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Militärhistorisches Museum : Kleinkrieg um Kondome auf Raketen

Spektakuläre Architektur nach Libeskind: Das Militärhistorische Museum in Dresden nach seinem Neubau. Bild: Militärhistorisches Museum

Das Militärmuseum der Bundeswehr sagt die teuerste Ausstellung seiner Geschichte einfach ab. Nicht alle finden Kondome auf Raketen angemessen. Die Formel der Gegner lautet: Weniger tanzen, mehr marschieren.

          Als das Militärhistorische Museum in Dresden noch Armeemuseum der DDR hieß, wurde gleich in der Eingangshalle geklotzt: In Reihe angetretene Panzer, Flugzeuge und Raketen der Nationalen Volksarmee und des Warschauer Pakts stellten unmissverständlich klar, dass man den Westen im Fall des Falles unverzüglich in die Tasche stecken werde. Es kam dann bekanntlich anders, der Westen übernahm auch das Armeemuseum, das im Norden der Stadt in einem weitläufigen Kasernengelände thront, das einst als das größte Europas galt, im Zweiten Weltkrieg unzerstört geblieben war und fortan von Volksarmee und Sowjetarmee genutzt wurde. Als die Bundeswehr 1990 in den Laden einmarschierte, kam sie aus dem Staunen kaum heraus: In den Depots standen Original-Panzer und -Fahrzeuge der Nato in fast allen Varianten.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Mit der Neueröffnung 2011 zog ein gänzlich anderer Geist ein: Statt einer rein militärischen Leistungsschau zeigt das Museum heute die Kulturgeschichte der Gewalt und zum Beispiel Waffen wie die V2 im Kontext – als technische Meisterleistung und Terrorwerkzeug zugleich; wie als Symbol der Neuausrichtung ringen heute in der Eingangshalle die an die Wand projizierten Wörter „Liebe“ und „Hass“ miteinander. Das neue Konzept der Dauerausstellung und die spektakuläre Architektur von Daniel Libeskind, der einen Stahlbeton-Keil durch das altehrwürdige Arsenalhauptgebäude der sächsischen Armee getrieben hat, brachten dem Museum auch international viel Aufmerksamkeit; heute zählt es zu den maßgeblichen Geschichtsmuseen der Bundesrepublik, das größte ist es ohnehin.

          Allein ein Blick in die Gästebücher offenbart, dass sich längst nicht alle damit anfreunden können. Das ist nicht ungewöhnlich, doch gibt es auch innerhalb der Bundeswehr nach wie vor erheblichen Widerstand gegen das Museum. Man wolle weniger tanzen und wieder mehr marschieren, lautet die Formel der Gegner, die mit Tanzen vor allem die kulturgeschichtliche Ausrichtung verhöhnen. In diesem Jahr schienen diese Kräfte am Ziel: Der langjährige Direktor und Verfechter des modernen Ansatzes, Matthias Rogg, wurde im Frühjahr versetzt – offiziell auf eigenen Wunsch. Im Sommer folgte der zivile wissenschaftliche Leiter und Kopf der Neukonzeption, Gorch Pieken; er ist seiner Ämter enthoben und an eine Außenstelle abgeordnet.

          Die Eskalation ist auch Folge einer geplanten Ausstellung, die wohl wie keine andere in die Zeit und auch zu diesem Museum passt, für Gegner jedoch eine einzige Provokation darstellt: „Gewalt und Geschlecht“ lautet der Titel der bisher größten Sonderschau des Hauses, in der zwangsläufig auch Worte wie Diversität und Gender auftauchen, die jedoch von manchem wie Kampfbegriffe sowie als neueste Marotte der Ministerin aufgefasst werden. Die Planungen für die Schau sind allerdings viel älter, doch gehört es in einer bestimmten Generation älterer Offiziere geradezu zum guten Ton, sich über Ursula von der Leyen lustig zu machen, das aber selbstverständlich erst, nachdem man ihr brav applaudiert und sie den Raum verlassen hat. Von einem General ist die Aussage überliefert, er werde seinen Offizieren ausdrücklich verbieten, diese Ausstellung zu besuchen. Die Ausstellung gilt als die teuerste in der Geschichte des Museums. Die Kosten sollen im siebenstelligen Bereich liegen.

          „Ich bin von der Absage aus allen Wolken gefallen“

          Das Verbot brauchte er nicht auszusprechen, denn Ende Juli setzte der neue Direktor des Hauses, Oberstleutnant Armin Wagner, unmittelbar nach Pieken auch die Ausstellung ab, und zwar ganze sechs Wochen vor Eröffnung. Da wurde bereits für die Ausstellung, die ab 14. September zu sehen sein sollte, geworben. Zum Beispiel in einem Katalog des renommierten Sandstein-Verlags und in diversen anderen Programmheften zur Dresdner Museumsnacht. Das Museum hielt die Absage nicht nur geheim, sondern löschte die Schau erklärungslos von seiner Internetseite. Dort ist schon seit langem lediglich die Dauerausstellung zu finden, was auch angesichts von zwanzig zum Teil aufsehenerregenden Sonderausstellungen in den vergangenen sechs Jahren einer Kapitulation gleichkommt.

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