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Kurden in Deutschland : Parallele Welten

In Berlin gelten mehrere Großfamilien als gefährlich. Einige spektakuläre Taten, wie etwa der bewaffnete Überfall auf ein internationales Pokerturnier in der Hauptstadt im Jahr 2010, gehen auf das Konto von Mitgliedern einer Mhallamiye-Familie. Im Ruhrgebiet kamen Fahnder im Mai 2009 drei Brüdern einer kurdisch-libanesischen Großfamilie auf die Schliche, denen es gelungen war, „sich eine Monopolstellung bei der Belieferung des Oberhausener Rotlichtmilieus mit Kokain zu sichern“, wie es im Lagebericht 2009 des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamtes heißt. In Bremen machen seit vielen Jahren schon Mitglieder der Familie M. mit schweren Straftaten von sich Reden.

Kritik am Bremer Tatort „Brüder“

Ibrahim M. führte eine Zeit lang den Rockerclub „Mongols MC Bremen“, der nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden fast ausschließlich aus Mhallamiye-Kurden bestand und „in strafbare Handlungen von Angehörigen dieses Großfamilienverbundes einbezogen werden sollte“, wie die Bremer Sicherheitsbehörden feststellten. Im September 2013 bestätigte das Oberverwaltungsgericht der Freien Hansestadt Bremen die Verbotsverfügung des Innensenators gegen den Club.

„Ich bestreite nicht, dass es in Teilen der libanesischen Community Clan-Strukturen und Kriminelle gibt“, sagt Ahmat Omeirat. Doch ihn rege auf, dass seine Volksgruppe oft über einen Kamm geschoren werde. Ein Beispiel sei der düster-brutale Bremer Tatort „Brüder“, der Ende Februar in der ARD lief. Dabei gehe doch auch in Bremen, wo 2600 Mhallamiye-Kurden in 31 Großfamilien leben, die Zahl der Kriminalfälle aus der Gruppe zurück. „Ich finde es furchtbar, wenn eine Gruppe zur besten Fernsehzeit völlig undifferenziert dargestellt und unter Generalverdacht gestellt wird“, sagt Omeirat. Das schade jenen, die sich in die deutsche Gesellschaft integrieren wollten. Gerade die Stadt Essen, wo etwa 5000 Mhallamiye-Kurden leben, engagiere sich mit seinem Integrations- und Präventionsprojekt „Chancen bieten, Grenzen setzen“ vorbildlich.

Sebastian Klören war der einzige, der sich auf die Stelle des Fachgruppenleiters für das Modellprojekt bewarb. „Das Thema war damals einfach zu angstbesetzt“, sagt der Sozialpädagoge. Regelmäßig waren Mitglieder Essener Mhallamiye-Clans durch „zum Teil massive ordnungsbehördliche und strafrechtlich relevante Vorkommnisse“ aufgefallen, wie es abstrakt in einem Bericht der Stadt heißt. „Ein großer Teil“ der in Essen lebenden Mhallamiye war damals laut Jugendamt in keiner Weise integriert. Essen entschied sich, Förder- und Bildungsmaßnahmen mit Interventions- und Sanktionsmaßnahmen zu kombinieren. Das Projekt „Chancen bieten, Grenzen setzen“ soll die Arbeit von Ausländer-, Jugend-, Schulamt, Arbeitsagentur, Polizei und Staatsanwaltschaft miteinander vernetzen. „Wir fokussieren uns auf Jugendliche, weil ab einem bestimmten Alter der Zug abgefahren ist“, sagt Klören.

„Wir kommen überall hin“

Es war ein mühsamer Beginn für Klören und seine drei Fallmanager Christiane Imhof, Ivan Gersic und Gisela Peters, die jeweils in zwei Essener Stadtbezirken tätig sind. „Wir kannten ja keine einzige Mhallamiye-Familie“, erzählt Klören. Ohne ihre „interkulturellen Vermittler“, Khaled Sado und Rabik Badr hätten die Sozialarbeiter keine Chance gehabt, an die Familien heranzukommen. Die beiden stammen selbst aus dem Libanon. Sie kennen fast alle Essener Mhallamiye-Familien, sie waren die Türöffner in eine Parallelgesellschaft für Klören und seine Kollegen. „Nach vier Jahren konnten wir dann sagen: Wir kommen überall hin. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht“, sagt Klören.

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