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Urteil gegen Hooligans : Milde Strafen für frühere Mitglieder der „Faust des Ostens“

  • -Aktualisiert am

Die Angeklagten mit ihren Verteidigern am Dienstag im Gericht in Dresden. Bild: dpa

Vor zehn Jahren griffen sie Ausländer an und verbreiteten in Sachsen Angst und Schrecken. Nun hat ein Gericht drei frühere Mitglieder der Gruppe verurteilt. Ins Gefängnis muss wegen der Taten niemand.

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          „Wir hoffen, dass Sie aus der Vergangenheit gelernt haben“, sagte Richter Joachim Kubista in seinem Schlusswort am Dienstag in Richtung der drei Angeklagten. „Wir wissen sehr wohl, dass man sich da nie ganz sicher sein kann.“ Die drei Männer auf der Anklagebank der Staatsschutzkammer des Landgerichts Dresden blickten erleichtert, fiel doch das Urteil in dem seit fast zehn Jahren schwebenden Verfahren am Ende vergleichsweise milde aus: Die 30 und 31 Jahre alten Angeklagten erhielten wegen Mitgliedschaft und Rädelsführerschaft in einer Kriminellen Vereinigung sowie gefährlicher Körperverletzung eine Geldstrafe von jeweils 1500 Euro. Der dritte, 37 Jahre alt, bekam wegen Mitgliedschaft und Rädelsführerschaft in einer Kriminellen Vereinigung sieben Monate Haft auf Bewährung.

          Die beiden jüngeren Angeklagten verurteilte die Kammer nach Jugendstrafrecht, weil sie die Mehrzahl der ihnen zur Last gelegten Taten als Heranwachsende, also im Alter zwischen 18 und 21 Jahren, begangen hatten. Ausführlich begründete der Richter, warum in diesem Fall keine Jugendstrafe als „schärfstes Schwert des Jugendstrafrechts“ in Frage gekommen sei.

          „Gewalt als Selbstzweck“

          „Beide haben sich offensichtlich gefangen, sie sind heute beruflich und familiär integriert und strafrechtlich nicht mehr in Erscheinung getreten.“ Selbiges gelte auch für den dritten Angeklagten, der jedoch zum Tatzeitpunkt bereits erwachsen sowie wegen einer früheren Verurteilung unter Bewährung gestanden hatte, weshalb nur eine – für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzte – Haftstrafe in Betracht gekommen sei.

          Das Urteil ist der Abschluss eines Verfahrens, dessen Dauer viel Unverständnis und Unmut auch über Sachsen hinaus erzeugt hat. Schließlich stammte die Anklage bereits aus dem Jahr 2013. Der Richter ging darauf in seiner Urteilsbegründung unumwunden ein. Das Verfahren sei „wahrlich kein Ruhmesblatt“ der Justiz, die Dauer liege jedoch an der Überlastung der Strafkammer insbesondere mit Haftsachen, die vorrangig seien. Das sei keine Entschuldigung, aber eine Erklärung. „Dafür sind nicht die Angeklagten verantwortlich“, betonte der Richter.

          Die drei Männer waren der Kern einer rechtsradikalen Schlägertruppe namens „Faust des Ostens“ (FdO), die sich 2010 bewusst in Abgrenzung zu der weitgehend friedlichen Fangruppierung Ultras des Fußballvereins Dynamo Dresden gegründet und schnell Stadionverbot erhalten hatte. Von Anfang an sei der Einsatz von Gewalt als Selbstzweck sowie als probates Mittel zur Erreichung ihrer Ziele gewesen, so das Gericht.

          „Gewalt ohne Rücksicht auf Verluste“

          Ziele der FdO waren demzufolge gewaltsame Übergriffe auf Fans gegnerischer Mannschaften – vor allem aus dem Westen – sowie auf Polizisten und Ausländer, die sie zwischen 2010 und 2012 in Dresden und Sachsen beging und mit ihrem martialischen Auftreten Angst und Schrecken verbreitete. Die drei Angeklagten hätten zu den Mitgründern und Rädelsführern der Gruppierung gezählt, deren harter Kern bis zu 15 sowie eine schnell mobilisierungsfähige Anhängerschaft von bis zu 250 Mann umfasste.

          „Ihnen ging es darum, Gewalt auszuüben ohne Rücksicht auf Verluste“, so der Richter, der bei der Suche nach Gründen einen Soziologen zitierte, wonach Gewalt eine Tankstelle für Selbstbewusstsein sei, insbesondere für junge Männer, die damit oft soziale Defizite, ein geringes Selbstbewusstsein, Liebesentzug sowie ein fehlendes Identitäts- und Selbstwertgefühl kompensierten.

          Letztlich hatte es das Gericht mit einer Vielzahl von Einzelfällen zu tun, bei denen sich oft auch aufgrund widersprüchlicher Zeugenaussagen nicht mehr genau rekonstruieren ließ, welcher der Angeklagten welche Rolle bei den Gewaltexzessen spielte. Es sei jedoch nicht zu vernachlässigen, was damals passiert sei, sagte der Richter. Den Angeklagten hielt er zugute, dass sie „umfassende Geständnisse“ abgelegt hätten, auch wenn diese „manchmal ein bisschen geschönt“ geklungen hätten. Gerade in Fällen wie diesen jedoch seien „null Toleranz“ und „ein kompromissloses Eingreifen der Polizei“ nötig, sagte er.

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