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Merkel und von der Leyen : Ziemlich beste Freundinnen

  • -Aktualisiert am

Ursula von der Leyen und Angela Merkel beim Nato-Gipfel 2018 in Brüssel Bild: dpa

Angela Merkel hat Ursula von der Leyen, die nun EU-Kommissionspräsidentin werden soll, oft unterstützt. Aber nicht immer. Vor neun Jahren hat die Kanzlerin hinter ihrem Rücken einen anderen Deal eingefädelt.

          Ursula von der Leyen wird den Juni 2010 nicht vergessen haben. Da dachte sie, sie werde etwas ganz Großes. Bundespräsidentin wollte die damalige Bundesarbeitsministerin werden. Die erste Frau an der Spitze des Staates. Sie war überzeugt, Bundeskanzlerin Angela Merkel wolle das auch so.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Als die Gerüchte schon ordentlich Wellen schlugen, lächelte die darauf angesprochene von der Leyen vielsagend in die Kameras. Sie glaubte noch an die Unterstützung der Kanzlerin, als diese schon einen anderen Kandidaten gefragt und dieser zugesagt hatte: Christian Wulff. Erst einen Tag später informierte Merkel von der Leyen, dass es nichts werde mit dem Schloss Bellevue.

          Ursula von der Leyen ist eine ehrgeizige Frau. Nachdem die Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht die Politik für sich entdeckt hatte, stieg sie schnell auf. Dabei war Angela Merkel frühzeitig die entscheidende Unterstützerin. Sie holte von der Leyen 2005 in ihr erstes Kabinett. Dort wurde sie Familienministerin. Wer aber annahm, die Mutter von sieben Kindern werde sich damit begnügen, das Erbe ihrer sozialdemokratischen Amtsvorgängerin Renate Schmidt zu verwalten, wurde schnell eines Besseren belehrt.

          Wenige Freunde, aber eine wichtige Freundin

          Mancher in der CDU betrachtete dieses Bessere wohl eher als das Schlechtere. In keinem Amt hat von der Leyen so starke Akzente gesetzt wie in dem der Familienministerin. Vor allem ihr weitgehend erfolgreicher Kampf für eine verbesserte Betreuung sehr kleiner Kinder und damit für die Förderung weiblicher Berufstätigkeit machte ihr in der Union, gerade in der CSU, keine Freunde. Allerdings eine Freundin. Merkel stand auch dann hinter von der Leyen und deren familienpolitischen Kurs, wenn es galt, beides gegen die eigenen Leute oder gar die katholische Kirche zu verteidigen.

          Merkel hat von der Leyen stets als eine durchsetzungsfähige politisch Begabte angesehen und damit sicherlich als eine mögliche Nachfolgerin, selbst wenn sie so etwas niemals öffentlich sagte. Es hätte auch die Aussichten von der Leyens nicht verbessert. Nach dem Familienministerium übernahm von der Leyen das Arbeitsministerium, was in zweifacher Hinsicht von Bedeutung war.

          Es ist im Vergleich zum Familienministerium das ungleich größere Haus mit einem enormen Etat. Es ist zweitens ein häufig von der SPD geführtes Ministerium. Als von der Leyen es 2009 übernahm, waren allerdings nicht die Sozialdemokraten Koalitionspartner der Union, sondern die FDP. Von der Leyen führte das Arbeitsministerium, bevor die SPD ihr „angestammtes“ Ressort wieder übernahm.

          Eine weitere Eignungsprüfung

          Doch auch damit fühlte sich die CDU-Politikerin nicht am Ziel ihrer Träume angekommen. Die in Brüssel geborene und zweisprachig – Deutsch und Französisch – aufgewachsene von der Leyen, die als junge Frau in Amerika gelebt hatte, strebte ein Amt mit internationaler Wirkung an. Thomas de Maizière wäre zwar gerne Verteidigungsminister geblieben. Die Kanzlerin aber entschied sich ein weiteres Mal für von der Leyen und gab ihr als erster Frau das Wehrressort. Das dürfte Merkel als eine weitere Eignungsprüfung für von der Leyen betrachtet haben.

          Doch die Zeit als Verteidigungsministerin verlief nicht gut für von der Leyen. Sie trug zu der Wahrnehmung bei, dass eine der wichtigsten Waffen der Truppe, das Sturmgewehr G36, nicht voll einsatztauglich sei, was sich jedoch nicht wirklich erhärten ließ. Schlimmer aber war, dass sie nach dem Bekanntwerden erniedrigender Praktiken bei der Ausbildung und rechtsextremer Umtriebe in einzelnen Teilen der Bundeswehr dieser pauschal ein „Haltungsproblem“ unterstellte. Der Graben zwischen ihr und den Soldaten wuchs dadurch.

          Selbst ein steigender Wehretat und Reformen im verkrusteten Beschaffungswesen konnten diese emotionale Distanz nicht wettmachen. Dass in ihrer Amtszeit die Instandsetzung des einstigen Aushängeschilds der Marine, des Segelschulschiffs „Gorch Fock“, zum Millionengrab wurde, machte die Sache für die Ministerin nicht leichter.

          Ursula von der Leyen hat auf die Frage, ob sie gerne Bundeskanzlerin wäre, stets geantwortet, dass jede Generation ihren Kanzler habe. Für ihre Generation sei das Angela Merkel. Diese ist vier Jahre älter als sie selbst. Nun hat Merkel doch noch dafür gesorgt, dass von der Leyen oberhalb der Ebene einer Bundesministerin etwas ganz Großes werden könnte. Präsidentin der EU-Kommission, ein Job, für den ihre internationale Prägung und Erfahrung ebenso wie ihre Fremdsprachenkenntnisse eine nicht geringe Voraussetzung sind.

          Denn selbst wenn Angela Merkel sich die Personalie von der Leyen nicht, oder nicht alleine ausgedacht haben sollte, wenn es so war, wie jetzt zu hören ist – nämlich dass der französische Präsident Emmanuel Macron die deutsche Kandidatin vorgeschlagen hat – so wäre von der Leyen ohne Merkels Unterstützung oder gar gegen deren Willen nicht nominiert worden für den wichtigsten Posten der Europäischen Union. Dass die Kanzlerin sich bei der Abstimmung der Staats- und Regierungschefs enthielt, ist kein Beleg dafür, dass sie ihre Verteidigungsministerin auf dem Weg nach Brüssel nicht unterstützt. Ob von der Leyen den Posten tatsächlich bekommt, hängt dann nicht mehr in erster Linie von Merkel ab.

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