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Militärhistorisches Museum : Kleinkrieg um Kondome auf Raketen

Spektakuläre Architektur nach Libeskind: Das Militärhistorische Museum in Dresden nach seinem Neubau. Bild: Militärhistorisches Museum

Das Militärmuseum der Bundeswehr sagt die teuerste Ausstellung seiner Geschichte einfach ab. Nicht alle finden Kondome auf Raketen angemessen. Die Formel der Gegner lautet: Weniger tanzen, mehr marschieren.

          7 Min.

          Als das Militärhistorische Museum in Dresden noch Armeemuseum der DDR hieß, wurde gleich in der Eingangshalle geklotzt: In Reihe angetretene Panzer, Flugzeuge und Raketen der Nationalen Volksarmee und des Warschauer Pakts stellten unmissverständlich klar, dass man den Westen im Fall des Falles unverzüglich in die Tasche stecken werde. Es kam dann bekanntlich anders, der Westen übernahm auch das Armeemuseum, das im Norden der Stadt in einem weitläufigen Kasernengelände thront, das einst als das größte Europas galt, im Zweiten Weltkrieg unzerstört geblieben war und fortan von Volksarmee und Sowjetarmee genutzt wurde. Als die Bundeswehr 1990 in den Laden einmarschierte, kam sie aus dem Staunen kaum heraus: In den Depots standen Original-Panzer und -Fahrzeuge der Nato in fast allen Varianten.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Mit der Neueröffnung 2011 zog ein gänzlich anderer Geist ein: Statt einer rein militärischen Leistungsschau zeigt das Museum heute die Kulturgeschichte der Gewalt und zum Beispiel Waffen wie die V2 im Kontext – als technische Meisterleistung und Terrorwerkzeug zugleich; wie als Symbol der Neuausrichtung ringen heute in der Eingangshalle die an die Wand projizierten Wörter „Liebe“ und „Hass“ miteinander. Das neue Konzept der Dauerausstellung und die spektakuläre Architektur von Daniel Libeskind, der einen Stahlbeton-Keil durch das altehrwürdige Arsenalhauptgebäude der sächsischen Armee getrieben hat, brachten dem Museum auch international viel Aufmerksamkeit; heute zählt es zu den maßgeblichen Geschichtsmuseen der Bundesrepublik, das größte ist es ohnehin.

          Allein ein Blick in die Gästebücher offenbart, dass sich längst nicht alle damit anfreunden können. Das ist nicht ungewöhnlich, doch gibt es auch innerhalb der Bundeswehr nach wie vor erheblichen Widerstand gegen das Museum. Man wolle weniger tanzen und wieder mehr marschieren, lautet die Formel der Gegner, die mit Tanzen vor allem die kulturgeschichtliche Ausrichtung verhöhnen. In diesem Jahr schienen diese Kräfte am Ziel: Der langjährige Direktor und Verfechter des modernen Ansatzes, Matthias Rogg, wurde im Frühjahr versetzt – offiziell auf eigenen Wunsch. Im Sommer folgte der zivile wissenschaftliche Leiter und Kopf der Neukonzeption, Gorch Pieken; er ist seiner Ämter enthoben und an eine Außenstelle abgeordnet.

          Die Eskalation ist auch Folge einer geplanten Ausstellung, die wohl wie keine andere in die Zeit und auch zu diesem Museum passt, für Gegner jedoch eine einzige Provokation darstellt: „Gewalt und Geschlecht“ lautet der Titel der bisher größten Sonderschau des Hauses, in der zwangsläufig auch Worte wie Diversität und Gender auftauchen, die jedoch von manchem wie Kampfbegriffe sowie als neueste Marotte der Ministerin aufgefasst werden. Die Planungen für die Schau sind allerdings viel älter, doch gehört es in einer bestimmten Generation älterer Offiziere geradezu zum guten Ton, sich über Ursula von der Leyen lustig zu machen, das aber selbstverständlich erst, nachdem man ihr brav applaudiert und sie den Raum verlassen hat. Von einem General ist die Aussage überliefert, er werde seinen Offizieren ausdrücklich verbieten, diese Ausstellung zu besuchen. Die Ausstellung gilt als die teuerste in der Geschichte des Museums. Die Kosten sollen im siebenstelligen Bereich liegen.

          „Ich bin von der Absage aus allen Wolken gefallen“

          Das Verbot brauchte er nicht auszusprechen, denn Ende Juli setzte der neue Direktor des Hauses, Oberstleutnant Armin Wagner, unmittelbar nach Pieken auch die Ausstellung ab, und zwar ganze sechs Wochen vor Eröffnung. Da wurde bereits für die Ausstellung, die ab 14. September zu sehen sein sollte, geworben. Zum Beispiel in einem Katalog des renommierten Sandstein-Verlags und in diversen anderen Programmheften zur Dresdner Museumsnacht. Das Museum hielt die Absage nicht nur geheim, sondern löschte die Schau erklärungslos von seiner Internetseite. Dort ist schon seit langem lediglich die Dauerausstellung zu finden, was auch angesichts von zwanzig zum Teil aufsehenerregenden Sonderausstellungen in den vergangenen sechs Jahren einer Kapitulation gleichkommt.

          Das Museum untersteht „truppendienstlich“ dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam, das von der Entwicklung angeblich genauso überrascht wurde wie dessen eigener wissenschaftlicher Beirat. Der wissenschaftliche Beirat des Museums selbst übrigens auch. Vorsitzender beider unabhängiger Expertengremien ist der Historiker Manfred Görtemaker. „Ich bin von der Absage aus allen Wolken gefallen“, sagt er. „Bis dahin hatte der Beirat keine Ahnung, dass es Probleme mit der Ausstellung gibt.“ Die war ja auch noch unter den Vorgängern Rogg und Pieken initiiert worden und befand sich nach dem Machtwechsel im Museum im finalen Stadium; nach Aussage mehrerer Beteiligter hätte sie ohne weiteres pünktlich eröffnen können. Görtemaker berief umgehend eine Krisen-Beiratssitzung ein, auf der er deutlich machte, dass man eine so spektakuläre Schau nicht einfach absagen könne. Vereinbart worden sei, dass sie noch in diesem Jahr eröffnen muss. Auch, um das bereits investierte Geld nicht zu verlieren.

          Das Konzept jedenfalls verspricht einen „spannungsvoll inszenierten Parcours in sieben Akten“ sowie ein „aufregendes und erkenntnisreiches Panoptikum“ zum Thema „Gewalt und Geschlecht“, das Gewissheiten aufbaut und wieder einreißt, Vorstellungen hinterfragt und dekonstruiert. „Männer sind eben keineswegs nur Täter und Frauen nicht nur Opfer“, schreiben die Macher. „Vergangenheit und Gegenwart sind weitaus komplexer.“ Görtemaker sagt, sowohl das Thema als auch die differenzierte Herangehensweise seien „faszinierend“. Mehr als 200 Originalobjekte waren geplant, darunter ein Kleid Katharinas der Großen oder eine Handtasche Margaret Thatchers. Das aber war offenbar zu viel für Verfechter exakter Schusswinkel und Kaliberangaben, die dringende Empfehlung des Beirats wurde ignoriert, die Ausstellung blieb abgesagt.

          Das alles verwunderte auch externe Beteiligte, Katalogautoren ebenso wie private Leihgeber und internationale Museen wie die Eremitage in Sankt Petersburg, das Veterans Museum in Chicago oder das Spielemuseum im amerikanischen Rochester. Einige zogen ihre Ausstellungsobjekte auch aufgrund anderer Verpflichtungen bereits zurück, der Ruf des Hauses in der Branche ist nun zumindest ramponiert. Ein norwegischer Künstler, der auf dem Außengelände einer Boden-Boden-Rakete ein Kondom überziehen wollte, hatte gar eine Art Déja-vu. Als er sein Projekt vor einigen Jahren an einem norwegischen Militärmuseum zeigte, brach der Direktor dort die Schau vorzeitig ab.

          Nie abgesagt - Nur verschoben

          Erst auf einer zweiten dringlichen Beiratssitzung im Oktober wurde das Museum unmissverständlich aufgefordert, die Ausstellung zu zeigen, wegen der Verzögerungen allerdings nun erst im kommenden Jahr. Das hat auch finanzielle Folgen, denn das bisher eingehaltene Budget der Schau wird nun deutlich überschritten. „Das wäre alles nicht nötig gewesen“, sagt Manfred Görtemaker, der die Gründe für Absage und Verschiebung für fadenscheinig hält. „Hier wurde eine zweijährige Vorbereitungszeit einfach auf den Müll gekippt“, sagt er. „Dass die Hausleitung mit den Aufgaben nicht fertig wird oder fertig werden will, ist doch offensichtlich.“

          Der Weg zu Museumsdirektor Armin Wagner ist mühsam, ein vereinbartes Gespräch mit ihm lässt das Verteidigungsministerium plötzlich absagen, man soll sich lieber an das vorgesetzte Zentrum für Militärgeschichte wenden. Der dortige Kommandeur ist ein freundlicher Mann, aber erst seit Oktober im Amt. Schließlich genehmigt das Ministerium doch noch den Termin. Gefragt nach Gründen für die Absage, antwortet Wagner, dass die Ausstellung nie abgesagt, sondern – mit Zustimmung des Beirats – nur verschoben worden sei, und zwar vor allem aus technischen und organisatorischen Gründen. Zum Beispiel benötige man zwei Starkstromquellen, von denen nur eine vorhanden gewesen sei. Außerdem sei ein Nebenstandort nicht klimatisierbar, was Objekte womöglich gefährdet hätte. Spielte das Konzept selbst auch eine Rolle? „Nein, es gab keine inhaltlichen Gründe.“

          Das allerdings schildern gleich mehrere Beteiligte anders. So soll Wagner persönlich immer wieder in die Ausstellung eingegriffen und Exponate verbannt oder sogar verboten haben, darunter vor allem solche, die einen direkten oder indirekten sexuellen Bezug haben, zum Beispiel vergleichsweise harmlose wie ein „Pimmelmeter“ aus dem Deutschen Hygienemuseum, aber auch in jeder Hinsicht gewichtige wie zwei riesige Kanonenkugeln der Bildhauerin Louise Bourgeois aus dem New Yorker Battery-Park, die sich aus der Nähe betrachtet als überdimensionierte Brüste herausstellen. Auch ein Auszug des AfD-Parteiprogramms zum Thema Gender darf angeblich nicht gezeigt werden, und alles mit der Begründung, das würden Soldaten nicht verstehen.

          Die Gegenoffensive scheint abgewehrt

          Wagner entgegnet, alle inhaltlichen Entscheidungen seien vor seiner Zeit gefallen. „Ich bin kein Museologe. Ich mische mich in die Arbeit der Kuratoren nicht ein.“ Alle Exponate zu „Gewalt und Geschlecht“ seien ohnehin längst festgelegt, die Texte dazu geschrieben gewesen. Lediglich zwei Objekte, die ihm „hinsichtlich der Pietät gemeldet“ worden seien, wurden nach Rücksprache mit Vorgesetzten aussortiert. Generell sei so etwas aber nicht nötig. „Ich muss meinen Kuratoren vertrauen und maße mir nicht an, da hineinzupfuschen.“ Warum hat er dann Chefkurator Pieken versetzt? „Er ist nicht versetzt, sondern nach Potsdam abgeordnet.“ Zu Personal-Angelegenheiten könne er jedoch keine Auskunft geben. Nur so viel: „Es gibt keinerlei Bestrebungen, ihn hier irgendwie loszuwerden.“

          Hinter den Kulissen ist es freilich ein offenes Geheimnis, dass Wagner und Pieken nicht miteinander können. Der Konflikt, so ist zu hören, habe das gesamte Museum im Griff, inklusive Lagerbildung unter Mitarbeitern. Gerüchte und Misstrauen beherrschten den Alltag, es gebe interne Ermittlungen, Mitarbeiter-Computer sollen konfisziert, Büros versiegelt und alte Vorgänge überprüft worden sein, um „Munition“ zu finden. Armin Wagner entgegnet, er könne keine Reibereien am Haus erkennen. „Das sehe ich wirklich überhaupt nicht.“ Alle arbeiteten daran, „Gewalt und Geschlecht“ nun am 26. April zu eröffnen. Nach mehrfacher Nachfrage antwortet er, dass Gerüchte, er habe den Auftrag, aus dem Haus wieder ein herkömmliches Militärmuseum zu machen, falsch seien.

          Die Gegenoffensive scheint damit erstmal abgewehrt. Die Ausstellung, das versichert das Zentrum für Militärgeschichte als vorgesetzte Dienststelle, sei „außerordentlich gelungen“ und werde „wie ursprünglich geplant in vollem Umfang gezeigt“, auch die Ausrichtung des Museums werde sich nicht ändern. Potsdam hat zusätzliche Mitarbeiter nach Dresden entsandt, die dafür sorgen sollen, dass jetzt nichts mehr schiefgeht. Manfred Görtemaker sagt, der Beirat werde sich künftig regelmäßig über die Pläne des Museums informieren. Zudem stehe für ihn fest, dass die organisatorische und inhaltliche Verantwortung künftig streng getrennt werden, der Fall darüber hinaus aber auch personelle Konsequenzen haben müsse. „Was hier passiert ist, hat den Ruf des Hauses erheblich beschädigt und darf sich nicht wiederholen“, sagt er. Kurator Pieken müsse zurück nach Dresden. „Er ist als kreativer Kopf des Hauses unverzichtbar“, sagt Görtemaker. „Dieses Museum ist einzigartig in der Welt, das müssen wir erhalten.“

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