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Michel Friedman zu Halle-Tat : „AfD-Wähler können ihre Hände nicht in Unschuld waschen“

Michel Friedman: Jurist, Moderator und ehemals stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden Bild: Frank Röth

Warum die Solidarität mit Juden und mehr Polizeischutz nicht ausreichen, wie jüdische Kinder mit Maschinengewehren aufwachsen und warum man gegen Hass im Alltag vorgehen muss – Michel Friedman im Gespräch.

          3 Min.

          Herr Friedman, seit Jahrzehnten ist die Sicherheit von Synagogen ein Thema. Trotzdem war die in Halle nicht geschützt. Haben wir nichts gelernt? 

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Ich halte es für mindestens fahrlässig, dass es keinen Polizeischutz gab. Selbst Menschen, die nicht besonders religiös sind, kommen an einem Feiertag wie Jom Kippur in die Synagoge. Es darf auch keine Rolle spielen, dass eine Gemeinde wie zum Beispiel in Halle nur 100 Gemeindemitglieder hat, während es in Frankfurt 10.000 sind. Es reicht schon, dass einer bedroht werden könnte.

          Es geht auch um den Schutz jüdischer Kindergärten und Schulen, um jüdische Fußballclubs. Ein flächendeckender Polizeischutz scheint da schon etwas schwieriger.  

          In den Großstädten jedenfalls ist das jüdische Gemeindeleben heute deutlich sichtbar geschützt. Das bedeutet, Kindergärten, Schulen, Jugendzentren, große Veranstaltungen finden mit Begleitung von Polizisten statt. Ich weiß nicht, ob man sich vorstellen kann, was das mit Kindern macht, die mit Polizei und Maschinengewehren vom Kindergarten an aufwachsen. So wichtig der Schutz ist, so sehr muss man auch die Frage stellen, welchen Einfluss das auf das Leben eines Kind hat. Ein jüdisches Kind in Deutschland lernt, dass es bedroht ist, nur weil es jüdisch ist.

          Trotzdem mehr Polizei? 

          Wenn wir den Anschlag ernst nehmen, bedeutet es zumindest, dass das Sicherheitsnetz engmaschiger werden muss. Polizeibeamte sind immer nur das eine, das andere und substantiellere ist, wie unsere Gesellschaft mit Menschen umgeht, die mit einer menschenverachtenden Sprache Hass verbreiten und damit geistige Brandstifter sind. Während sich dieser Anschlag ereignet hat, sitzt eine Partei als größte Oppositionsfraktion im Bundestag, die zum politischen Zuhause des Hasses geworden ist. Wenn jeder vierte bei einer Landtagswahl zuletzt den Hass gewählt hat, dann können wir auch heute nach all dem, was wir wissen, nach so viel offener Brandstiftung nicht mehr sagen, dass es sich um Protestwähler handelt. Sie wussten, was sie wählen und können ihre Hände nicht in Unschuld waschen. Das ist ein grundsätzliches Demokratiethema und geht bei der politischen Debatte weit über die Sicherheit der jüdischen Gemeinden hinaus.

          Was meinen Sie? 

          Jeder dieser Anschläge bedroht unsere Demokratie. Artikel 1 des Grundgesetzes, die Würde des Menschen ist unantastbar, ist der Leitgedanke, der alle anderen Grundrechte bestimmt. Jeder antisemitische Anschlag ist ein Beweis, dass es Menschen in unserem Land gibt, die dieses Prinzip mit Füßen treten. Der Anschlag auf die Synagoge ist wieder ein Endpunkt der Gewalt, dabei vergessen wir leicht, dass es vor jedem Endpunkt viele Anfangspunkte gibt. Jeder Anfangspunkt, der nicht genügend abgewehrt wird, erhöht die Gefahr, dass es zum nächsten blutigen Endpunkt kommt.

          Wie können wir bei den Anfangspunkten ansetzen?

          Es geht um die Alltagsmomente von Rassismus. Im Büro, im Verein, auf der Straße. Jeden Samstag werden auf Fußballplätzen in einigen Spielen die Gegner als „Judenmannschaft“ beschimpft. Werden die Spiele abgebrochen? Reagieren die anwesenden Zuschauer? Nein. An wie viele Anfänge von Gewalt will man sich gewöhnen? Und je mehr wir das tolerieren, desto weiter verschiebt sich das eigene Koordinatensystem. Wie oft machen wir Erfahrungen im Job und in der eigenen Familie, wo diskriminierende, hasserfüllte Bemerkungen ausgesprochen werden – das muss ja nicht nur gegen das Judentum gehen. Nur wenn man nicht verlernt, immer wieder auf den Hass zu reagieren, bekommt man keinen Muskelkater, wenn man es dann tut.  

          Im Sinne von Konstantin Wecker also: Sage nein!

          Ja, ich lasse das nicht einfach stehen. Meine Ohren funktionieren, ich habe gehört, was einer über andere Menschen sagt. Ich schweige nicht, ich handele, ich zeige Gesicht. Und übrigens dafür braucht es in unserem Land keinen Mut. Ich engagiere mich nicht, weil es die Gruppe A oder B ist, sondern weil wir über Menschen reden und das bin ich auch. Judenhass ist Menschenhass, Ausländerhass ist Menschenhass. Am Anfang mag es die Gruppe A sein oder die Gruppe B. Wenn der Hass zum Alltag wird, sind alle davon betroffen. All diese Angriffe sind Angriffe auf die Grundsubstanz der Demokratie. Die Verachtung gegenüber Menschen und Institutionen ist die Verachtung dessen, was wir Demokratie nennen. Solange sich die Solidarität in der Solidarität mit unseren jüdischen Mitbürgern erschöpft und solange nicht der nächste Schritt gedacht wird, dass es ein Angriff auf alle Menschen war, begreifen wir nicht die Dimension der Gefahr.

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