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Militärhistorisches Museum : Kleinkrieg um Kondome auf Raketen

Das Museum untersteht „truppendienstlich“ dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam, das von der Entwicklung angeblich genauso überrascht wurde wie dessen eigener wissenschaftlicher Beirat. Der wissenschaftliche Beirat des Museums selbst übrigens auch. Vorsitzender beider unabhängiger Expertengremien ist der Historiker Manfred Görtemaker. „Ich bin von der Absage aus allen Wolken gefallen“, sagt er. „Bis dahin hatte der Beirat keine Ahnung, dass es Probleme mit der Ausstellung gibt.“ Die war ja auch noch unter den Vorgängern Rogg und Pieken initiiert worden und befand sich nach dem Machtwechsel im Museum im finalen Stadium; nach Aussage mehrerer Beteiligter hätte sie ohne weiteres pünktlich eröffnen können. Görtemaker berief umgehend eine Krisen-Beiratssitzung ein, auf der er deutlich machte, dass man eine so spektakuläre Schau nicht einfach absagen könne. Vereinbart worden sei, dass sie noch in diesem Jahr eröffnen muss. Auch, um das bereits investierte Geld nicht zu verlieren.

Das Konzept jedenfalls verspricht einen „spannungsvoll inszenierten Parcours in sieben Akten“ sowie ein „aufregendes und erkenntnisreiches Panoptikum“ zum Thema „Gewalt und Geschlecht“, das Gewissheiten aufbaut und wieder einreißt, Vorstellungen hinterfragt und dekonstruiert. „Männer sind eben keineswegs nur Täter und Frauen nicht nur Opfer“, schreiben die Macher. „Vergangenheit und Gegenwart sind weitaus komplexer.“ Görtemaker sagt, sowohl das Thema als auch die differenzierte Herangehensweise seien „faszinierend“. Mehr als 200 Originalobjekte waren geplant, darunter ein Kleid Katharinas der Großen oder eine Handtasche Margaret Thatchers. Das aber war offenbar zu viel für Verfechter exakter Schusswinkel und Kaliberangaben, die dringende Empfehlung des Beirats wurde ignoriert, die Ausstellung blieb abgesagt.

Das alles verwunderte auch externe Beteiligte, Katalogautoren ebenso wie private Leihgeber und internationale Museen wie die Eremitage in Sankt Petersburg, das Veterans Museum in Chicago oder das Spielemuseum im amerikanischen Rochester. Einige zogen ihre Ausstellungsobjekte auch aufgrund anderer Verpflichtungen bereits zurück, der Ruf des Hauses in der Branche ist nun zumindest ramponiert. Ein norwegischer Künstler, der auf dem Außengelände einer Boden-Boden-Rakete ein Kondom überziehen wollte, hatte gar eine Art Déja-vu. Als er sein Projekt vor einigen Jahren an einem norwegischen Militärmuseum zeigte, brach der Direktor dort die Schau vorzeitig ab.

Nie abgesagt - Nur verschoben

Erst auf einer zweiten dringlichen Beiratssitzung im Oktober wurde das Museum unmissverständlich aufgefordert, die Ausstellung zu zeigen, wegen der Verzögerungen allerdings nun erst im kommenden Jahr. Das hat auch finanzielle Folgen, denn das bisher eingehaltene Budget der Schau wird nun deutlich überschritten. „Das wäre alles nicht nötig gewesen“, sagt Manfred Görtemaker, der die Gründe für Absage und Verschiebung für fadenscheinig hält. „Hier wurde eine zweijährige Vorbereitungszeit einfach auf den Müll gekippt“, sagt er. „Dass die Hausleitung mit den Aufgaben nicht fertig wird oder fertig werden will, ist doch offensichtlich.“

Der Weg zu Museumsdirektor Armin Wagner ist mühsam, ein vereinbartes Gespräch mit ihm lässt das Verteidigungsministerium plötzlich absagen, man soll sich lieber an das vorgesetzte Zentrum für Militärgeschichte wenden. Der dortige Kommandeur ist ein freundlicher Mann, aber erst seit Oktober im Amt. Schließlich genehmigt das Ministerium doch noch den Termin. Gefragt nach Gründen für die Absage, antwortet Wagner, dass die Ausstellung nie abgesagt, sondern – mit Zustimmung des Beirats – nur verschoben worden sei, und zwar vor allem aus technischen und organisatorischen Gründen. Zum Beispiel benötige man zwei Starkstromquellen, von denen nur eine vorhanden gewesen sei. Außerdem sei ein Nebenstandort nicht klimatisierbar, was Objekte womöglich gefährdet hätte. Spielte das Konzept selbst auch eine Rolle? „Nein, es gab keine inhaltlichen Gründe.“

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