer gemeinsamen Autofahrt des Ministers mit einem Reporter der Zeitung „Bild am Sonntag“ abberufen worden. Ein Bericht des Blattes erweckt den Eindruck, als habe der Minister während der Fahrt (“der gepanzerte Audi A8 schießt mit knapp 200 Kilometer pro Stunde durch die Freitagnacht... als Guttenberg der Kragen platzt.“) seine Entscheidung getroffen, nachdem „immer neue Einzelheiten über seltsame Rituale und Quälereien“ auf der „Gorch Fock“ bekanntgeworden waren.

          Brisante Details und unbelegte Behauptungen

          Mit Details solcher Praktiken (“Ekel-Rituale“) konfrontierte die „Bild“-Zeitung ihre Leser am Wochenende und am Montag. Ebenso wurde die ziemlich aberwitzig anmutende Aussage einer anonymen „ehemaligen Kadettin“ verbreitet, das Schiff sei „der größte schwimmende Puff Deutschlands“. Zudem wurden die unbelegten Behauptungen über sexuelle Übergriffe an Bord in einen möglichen Zusammenhang mit dem Tod der Kadettin Jenny B. gebracht, die im September 2008 unter nie ganz geklärten Umständen nächtens über Bord der „Gorch Fock“ gestürzt war und später tot aufgefunden wurde.

          Im Gespräch: Minister zu Guttenberg mit „Bild”-Chefredakteur Diekmann - im Hintergrund Springer-Vorstandschef Döpfner

          Das Blatt hatte auch als Erstes mitgeteilt, unter welchen Umständen möglicherweise der Soldat in Afghanistan ums Leben gekommen war, den Mitte Dezember eine Kugel aus der Pistole eines Kameraden tödlich verletzt hatte, möglicherweise beim unsachgemäßen Herumspielen mit der Waffe. Die Informationen des Blattes setzen den Minister unter Druck.

          Zugleich aber dienen ihm Bilder und Texte der „Bild“-Zeitung als Medium zur Verbreitung seiner Medienbotschaften: Guttenberg auf dem Times Square, Guttenberg vor dem Abfangjäger, Herr Guttenberg in Afghanistan, Frau Guttenberg in Afghanistan. Insbesondere im familiären Kontext der Amtsführung des bayerischen Adeligen ist das Blatt stilprägend. So entsteht eine politisch-mediale Verbindung, die zumindest zeitweise den Charakter einer strategischen Partnerschaft trägt.

          Bekanntes Politikerrepertoire: „Bild, BamS, Glotze“

          Für den Minister ist das illustrierte Massenblatt aber keineswegs das einzige Transportband seiner Inszenierung. Fallweise werden auch andere Medien exklusiv versorgt. Spätestens seit dem „Medienkanzler“ Schröder ist der Dreiklang „Bild, BamS, Glotze“ fester Bestandteil eines Politikerrepertoires und akzeptierter Zustand des Berliner Politik-Betriebes, von dem fallweise auch andere Medien profitieren, je nach Zielpublikum. Allerdings gilt die Regel: „Man darf es nicht zu toll treiben.“

          In die Gefahr geriet schon Innenminister de Maizière (CDU), als er zunächst allerlei Journalisten über die konkreter gewordenen Terrorgefahren informierte, diese aber zum Schweigen verdonnerte, ehe er anschließend die Zeitung „Bild am Sonntag“ exklusiv über die besorgniserregende Bedrohungslage informierte: „Die Ereignisse sind für mich Anlass, meine Sorgen erstmals öffentlich zu machen.“ Auf diese Weise wurde das Land per Sonntags-“Bild“ vor aktueller Terrorgefahr gewarnt.

          Ein paar Tage und ein paar kritische Kommentare später kehrte de Maizière dann zum bewährten Protokoll zurück und informierte in seinem Ministerium über aktuelle Gefahren. Dass Guttenberg, der offenbar gerne auf Rasierklingen promeniert, sich so verhalten würde, hatte indes wohl nicht einmal die Opposition erwartet.

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