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Kurden in Deutschland : Parallele Welten

Schwelende Konflikte der Großfamilien

Integrationshemmnis Nummer eins sind nach Einschätzung des Berliner Islamforschers Ghadban die gefestigten Stammesverhältnisse der Mhallamiye. „Die tribalen Strukturen führen dazu, dass die Mitglieder eines Stammes alle außerhalb ihrer Familie als Feinde betrachten. Deshalb streiten Mhallamiye oft untereinander.“ Auch in Essen sei immer wieder mit Messerstechereien zu rechnen, sagt Sozialarbeiter Klören, auch wenn es viel besser geworden sei. Doch schwelende Konflikte der Großfamilien brächen schnell auf.

„Da wird dann zum Handy gegriffen und ruckzuck ist die Sippe aktiviert. Dann sind 60 Leute auf der Straße, obwohl vielleicht nur zwei, drei einen Streit haben“, sagt Klören. Immer wieder gelingt es seinen „interkulturellen Mittlern“, Streit zu schlichten. Rhabih Badr führte sogar schon vom Urlaub aus per Telefon Vermittlungsgespräche mit rivalisierenden Clan-Vertretern. Als vorbildlich gilt zudem das Wirken von Imam Raschid bei Ehe- und Familienstreitigkeiten und bei der Deeskalation von Schlägereien. Im Gegensatz zu Geistlichen oder sogenannten Friedensrichtern versteht er sich als Helfer der deutschen Behörden, nicht als ihr Gegner.

Der Journalist und Jurist Joachim Wagner beschreibt in seinem Buch „Richter ohne Gesetz“ auch an Beispielen aus Essen, wie eine islamische Paralleljustiz den Rechtsstaat gefährden kann. Er berichtet von Faris A., der Abdul L. Ende 2009 in Essen-Katernberg als Machtdemonstration gezielt in den Fuß schoss. Ein paar Wochen später rächte sich der Bruder des Opfers an Faris A. mit einem Schuss ins Bein, weil er sich nach islamischen Recht zur Vergeltung befugt sah. Der Streit zwischen zwei anderen Männern um eine Frau mündete 2006 in einen Gruppen-Kampf, den die zwei verfeindeten Gangs mit Messern, Totschlägern und Knüppeln ausfochten.

„Man kann keine Gruppen integrieren“

Zwei junge Männer wurden verletzt. Erst ein Friedensrichter konnte einen Deal zwischen den beiden Familien aushandeln – vorbei an der deutschen Justiz. Gegen ein Blutgeld zogen alle Beteiligten ihre Aussagen gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft zurück; die Verfahren mussten eingestellt werden. Als Reaktion auf Wagners Recherchen bat das nordrhein-westfälische Justizministerium Ende November 2010 die Generalstaatsanwälte des Landes, über Erkenntnisse zum Problem Paralleljustiz zu berichten. In den „wenigen dem Ministerium berichteten Einzelfällen“, in denen ein Tätigwerden muslimischer Streitschlichter oder Friedensrichter bekannt geworden ist, hatten sich allerdings keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass Ermittlungs- oder Strafverfahren beeinträchtigt worden seien, hieß es aus dem Ministerium.

Gegen die Selbstjustiz im libanesischen Milieu setzte die Essener Strafjustiz vor wenigen Wochen ein Zeichen. Das Landgericht verurteilte zwei junge Männer einer Mhallamiye-Familie wegen gefährlicher Körperverletzung mehrjährigen Haftstrafen; die beiden hatten im August 2012eine mit ihnen verwandte Familie in Essen-Altendorf angegriffen, weil ihre Schwester sich mit einem der Mitglieder der anderen Familie eingelassen hatte. „Der Rechtsstaat muss sich Respekt verschaffen, indem er das Gesetz durchsetzt“, sagt der Berliner Islamwissenschaftler Ghadban. Er ist sich sicher, dass die Integration der Mhallamiye nur funktioniert, wenn es gelingt, ihre Stammesstrukturen aufzubrechen. Vereine wie die sogenannte Familienunion in Essen, die vom Geschäftsmann Ahmat Omeirat mitgegründet wurde, sieht er skeptisch.

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