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Metzger verpasst CDU-Direktmandat : „Mehr als ein Achtungserfolg“

Bild: ap

Zwar hat der frühere Grünen-Politiker das Direktmandat im Wahlkreis Biberach verpasst, aber mehr 40 Prozent im dritten Wahlgang sind ein Achtungserfolg, der die baden-württembergische CDU vor die Frage stellt, wie sie den prominenten Parteineuling künftig einbinden will.

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          Es war 0.15 Uhr als Oswald Metzger in der Biberacher Stadthalle seine Niederlage eingestehen musste: Nach drei Wahlgängen unterlag der ehemalige Grüne auf der Mitgliederversammlung dem Landwirt Josef Rief.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die CDU-Mitglieder wollen nicht den „Parteiwechsler“ Metzger im Bundestag sehen, der erst im Frühjahr in die CDU eingetreten ist, sondern der selbständige Landwirt Rief soll Oberschwaben in Berlin vertreten. 58,1 Prozent der fast tausend CDU-Mitglieder stimmten im dritten Wahlgang für Rief, 41,9 Prozent für den in Schussenried aufgewachsenen Metzger. „Ich hätte gern gewonnen, es war volles Risiko. Ich muss mich aber nicht genieren und kann ihnen versprechen, dass ich nun nicht noch einmal die Partei wechsle“, sagte Metzger nach der Bekanntgabe des Ergebnisses.

          „Wir sind offen für seine Engagement“

          Der 53 Jahre alte Oberschwabe, der als Beruf „Publizist“ angibt, wirkte zufrieden. Mehr hätte er an diesem Abend nicht erreichen können. Denn 40 Prozent im dritten Wahlgang sind ein Achtungserfolg, der die baden-württembergische CDU vor die Frage stellt, wie sie den prominenten Parteineuling künftig einbinden will.

          Comeback gescheitert: Oswald Metzger (vorn) unterliegt Josef Rief

          Das war auch aus einer ersten Reaktion des CDU-Bezirksvorsitzenden von Württemberg-Hohenzollern, Andreas Schockenhoff, zu erkennen: „Für Metzger ist das mehr als ein überraschender Achtungserfolg. Wir sind offen für das Engagement, mit dem er sich jetzt einbringen will.“ Schockenhoff ist kein Mitglied des Metzger-Fanclubs.

          Ernsthafte Chancen, die Nominierung zum Direktkandidaten zu gewinnen, hatte Metzger wohl von Anfang an nicht. Rief galt als Favorit, zu groß waren die Vorbehalte gegen Metzger in dem mindestens zur Hälfte ländlich geprägten Wahlreis. Die Mitglieder votierten für einen Kandidaten, dem sie „die bodenständige Arbeit“ zutrauen.

          200 Neueintritte in die CDU soll es während des Wahlkampfes der fünf Bewerber gegeben haben, vor allem Rief habe viele Bauernkollegen angeworben, heißt es. Dennoch bleibt Metzgers überraschender Achtungserfolg erklärungsbedürftig: Weshalb schafft es ein bei vielen altgedienten oberschwäbischen CDU-Funktionären bis heute verhasster früherer Grünen-Politiker auf den zweiten Platz?

          „Unkonventioneller Außenseiter“

          Fast sein gesamtes bisheriges politisches Leben hat er gegen die „Schwarzen“ gekämpft, manche tragen ihm sogar noch seine vor dreißig Jahren geschriebenen Artikel in der linken Zeitschrift „Motzer“ nach. Es sind mehrere Faktoren, die zu Metzgers Achtungserfolg geführt haben: Die mittelständischen Unternehmer in der CDU, sie sind zahlreich in der wirtschaftlich prosperierenden Region zwischen Laupheim und Bad Schussenried, sind unzufrieden mit der Politik der CDU in Berlin.

          Sein innerparteilicher Wahlkampf mit dem ehemaligen Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhoff und den Themen Steuer- und Wirtschaftspolitik fiel deshalb auf fruchtbaren Boden. Die CDU-Mitgliedschaft in dem Bundestagswahlkreis ist städtisch und ländlich. Den Städtern war der „selbständige Landwirtschaftsmeister“ Rief („Wo Rief drauf steht, ist 100 Prozent CDU drin“) zu provinziell.

          „Die Auftragsbücher sind voll“

          Auch sind unter den Mitgliedern Vorbehalte gegen die mittlere Funktionärsschicht zu spüren, die Metzger mit dem Habitus des „unkonventionellen Außenseiters“ und zum Beispiel mit seiner Kritik an der Diätenerhöhung geschickt bediente. Mit dieser Methode wird der Anti-Politiker Metzger auch weiter hausieren gehen, das ist sein „Markenkern“, wie man im politischen Marketingdeutsch sagen könnte: „Solche Leute wie mich, wollen die Parteien eigentlich nicht. Das habe ich gelernt“, sagte Metzger spät in der Nacht in Biberach.

          Vielleicht, vermutet Metzger, wäre eine Kandidatur in einem der zwei Stuttgarter Wahlkreise doch aussichtsreicher gewesen. Dafür ist es nun zu spät, denn in Stuttgart stehen die Kandidaten schon fest und andere Kreisverbände werden sich einen Verlierer nicht vorsetzen lassen. Eine Nominierung für die Landesliste gilt als zwecklos, da die baden-württembergische CDU über reichlich Überhangmandate verfügt.

          Die Partei muss sich nun überlegen, welche Schlussfolgerungen sie aus Metzgers Achtungserfolg zieht. Immerhin bekam der Mann, dem die Rückkehr in den Bundestag wichtiger zu sein schien als die Parteizugehörigkeit, nach wenigen Monaten Mitgliedschaft ein beachtliches Ergebnis.

          Für Metzger persönlich dürfte sich das von vielen Medien intensiv begleitete Schaulaufen in Biberach und Ravensburg in jedem Fall gelohnt haben. Metzger verdient seinen Lebensunterhalt seit seinem Ausscheiden aus dem Bundestag mit Vorträgen: „Die Auftragsbücher sind voll“, teilte er noch spät in der Nacht den Journalisten mit. Die altgedienten CDU-Mitglieder sangen da schon das Deutschlandlied.

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