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Merkels Votum für Juncker : Klartext der Kanzlerin

Ohne Umschweife: Kanzlerin Merkel auf dem Katholikentag Bild: dpa

Angela Merkel vermeidet auf dem Katholikentag in Regensburg ausnahmsweise das Wolkige und spricht den Problemfall Juncker, das Wohlfahrts-Europa und die Kirche direkt an.

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          Andere kommen als Teilnehmer und gehen als Teilnehmer zu Kirchen- und Katholikentagen – Bischöfe oder Minister etwa. Angela Merkel verlässt auch solche Veranstaltungen zumeist als Gewinnerin. Nach neun Jahren Kanzlerschaft ist das eine Fingerübung. Sprungbrett zum Erfolg ist die Wahl eines Themas, das möglichst weit im Historischen oder Globalen verortet ist. Dazu ein Podium, das wenig Widerspruch erwarten lässt, und noch zwei fromme Halbsätze aus dem Mund der Kanzlerin.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Die Voraussetzungen für einen schnellen Sieg sind am Freitagnachmittag auch in Regensburg gegeben. „Hat die Welt noch einen Platz in Europa“, lautet das Thema der Veranstaltung. Gesprächspartner Merkels sind der Vorsitzende der indischen Bischofskonferenz, Oswald Kardinal Gracias, sowie der frühere IWF-Präsident Michel Camdessus. Das Auditorium Maximum der Universität ist schon weit vor Beginn der Veranstaltung gefüllt. Zum Empfang gibt es Applaus, so freundlich, als bestünde das Publikum aus CDU-Wählern. Doch dieses Mal entschließt sich die Kanzlerin, warum auch immer, nicht für den leichten Weg.

          Merkel geht von sich aus in die Offensive

          Dem tagespolitisch drängendsten Thema – der Personalie des künftigen EU-Kommissionspräsidenten – weicht sie nicht aus, sondern geht von sich aus in die Offensive. Entgegenzutreten war dem Eindruck, die deutsche Kanzlerin kämpfe im Konflikt zwischen Staats- und Regierungschefs und dem EU-Parlament gegen den Anspruch des Siegers der Europawahl auf das Amt des Kommissionspräsidenten. „Ich führe alle Gespräche in dem Geist, dass Jean-Claude Juncker auch Präsident der Europäischen Kommission werden soll“, beteuert Merkel.

          Doch gelte der Grundsatz: „Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit.“ Nicht nur Personalien seien zu regeln, sondern, wie Merkel mehrfach hervorhebt, auch inhaltliche Fragen seien zu berücksichtigen. Auch habe sie die ablehnende Haltung anderer, Großbritanniens etwa, zu bedenken. „Das macht einen Teil der Schwierigkeit aus, durch die ich nicht schon am Dienstagabend sagen konnte: Es wird Herr Juncker.“ Denn sie habe „immer den Anspruch“, gemeinsame Lösungen zu finden.

          Den Ambitionen von Martin Schulz verpasst Merkel bei dieser Gelegenheit einen Dämpfer. Schulz habe zwar einen „tollen Wahlkampf“ gemacht, bei der Geschichte mit den Spitzenkandidaturen „ging es aber nur um das Amt des Kommissionspräsidenten“, sagt Merkel. „Es gibt da keine weiteren Automatismen.“ Das war mehr harte Politik als Merkel jemals zuvor einem kirchlichen Publikum zugemutet hatte.

          Auch in der Diskussion mit dem Kardinal und dem IWF-Banker zeigt sich Merkel als Freundin offener Worte. Ihre gewohnten Aussagen zur Globalisierung – „andere Menschen haben auch Ideen“ – unterfüttert sie mit Zahlen: In der EU lebten sieben Prozent aller Menschen. Dort würden 25 Prozent der Wertschöpfung der Welt erwirtschaftet; es würden fünfzig Prozent der Sozialleistungen der Welt ausgegeben.

          Die Kanzlerin sieht Eurokrise als überwunden

          „Wir haben die Eurokrise überwunden“, konstatiert Merkel. „Aber ich mache mir im Augenblick um Europa Sorgen.“ Merkel zählt auf: „Wenn wir ständig Verfahren gegen Google anstrengen wollen, aber nicht die Fähigkeit haben, eine eigene Suchmaschine herzustellen; wenn wir in absehbarer Zeit keine Chips mehr herstellen können oder unsere Autos nicht europäische Satelliten nutzen, sondern Satelliten von Amerika – dann werden wir abhängiger.“ Es werde in Deutschland viel von „deutschen Champions, ,Hidden Champions’ und sonstigen Champions“ geredet, aber das könne auch verlorengehen. Die digitale Revolution werde irgendwo „zwischen Amerika und Asien“ gemacht.

          Vom Publikum gefragt, wie christlich Europa sei, breitet der Gast aus Indien die auf Katholikentagen üblicherweise vorgetragenen Vergewisserungen aus. Merkel tut das nicht. „Ich darf hier nicht durch zu viel Pessimismus hervorstehen“, sagt die Kanzlerin, um dann genau das zu tun. „Ich denke, man muss sich schon Sorgen machen, ob Europa noch christlich ist.“

          Sie könne nicht sagen, wie christlich Europa noch sei, „wenn wir in 100 Jahren hier sitzen“. Für große Teile der Bevölkerung sei das Christentum kein eigener Glaube, noch hätten sie umfassende Kenntnisse darüber, „was das Christentum als Religion der Menschheit gebracht hat“, sagt Merkel. „Gerade gestern habe ich mit meiner Mutter über die Zahl der Konfirmanden in Templin in der Uckermark gesprochen. Das ist jetzt nicht so, als ob wir gerade auf dem Vormarsch sind.“

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