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Merkel in Auschwitz : Die Bausätze des Hasses

Bundeskanzlerin Merkel an den Schienen, die ins Vernichtungslager Birkenau führen Bild: AFP

Die Lehre von Auschwitz lautet: Wehret den Anfängen! Schon die Vorgeschichte des Holocausts muss den Anhängern der freiheitlichen Demokratie daher eine Warnung sein.

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          Erst spät in ihrer Kanzlerschaft hat die Bundeskanzlerin Auschwitz besucht. Doch kann man ihr schwerlich vorwerfen, das Verbrechen, für den dieser Ort steht, habe keinen Einfluss auf ihre Politik gehabt. Schon vor länger als einem Jahrzehnt hatte Merkel erklärt, die Sicherheit Israels sei Teil der deutschen Staatsräson. Ein stärkeres politisches Bekenntnis zu der Verantwortung, die aus dem von den Nationalsozialisten begangenen Völkermord an den europäischen Juden für das demokratische Deutschland erwuchs, ist nicht möglich.

          Die Bundesrepublik entstand als Gegenentwurf zur Hitler-Diktatur. Vieles, was Deutschland heute ausmacht, ob in Politik oder Gesellschaft, ist nur als Folge und Reaktion auf das verbrecherische NS-Regime und dessen Untaten zu verstehen. Auch in diesem Sinne ist Auschwitz „fester Teil unserer nationalen Identität“, wie die Kanzlerin in Polen sagte.

          Dass Merkel mit ihren Worten gegen das Vergessen nicht bis zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers wartete, dürfte nicht nur protokollarische Gründe gehabt haben (im Januar wird Bundespräsident Steinmeier nach Auschwitz reisen). Der Antisemitismus erhebt überall wieder sein Haupt, auch in Deutschland. In Halle mordete er bereits mit selbstgebauten Waffen.

          Nicht weniger gefährlich aber sind die Bausätze des Hasses und der Aufwiegelung, die in den Echokammern der Rassisten und Antisemiten zusammengestellt werden. Teile dafür liefern auch die Brandstifter der AfD, die mehr oder weniger offen dem Geschichtsrevisionismus und der „Vogelschiss“-Relativierung das Wort reden.

          Diesen Strömungen gilt es mit aller Kraft entgegenzuwirken, nicht nur in Deutschland. Auch in anderen Teilen Europas zeigt sich ein nicht selten ins Chauvinistische abrutschender Nationalismus, in dessen Schatten der Antisemitismus gedeiht. Die Lehre von Auschwitz aber lautet: Wehret den Anfängen!

          So wenig wie die Vernichtungslager selbst dürfen die Radikalisierungsprozesse vergessen werden, an deren Ende die Gaskammern standen. Schon die Vorgeschichte des Holocausts muss den Anhängern der freiheitlichen Demokratie eine Warnung sein. Zwar wiederholt sich auch schreckliche Geschichte nicht. Bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts ist ihr aber immer noch etwas Schrecklicheres eingefallen.

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