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Militärtransporter A400M : Von Russland fliegen lernen

Die Computeranimation zeigt den A400M über den Wolken Bild: AFP

Vor einem Jahr hätte sich das Militärtransportflugzeug vom Typ A400M in den Himmel schrauben sollen. Doch heute wagt keiner eine Prognose, wann es zum Testflug kommen könnte. Stattdessen verlängerte die Regierung den Mietvertrag über die Nutzung russischer Antonows.

          Technisch betrachtet, ist der Airbus A400M nur ein militärisches Transportflugzeug, das den veralteten Transall-Maschinen vieler europäischer Armeen den Weg in den längst überfälligen Ruhestand ebnen soll. Politisch aber steht er für einen Traum der Europäer, jedenfalls solcher, für die Europa nicht nur eine politische oder eine Währungsunion ist, sondern auch eine militärische. Eine militärische Union, die gemeinsam mit ihren Truppen den Frieden in Afrika rettet oder den Wiederaufbau in Afghanistan vorantreibt – und dies auch noch mit eigenen, unabhängig von den Amerikanern und Russen entwickelten Rüstungsgütern kann.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Deshalb unterschrieben Deutschland, Frankreich, England, Belgien, Spanien und die Türkei im Mai 2003 einen Vertrag über die Herstellung von 180 solcher Wunderwerke der politischen, militärischen und rüstungswirtschaftlichen Zusammenarbeit. Vor einem Jahr hätte das erste von ihnen sich in den europäischen Himmel schrauben sollen. Doch heute wagt keiner der Beteiligten auch nur eine vorsichtige Prognose, wann es zum ersten Testflug kommen könnte. Stattdessen verlängerte die Bundesregierung am 17. Dezember vorigen Jahres den Mietvertrag über die Nutzung russischer Transportflugzeuge vom Typ Antonow AN-124-100 um weitere zwei Jahre – und niemand weiß, wie viele Jahre es noch werden.

          Immerhin: Just an jenem 17. Dezember war schon mal ein einzelnes Triebwerk in der Luft, das ein eigens für die A400M-Entwicklung gegründetes europäisches Firmenkonsortium entwickelt hat. Es wurde unter die linke Tragfläche der im Alltag bewährten C-130 der Firma Lockheed geschraubt und ersetzt einen von deren vier Motoren. Ein ganz kleiner Schritt, der im Januar wiederholt wurde.

          Aber der erste Testflug fand bis heute nicht statt

          „In der ganzen Entwicklung des A400M ist der Wurm drin. Da hat vieles von Anfang an nicht zusammengepasst“, sagt der verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, der CDU-Abgeordnete Bernd Siebert. Das darf man wörtlich nehmen. Fatalerweise passt gerade das von Unternehmen aus Deutschland, Spanien, Großbritannien und Frankreich entwickelte Triebwerk nicht zu dem von EADS in Spanien gebauten Rumpf. Die geeignete Software fehle, klagt EADS, sonst hätte schon im Herbst ein Testflug stattfinden können. Das Triebwerk ist so stark, dass der Rumpf, um keinen Schaden zu nehmen, stabilisiert werden musste und mithin nicht mehr so viel laden kann wie geplant. Der Bau des Rumpfes ist fürs Erste eingestellt.

          Das ist nicht die einzige Konsequenz, die aus dem Desaster gezogen wurde. EADS hat Ende vorigen Jahres angekündigt, man werde die Produktion von Militärflugzeugen unmittelbar Airbus unterstellen. Die Bundesregierung, die die ganze Angelegenheit schon längst nicht mehr lustig findet, sieht darin immerhin einen Hoffnungsschimmer. „Soweit wir sehen, hat Airbus auf die Verbesserungsfähigkeit der Strukturen des Programm-Managements bei A400M reagiert“, sagt der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Christian Schmidt von der CSU: „Die Kompetenz und die Verantwortung sollen nun in einer Hand liegen. Das begrüßen wir.“

          Schmidt erkennt an, dass technisch mit dem Flugzeug Neuland betreten werde, was „zu Verzögerungen beiträgt“. Eine lupenreine Entschuldigung für EADS klänge anders. Zumal ist in Berlin hie und da die Sorge zu vernehmen, wegen der Schwierigkeiten bei der Herstellung des Passagierflugzeugs A380 ziehe Airbus gute Leute vom A400M ab und setze sie in der zivilen Produktion ein.

          Die EADS-Führung hat im Januar angekündigt, sie wolle über den Vertrag inklusive Zeitplan noch einmal grundsätzlich reden. Die Bundesregierung ist jedoch nicht bereit, vertragliche Ansprüche aufzugeben. Immerhin ist jetzt eine „Task Force“ der Bestellländer und des Herstellers eingesetzt worden, die feststellen soll, wie man aus der verfahrenen Situation herauskommt. Schmidt sagt, bevor der Bericht der Arbeitsgruppe nicht vorliege und ausgewertet sei, könne über ein realistisches Datum für die Auslieferung des A400M nichts gesagt werden.

          Auslieferung nicht vor April 2012

          Zu oft hat sich die Regierung korrigieren müssen. Die FDP-Verteidigungspolitikerin Elke Hoff hat über die Jahre eine ganze Serie von Anfragen an die Regierung gerichtet. Legt man sie nebeneinander, lässt sich schön sehen, wie die Frage nach dem Erstflug vom Ministerium erst um ein halbes, später gleich um ein ganzes Jahr verschoben wurde. Letzte Auskunft: nicht vor Sommer 2009. Auslieferung: frühestens April 2012.

          Mit dem A400M wird nicht nur technisch Neuland betreten, sondern auch hinsichtlich der Entwicklung. Diese wurde per Vertrag komplett an den Hersteller übertragen. Das dem Verteidigungsministerium zugeordnete Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung kann mithin die Entwicklung „nur passiv begleiten“, wie es in der Regierung heißt. Das führe dazu, „dass der Auftraggeber nur sehr begrenzte eigene Erkenntnisse über den Fortschritt des Projekts hat“. Mit anderen Worten: Die Politik weiß immer noch nicht, wie es weitergeht. Der Hersteller müsse endlich für Transparenz sorgen, wird in Berlin gefordert. Je häufiger Mutmaßungen über das Scheitern des gesamten Projekts auftauchen, desto hartnäckiger halten EADS und die Regierungen der Bestellerländer an der Version fest, es gebe keine Überlegungen, vom A400M Abstand zu nehmen.

          Mancher mag in diesen Tagen, da die russischen Antonows für weitere zwei Jahre gemietet worden sind, an Helmut Kohl zurückdenken. Ausgerechnet der große Europäer Kohl hatte Ende der neunziger Jahre darauf gedrungen, die Transall durch ein Flugzeug abzulösen, das auf Basis der Antonow entwickelt würde. Vielleicht flöge das längst.

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