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Merz’ Attacke auf CDU-Spitze : Kaum Verständnis und viel Empörung

Sorgt mit seinen heftigen Anwürfen in Richtung CDU-Spitze für empörte Reaktionen in der Union: Friedrich Merz Bild: EPA

Die scharfe Kritik von Friedrich Merz an der CDU-Spitze stößt in der Union auf Unverständnis, teils sogar auf Empörung. Und mancher glaubt, das Bewerberfeld für den Parteivorsitz sei nun kleiner geworden.

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          Die Anschuldigungen des Kandidaten für den CDU-Vorsitz Friedrich Merz gegen die CDU-Führung sind nicht nur in seiner eigenen Partei mit Erstaunen und einigem Kopfschütteln wahrgenommen worden; auch die Schwesterpartei CSU reagierte perplex. Merz hatte die Entscheidung der CDU-Spitze, den für den 4. Dezember geplanten Wahlparteitag wegen steigender Corona-Infektionen abzusagen und die Wahl des Parteivorsitzenden zu verschieben, als eine gegen ihn und seine Kandidatur gerichtete Entscheidung interpretiert. Die Verschiebung der Wahl sei „der letzte Teil in der Aktion ‚Merz verhindern‘“, sagte er der Zeitung „Welt“; diese Aktion laufe „mit der vollen Breitseite des Establishments“ in der Berliner CDU-Führung.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Während es nach Merz‘ Attacken gegen die eigene Parteispitze, die er in Fernsehinterviews am Montagabend weiter ausführte, in der CDU noch um Verständnis werbende Kommentare gab, zeigte die CSU verwundertes Unverständnis. Der Unionsfraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus, der wie Merz und die beiden weiteren Vorsitz-Kandidaten Armin Laschet und Norbert Röttgen aus Nordrhein-Westfalen kommt, sagte am Montag, er könne Merz‘ Reaktion verstehen: „Das ist ja so, wie wenn man sich auf eine Prüfung vorbereitet, und dann wird der Prüfungstermin verschoben. Dann ist man natürlich sauer!“, sagte Brinkhaus.

          „Zerschlissen und ermüdet“

          Der Leiter der CSU-Landesgruppe im Bundestag Alexander Dobrindt hingegen fasste sein eindeutiges Urteil über Merz‘ Äußerungen in allgemeine Wendungen: Wenn man sich auf das höchste Amt bewerbe – hier spielte Dobrindt auf die hinter dem CDU-Vorsitz stehende Option der Kanzlerkandidatur an –, dann müsse man doch damit rechnen, „dass nicht alles nach Plan läuft“. Und er setzte hinzu: „Die Kunst, höchste Ämter zu bewältigen, ist doch, das Unerwartete zu beherrschen.“

          Merz reagierte mit seinen Äußerungen auf das Erwartete hingegen unbeherrscht. Schon am Sonntag waren die drei Kandidaten von der amtierenden Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer in einer bis spät in die Nacht währenden Zusammenkunft darauf vorbereitet worden, dass die Absicht bestehe, den Parteitag zu verschieben, da in einer Zeit, in der immer neue Einschränkungen von Kontakten und Bewegungsfreiheit drohten, ein Treffen von mehr als 1000 Delegierten nicht zu begründen sei. Merz opponierte schon in der Sonntagsrunde gegen diese Absicht; er verlangte einen digitalen Parteitag, wie ihn etwa vor wenigen Wochen die CSU veranstaltet hatte, allerdings ohne die Notwendigkeit, Vorstandswahlen abzuhalten.

          Die CDU-Führung argumentierte am Wochenende, auch nach jüngsten Anpassungen des Wahlgesetzes an die Bedingungen der Corona-Krise sei ein digitaler Wahlakt per Computer noch immer nicht juristisch unanfechtbar. Stattdessen müssten die Delegierten dann in mehreren Wahlgängen den Wahlakt per Briefwahl vollziehen, was 70 Tage dauern könne.

          Davon ließ Merz sich jedoch nicht beirren. Er sprach stattdessen davon, dass nun „die letzte Phase des Machtkampfes“ um die CDU-Führung begonnen habe. Gleichzeitig hielt er es für möglich, dass nun ein weiterer Bewerber um den CDU-Vorsitz in Erscheinung treten könnte. Es sei doch kein Zufall, dass immer wieder entsprechende Gerüchte gestreut würden. Merz prophezeite, „alle drei Kandidaten sollen zerschlissen und ermüdet werden, um dann möglicherweise in letzter Sekunde einen Überraschungskandidaten zu präsentieren“; dies werde „systematisch so vorbereitet“.

          Es gibt jedoch auch Prophezeiungen in Berlin, die für möglich halten, dass die Verschwörungstheorien eines der gegenwärtigen Bewerber um den CDU-Vorsitz das Kandidatenfeld eher verkleinert haben.

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