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Milchindustrie : Alles Käse?

  • -Aktualisiert am

Sieht aus wie Käse, riecht wie Käse, aber ist es auch welcher? Bild: dpa

Auf der Pizza ersetzt oft „Analogkäse“ das echte Milchprodukt. Er besteht aus Pflanzenfett, Eiweiß und Aromastoffen. „Käse“ darf man dazu eigentlich nicht einmal sagen, und den Bauern bricht ein Absatzmarkt weg. Das Bewusstsein dafür wächst nur langsam.

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          Das Wort für das Produkt, um das es in dieser Diskussion geht, darf eigentlich gar nicht verwendet werden. „Analogkäse“ ist die inoffizielle Bezeichnung für ein Lebensmittel, das in den vergangenen Tagen den Agrarausschuss des Bundestags, Verbraucherverbände und die Vertreter von Milchindustrie und Landwirtschaft beschäftigte. Die Debatte begann, nachdem das ZDF-Fernsehen Anfang April berichtet hatte, dass längst nicht jedes Produkt, das mit dem Wort „Käse“ im Namen angekündigt wird, diese Bezeichnung auch verdient.

          Nach der Käseverordnung ist Käse ein frisches oder in verschiedenen Graden der Reife befindliches Erzeugnis, das aus dickgelegter Milch hergestellt wurde. Beim „Dicklegen“ wird das Eiweiß Kasein aus der Milch ausgefällt; aus dieser Masse entstehen Hartkäse wie Parmesan, Schnittkäse wie Gouda oder Weichkäse wie Brie. Die goldgelbe Kruste vieler Käse-Pizzen oder überbackener Käse-Brötchen hat allerdings nichts mehr mit dickgelegter Kuhmilch zu tun.

          Pflanzenfette, Eiweiß und Aromastoffe: Fertig ist der Pizza-„Käse“

          Stattdessen besteht sie aus Pflanzenfetten, Eiweiß und Aromastoffen – eine Masse, die täuschend echt die Konsistenz und das Aroma von Käse imitiert, außerdem billiger ist und bei großer Hitze nicht so schnell anbrennt. Verboten ist die Herstellung von sogenanntem Analogkäse zwar nicht, und die Gesundheit gefährdet er keineswegs. „Verwendet man aber Analogkäse und benutzt trotzdem das Wort ,Käse‘ in der Produktbezeichnung, ist das eine Irreführung des Verbrauchers“, heißt es im Bundeslandwirtschaftsministerium, das sich der Sache mittlerweile angenommen hat.

          Verlangt mehr Kontrollen: Bauernverbandspräsident Gerd Sonnleitner

          In der vergangenen Woche hatte bereits der Agrarausschuss des Bundestags das Thema auf die Tagesordnung gesetzt. Es ist nicht das erste Mal, dass der „Analog-Käse“ die Öffentlichkeit beschäftigt. Diesmal allerdings fällt die Kritik am falschen Käse mitten in die Debatte über verfallende Milchpreise. Im Ministerium wird die schnelle Intervention deshalb auch offen mit der angespannten Lage auf dem Milchmarkt erklärt. Noch vor dem Treffen des „Runden Tisches“ der Lebensmittelwirtschaft an diesem Dienstag sprach sich Bauernverbandspräsident Gerd Sonnleitner dafür aus zu kontrollieren, „ob auch Milch drin ist, wo Milch drauf steht“. Die Lebensmittelindustrie täusche mit Imitat-Käse die Verbraucher und verbaue den Bauern wichtige Absatzkanäle für echte Milch. Schon seit Jahren drängen die Interessenverbände der Milchwirtschaft auf eine Einhaltung der EU-Verordnung, die die Vermarktung von Milchprodukten unter der Bezeichnung „Käse“ schützt.

          Die Kennzeichnung ist das Problem

          Die rechtliche Grundlage, um Käsetäuschung zu ahnden, gibt es mit der Verordnung nämlich längst. „Vielen Kontrollbehörden war bisher aber gar nicht klar, dass sie auf Analogkäse achten müssen“, sagt Julia Klöckner, Beauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Verbraucherschutz. Dabei geht es nicht etwa darum, den künstlichen Käse aus dem Verkehr zu ziehen. Menschen, die vegan leben oder unter Milchzuckerunverträglichkeit leiden, würden unter Umständen sogar gern auf das milchfreie Imitat zurückgreifen.

          Aber wenn kein echter Käse im Produkt enthalten ist, darf gemäß der EU-Verordnung auch nicht „Käse“ auf der Packung oder auf einem Schild neben der Ware stehen. Das heißt: Auch das Wort „Analogkäse-Pizza“ darf nicht auf einer Fertigpizza stehen, wenn Analogkäse und kein echter Käse sie bedeckt – denn das Wort „Käse“, sogar in Verbindung mit „Analog“, „Erzeugnis“ oder „Kunst“, ist für ein Imitat grundsätzlich tabu. „Wir benötigen deshalb einen ganz neuen Begriff für Analogkäse“, sagt Frau Klöckner, die eine Aufklärungskampagne für notwendig hält.

          Beimischungen in 20 Prozent der Käseproben

          Eine solche Kampagne sei auch im Interesse der Milchwirtschaft anzustreben, sagt Frau Klöckner – zumal viele Molkereien nicht nur echte Milch vermarkten, sondern außerdem die künstliche Käsemasse herstellen. Analogkäse wird außerdem in echten Käse gemischt, um die Menge zu vergrößern. Der Bauernverband wies darauf hin, dass auch die Milchbestandteile in Brotaufstrichen und Speiseeis immer häufiger ersetzt würden. Peter Bleser (CDU), Mitglied des Agrarausschusses, sieht im Fall „Analogkäse“ zwei geschädigte Gruppen: „Die betrogenen Verbraucher und die vom Markt verdrängten Milcherzeuger.“

          Auch seine Ausschusskollegin Elvira Drobinski-Weiß (SPD) betrachtet die nicht gekennzeichnete Verwendung als „Täuschung und Betrug“. Dennoch setzt die Lebensmittel-Industrie in Deutschland den Analogkäse zunehmend ein, wie das ZDF-Fernsehen dokumentierte. Das Hessische Landeslabor in Kassel kontrollierte Bäckereien, die mit Käse überbackene Brötchen verkaufen. Von 92 geprüften Brötchen enthielten 35 keinen echten Käse. In Baden-Württemberg fanden die amtlichen Kontrolleure in 20 Prozent der Proben von Käse oder Schafskäse aus Gaststätten Pflanzenfettbeimischungen.

          Handel reagiert sensibel schon auf Diskussionen

          Das Landwirtschaftsministerium will nun die Behörden in den Bundesländern auffordern, verstärkt zu überprüfen, ob die Bestimmungen für die Kennzeichnung von Produkten mit Käse eingehalten werden. Eine falsche Kennzeichnung wird zunächst als Ordnungswidrigkeit eingestuft; nur bei Vorsatz sind Bußgelder oder Freiheitsstrafen möglich. Der CDU-Politiker Bleser hält schon die derzeitige öffentliche Debatte für hilfreich: „Die Lebensmittelhersteller reagieren darauf sehr sensibel und ändern ihre Rezepturen“, sagt der Moselaner.

          Die Schnellrestaurantkette „Pizza Hut“ etwa platzierte vorsorglich einen Hinweis auf ihrer Website – und berücksichtigte dabei gleich zwei aktuelle Themen aus dem Verbraucher- und Umweltschutz, nämlich nicht nur den falschen Käse, sondern auch die Gentechnik: „Weltweit“, heißt es hier, „verwendet Pizza Hut in keinem seiner Produkte gentechnisch veränderten oder analogen Käse.“ Für Pizzabäcker, die den falschen Käse weiterhin verwenden, gilt: Die Verbraucher müssen nicht um ihre Gesundheit fürchten – nur die Milchbauern um einen Absatzmarkt.

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