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Machtkampf in der Union : Das Ende der Zerrissenheit?

  • -Aktualisiert am

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) Ende April in Berlin Bild: Imago

Merkel und Söder schrauben sich und ihre Parteien laut Umfragen in ungeahnte Höhen. Die Suche nach einem CDU-Vorsitzenden und einem Kanzlerkandidaten macht das immer schwerer.

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          Kann man sich Angela Merkel zu Karneval im Clint-Eastwood-Kostüm vorstellen? Absurd! Das wäre ja so, als würde Markus Söder als Marilyn Monroe erscheinen. Das wiederum ist nicht absurd, sondern Teil von Söders Vergangenheit. Jahr für Jahr hat er sich die tollsten Kostüme ausgedacht und angezogen. Er ging als Edmund Stoiber, als Punk oder eben als die Monroe. Bis er Ministerpräsident wurde. Seither erscheint er im Fasching im schwarzen Anzug. Der ginge höchstens als Kanzlerkostüm durch.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Merkel und Söder sind die politischen Hauptakteure der Corona-Zeit. Es gibt eine Reihe von Nebendarstellern, deren wichtigster der nordrhein-westfälische Regierungschef Armin Laschet ist. Eine Weile sah es so aus, als könnte auch er es zu einer Hauptrolle bringen, als erster Kämpfer an der Lockerungsfont. Doch letztlich hat der bayerische Ministerpräsident sich bei der Bundeskanzlerin im Kampf für bundesweite Corona-Beschränkungen so fest untergehakt, dass Laschet keine Chance hatte, zum ebenbürtigen Protagonisten zu werden. Söder ist nicht nur breitschultriger als Laschet aufgetreten. Er hat noch dazu das Glück, dass das Virus Deutschland ausgerechnet in einer Zeit heimsucht, in der er der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz, der MPK, ist.

          Immer wenn sich Merkel und die Ministerpräsidenten zur Corona-MPK trafen, war Söder nicht wie die anderen Länderchefs per Video zugeschaltet, sondern durfte im Kanzleramt sitzen. Auch bei den anschließenden Pressekonferenzen. Söder neben Merkel, Merkel neben Söder. Manchmal waren andere dabei, zum Beispiel der Erste Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher, ein Sozialdemokrat. Aber das fiel nicht weiter ins Gewicht.

          Nur auf den ersten Blick von Vorteil

          Auf den ersten Blick ist das für die Union von großem Vorteil. In atemberaubender Geschwindigkeit ist vor allem die CDU aus den Umfragetiefen des Jahresbeginns aufgestiegen in längst vergessene Höhen; die CSU hatte sich schon vorher berappelt. Im Deutschlandtrend von Infratest Dimap, den die ARD im Mai veröffentlichte, zeigten sich 68 Prozent der Befragten mit der Arbeit Merkels zufrieden oder sehr zufrieden. Das ist zwar nicht der allerhöchste Wert ihrer 15 Jahre währenden Amtszeit. Aber nur im Jahr 2005 lag sie weit darüber, was eine Art Vorschusslorbeer war. Zwischenzeitlich waren die Zufriedenheitswerte auf vierzig bis fünfzig Prozent abgesackt. Vor allem aber in diesem Jahr sind die Zustimmungswerte steil angestiegen. Im Oktober 2018, als sie das Ende ihrer politischen Laufbahn spätestens im Herbst 2021 verkündete, lag sie knapp zwanzig Prozentpunkte darunter. Söder hat in Bayern inzwischen Zustimmungswerte, die die Frage aufkommen lassen, ob er bald über hundert Prozent landen wird. In der Mai-Umfrage von Infratest sagten 53 von hundert Befragten, Söder wäre ein guter Kanzlerkandidat der Union. Unter den Unionsanhängern waren es sogar 67 Prozent. Im jüngsten ZDF-Politbarometer war Söder der zweitbeliebteste Politiker Deutschlands. Nach Merkel.

          Markus Söder hat die Ausnahmesituation, in der sich das Land und die Union befinden, bisher gut für sich genutzt. Vor allem, indem er im Windschatten der Bundeskanzlerin fährt, nach dem Motto, dass nichts erfolgreicher als der Erfolg ist. Auch inhaltlich passt ihm das. Bayern hatte schnell hohe Infektionszahlen, Söder musste hart durchgreifen, um die Ausbreitung des Virus unter Kontrolle zu bekommen. Diesen Kurs steuerte auch Merkel. Schon bald war Söders Erzählung für jedermann leicht zu verstehen: Zwei Personen stehen für den gesundheitlichen Schutz der Deutschen: Merkel und er.

          Im Merkel-Lager war man jedoch nie so blauäugig, daraus zu schließen, dass der Taktiker Söder aus schierer Loyalität an Merkels Seite steht. Was, so wurde laut nachgedacht, wäre geschehen, wenn Bayern so niedrige Infektionszahlen wie Mecklenburg-Vorpommern gehabt hätte? Als es dem vor Energie und Ungeduld strotzenden Söder im März nicht schnell genug ging mit den Schutzmaßnahmen, hatte er in einer Pressekonferenz verschärfte Ausgangsbeschränkungen für Bayern angekündigt und war damit von Merkels einheitlicher Linie abgewichen, die Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin gerade erläuterte.

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