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Messerattacke in Hamburg : „Der Terror wird auch zu euch kommen“

In Barmbek: Gedenken an die Opfer und Dank an die Helden. Bild: dpa

Den Hamburger Sicherheitsbehörden war Ahmad A. schon lange bekannt. Dennoch konnten sie seine Bluttat in einem Supermarkt nicht verhindern. Warum ist es nur so schwer, die Gefahr potentieller Attentäter richtig einzuschätzen?

          Als er das erste Mal an dem Tag seiner Tat den Edeka in Hamburg betrat, passierte nicht viel. Er kaufte ein Toastbrot und ging wieder hinaus auf die Straße. Er stieg in einen Bus und verließ diesen wieder. Ahmad A. hatte zwei Tage zuvor entschieden, sich vom Weltlichen zu lösen. An diesem Freitag Ende Juli war er dann zur Ausländerbehörde gegangen, zum Sprachkurs und auch in die Moschee zum Freitagsgebet. Erst an diesem Tag soll der Entschluss zur Tat gefallen sein. Schließlich stand er wieder vor dem Edeka und ging zum zweiten Mal hinein.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Die Tat von Ahmad A. hat Hamburg tief bewegt. Der abgelehnte und ausreisepflichtige palästinensische Asylbewerber hatte in dem Supermarkt im Stadtteil Barmbek einen Mann erstochen und fünf weitere Menschen verletzt, bis schließlich Passanten ihn aufhielten. Ein „radikal-islamistischer Hintergrund“ liegt nahe, wie es die Bundesanwaltschaft formulierte. Sie ermittelt in dem Fall. Die Hamburger Behörden kannten Ahmad A. schon lange. Mal fiel er durch radikale Äußerungen auf, mal durch seine psychische Labilität. Im Innenausschuss der Bürgerschaft hat nun Innensenator Andy Grote (SPD) zusammen mit den Chefs der Hamburger Sicherheitsbehörden fast vier Stunden lang zusammengetragen, was über den Fall bekannt ist. Die Teile fügen sich zu einem tristen Bild. Bezeichnend ist dafür die Äußerung von Grote zu Beginn: „Ja, es hat Fehler der Sicherheitsbehörden gegeben.“Aber: Es spreche nicht allzu viel dafür, dass ohne die Fehler eine Verhinderung der Tat gelungen wäre.

          Sicherheitsbehörden wussten von Auffälligkeiten

          Ahmad war schon lange durch Europa gereist, bis er schließlich in Deutschland eintraf. Überall auf der Suche nach Asyl, stets ohne Erfolg. Von Dortmund aus wurde er dann nach Hamburg geschickt. Am 11. Mai 2015 stellte er seinen Asylantrag. Am 23. November 2016 lehnte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge den Antrag als unzulässig ab. Schließlich hatte er es auch in Norwegen schon versucht. Die Frist für den Rücknahmeantrag wurde um einen Tag überschritten. Ahmad A. blieb in Hamburg. Ihm wurde eine Duldung zugesprochen, da eine Ausreise wegen fehlender Passpapiere nicht möglich war. Die Duldung wurde bis zum 4. August 2017 verlängert. Im Edeka stach er am 28. Juli zu.

          Kritisch für die Hamburger Sicherheitsbehörden ist, dass sie sehr früh von A. erfahren haben. Lange vor der Tat. Zum ersten Mal am 1. April 2016. Ein Hinweisgeber meldete sich am Hauptbahnhof bei der Polizei. A. sei ein Bekannter, zusammen habe man Haschisch geraucht und Alkohol getrunken. Nun aber habe sich A. zum IS bekannt. Der Staatsschutz des Landeskriminalamts wird am 3. April informiert. Doch der Hinweisgeber gab den Namen von A. in zwei verschiedenen Varianten an. Aufgrund der Schreibweise konnte er nicht identifiziert werden. Zudem wurde „der Vorgang“ erst am 29. August 2016 vom Landeskriminalamt an das Landesamt für Verfassungsschutz übermittelt. Dort glich man die falschen Personalien mit den vorhandenen Daten ab. Man fand nichts.

          Man vereinbarte eine Befragung des Hinweisgebers. Am 15. September fand sie statt. Der Hinweisgeber sagte, er habe Veränderungen bei A. festgestellt und Missionierungsversuche. Er bereite die Ausreise vor. Der Hinweisgeber schätzte A. aber als Schwächling ein. Er hatte auch ein Whatsapp-Bild des späteren Attentäters dabei. So gelang endlich die Identifizierung. Es dauerte also mehr als fünf Monate, bis die Sicherheitsbehörden wussten, auf wen man sie da eigentlich hingewiesen hatte. Auch mit dem richtigen Namen aber fand sich nichts in den Daten. Die Kontakte in der salafistischen Szene wurden befragt. Niemand kannte A. Er wurde als „Verdachtsfall Islamist“ in die Datenbank aufgenommen. Grote sagte dazu im Innenausschuss, der erste Hinweis sei nicht so schnell und gründlich bearbeitet worden, „wie man das hätte erwarten können“.

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