https://www.faz.net/-gpf-7olqy

Kurden in Deutschland : Parallele Welten

In der Wohnung von Nadja Khodr gibt es fast keine Möbel. Im Kinderzimmer liegen Ahmed und Tarek bäuchlings auf dem Teppich und machen Hausaufgaben. Die 44 Jahre alte Nadja Khodr und ihre 14 Kinder leben von Geld, das ihnen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zu steht. Mit etwas mehr als 2800 Euro monatlich muss Nadja Khodr ihre Familie durchbringen - alleine. Denn vor vier Jahren verschwand ihr Mann spurlos, weil er eine lange Haftstrafe nicht antreten wollte. Die beiden ältesten Töchter Rania und Fadia helfen im Haushalt. Nadja Khodr ist stolz, dass ihre Kinder trotz aller Widrigkeiten auf einem guten Weg sind: Jasmin absolviert gerade eine Ausbildung in einer Bäckerei, Chucrieh und Sarah machen bald Abitur und auch die anderen Töchter und Söhne gehen bis auf Haifa, die Jüngste, zur Schule.

Nadja Khodr sitzt aufrecht auf dem Sofa und spricht mit Fallmanagerin Imhof über ihre Sorgen und Nöte. Schnell dreht sich das Gespräch wie so oft nur noch um das eine Thema: die Duldung. Khodr und ihre Kinder sind wie etwa 1000 Essener Mhallamiye-Kurden staatenlos und haben keinen Aufenthaltstitel, ihre Abschiebung ist formal nur ausgesetzt, ihre Duldung muss alle paar Wochen verlängert werden. Geduldete dürfen nur mit Ausnahmegenehmigung arbeiten, sie dürfen nicht heiraten, bekommen keinerlei Integrationsleistung. Viele Geduldete besorgen sich auch deshalb keine türkischen oder libanesischen Papiere, weil sie Angst haben, mit einem Pass gleich abgeschoben zu werden. Nadja Khodr sagt, alle ihre Kinder seien in Essen geboren, sie sprächen nur deutsch. „Meine Kinder sind nicht kriminell und trotzdem bleibt uns nur die Duldung. Was sollen wir noch machen?“, fragt Khodr.

Hausbesuche bis hin zur Beugehaft

Sozialarbeiter Klören, glaubt, dass die Duldungsfrage manchmal nur vorgeschoben werde. „Ich kann es schon nicht mehr hören, wenn junge Mhallamiye ihre kriminelle Karrieren oder ihr Schulschwänzen damit rechtfertigen, sie seien eben nur geduldet.“ Beispiele wie die Khodrs machten aber deutlich, dass man Leuten, die sich anstrengen und an die Regeln halten, Perspektiven bieten müsse. Ohnehin sieht Klören seine Aufgabe im Modellprojekt „Chancen bieten, grenzen Setzen“ vor allem darin, Chancen zu bieten. Er organisiert Sprachkurse für Frauen, die bisher völlig isoliert in ihrer Mhallamiye-Welt gelebt haben. Im Essener Norden gibt es unter Anleitung der Sozialarbeiter auch eine Jugendgruppe namens „Engagierte Jungs“, die sich zur Aufgabe gemacht hat, einen Platz sauber zu halten.

Doch auch auf das „Grenzen setzen“ kommt es an. Werden Jugendliche straffällig, macht Klören umgehend einen Hausbesuch bei den Eltern. „Beim Essener Modell ist gewährleistet, dass bei den Ermittlungsbehörden immer derselbe Sacharbeiter zuständig ist, dass das Verfahren zügig vorangeht, es schnell zu Anklage kommt.“ Das konsequente „Grenzen setzen“ beginne schon beim Thema Schulschwänzen. „Jeder unentschuldigte Fehltag wird konsequent angezeigt und ein Bußgeld verhängt. Das wird durchgezogen bis zur Beugehaft für die Erwachsenen.“

Auch mit wiederholter „Schulzuführung“ haben es Klören und seine Leute versucht. „Bis zu fünf Mal haben wir schon Kinder und Jugendliche von der Polizei in die Schule bringen lassen. Zur Not passiert das sogar im Schlafanzug.“ Aber es gibt manche, die auch das nicht sonderlich beeindruckt hat. Hin und wieder fragt sich Klören, was man mit jenen machen soll, die sich nicht integrieren wollen, die sich nicht für die Werte der Gesellschaft interessieren. „Aber auch diese Leute werden hier bleiben, sie können nirgendwo anders hin. Wir müssen mit diesen Problemen fertig werden.“

Weitere Themen

Was an Weihnachten erlaubt ist Video-Seite öffnen

Beschluss der Bundesregierung : Was an Weihnachten erlaubt ist

Die Bundesländer sprechen sich mit Blick auf Weihnachten und Silvester in Zeiten der Corona-Pandemie für eine Kontaktbeschränkung auf bis zu zehn Personen aus mehreren Haushalten aus. Für die Feuerwerks- und „Böller“-Fans gab es gute Nachrichten.

Topmeldungen

Probe für den Ernstfall: Der baden-württembergische Sozialminister Manne Lucha (Grüne) lässt sich im Beisein von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU) den Ablauf einer Impfung für die geplanten Impfzentren demonstrieren.

Impfzentren in Bundesländern : Wie impft man Millionen?

Sobald das erste Vakzin zugelassen ist, kann es eigentlich losgehen. Die Länder sollen in wenigen Wochen in der Lage sein, Massenimpfungen zu verabreichen. Doch vielfach ist noch gar nicht klar, wo genau die Zentren stehen sollen.

Corona-Plan der Länder : Jedem sein Weihnachten?

Das Virus kennt keine Feiertage. Trotzdem wollen die Ministerpräsidenten schon jetzt größere Feiern von Heiligabend bis Neujahr ermöglichen. Diese „Rettung“ könnte sich rächen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.