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Kurden in Deutschland : Parallele Welten

„Man kann keine Gruppe integrieren, man kann nur Individuen integrieren.“ Auch Klören sieht die Familien-Struktur als großes Problem. Die Mhallamiye seien gut vernetzt und blieben unter sich. „Dass der Cousin seine Cousine heiratet, ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Dieses Netz ist wie Mehltau.“ Unter welchem Druck gerade junge Mhallamiye-Frauen stehen, bekommen Klören und seine Mitarbeiter jedes Jahr dutzendfach vor Augen geführt. Rund 30 Mädchen lassen sich Jahr für Jahr vom Essener Jugendamt freiwillig in Obhut nehmen, weil sie einen Freund haben, den ihre Großfamilie ablehnt. Die Mädchen werden bedrängt und oft auch geschlagen, ihre Freunde bedroht und verprügelt.

80 Beamte bei Großschlägerei

Zur Sicherheit lässt Klören Mädchen, die sich in Obhut nehmen lassen in Jugendschutzstellen außerhalb Essens unterbringen. Doch dann ist es fast immer dasselbe: Die jungen Frauen atmen tief durch, stellen dann aber fest, dass sie mit der Freiheit nichts anfangen können. „Obwohl sie von ihren Familien gedemütigt wurden, sie geschlagen, ihnen die Haare abgeschnitten wurden, streiten sie das alles ab, wenn die Sehnsucht nach der Familie zurück kommt.“ Höchstens fünf junge Frauen haben in all den Jahren die Kraft gefunden, sich komplett von ihren Familien zu trennen. Es ist ein Abschied für immer. Die Frauen brauchen einen neuen Namen, ziehen in eine fremde Stadt, müssen auch ihre Aussehen verändern. „Denn die Familien sind ja vielerorts vernetzt.“

Susanne Skorzik ist Hauptkommissarin bei der Polizei in Essen und „Kontaktbeamtin“ für muslimische Institutionen. Skorzik arbeitet im „Essener Modell“auch eng mit Klörens Team vom Jugendamt zusammen. „Mit dem Jugendamt verbindet uns, dass wir die Guten von den Bösen trennen“, sagt Skorzik, die regelmäßig selbst Einsätze leitet. „Und wir haben die Aufgabe, staatliche Macht zu demonstrieren.“ Skorzik lässt schon mal 80 Beamte aufmarschieren, wenn eine Großschlägerei droht. „Die Botschaft heißt: Hier bestimmt nicht ihr.“ Vor einiger Zeit hatte die Polizei die nördliche Innenstadt von Essen als Kriminalitätsschwerpunkt eingestuft.

Wird eine Gegend gemäß Polizeigesetz als „gefährlich“ oder „verrufen“ definiert, kann die Polizei dort ohne Anlass Personen und mitgeführte Gegenstände kontrollieren. Davor gab es Gruppen, die sich als Herren der nördlichen Innenstadt aufspielten. Nicht einmal mehr Politessen konnten dort unbehelligt Knöllchen an Falschparker verteilen. „Die sind immer gleich von sechs bis acht jungen Männern umringt worden“, erinnert sich Klören. „Es gab dann sehr intensive Polizeieinsätze, um die Ordnung wieder herzustellen.“

Im bayerischen Brauhaus bestellt sich Ahmat Omeirat noch ein alkoholfreies Bier. Omeirat sieht sich als Vorbild für junge Mhallamiye. „Ich sage ihnen: Strengt euch an, stellt euch nicht als Opfer dar und konkurriert nicht um das dickste Auto, sondern um die beste Ausbildung.“ Omeirat selbst steht vor dem nächsten Schritt nach oben auf der Gesellschaftsleiter: Bei den nordrhein-westfälischen Kommunalwahlen Ende Mai hat er gute Chancen, in die politische Sphäre seiner Heimatstadt aufzusteigen. Die Essener Grünen haben ihn auf den aussichtsreichen achten Platz ihrer Liste für die Ratswahl gesetzt. Omeirat wäre der erste Mhallamiye-Kurde in einem Stadtrat in Deutschland.

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