https://www.faz.net/-gpf-rh0x

Merkel und Platzeck : Ostdeutsche an der Macht

Angela Merkel: Nach der Wende an die Spitze der CDU Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Lange Zeit sah es so aus, als ob Ostdeutsche in den stark westdeutsch geprägten Volksparteien nur noch Nebenrollen spielen würden. Weit gefehlt: SPD und CDU werden mittlerweile von Ostdeutschen geführt.

          3 Min.

          Lange Zeit sah es so aus, als ob Ostdeutsche in den stark westdeutsch geprägten Parteien nur noch Nebenrollen spielen würden. Jens Reich, Rainer Eppelmann, Heinz Eggert, Matthias Rößler, Günther Krause, Arnold Vaatz oder Bärbel Bohley - die Liste derjenigen, die sich zunächst viel zutrauten und dann doch wenig erreichten, ist lang. An viele, die sich die Reform des Westens mit den Ideen des Ostens vorgenommen hatten, erinnert sich heute niemand mehr. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Stephan Hilsberg, der aus der durch die westdeutsche Funktionärs-SPD marginalisierten Ost-SDP stammt, konnte seine Überraschung angesichts von Platzecks Nominierung zum künftigen SPD-Bundesvorsitzenden auch kaum verbergen: „Wenn wir jetzt einen Vorsitzenden aus dem Osten haben, dann ist das mehr, als ich vor zehn Jahren für möglich gehalten hätte.“

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Mit der Nominierung durch den Parteivorstand und der bevorstehenden Wahl des brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck zum neuen SPD-Vorsitzenden tritt nun die paradoxe Situation ein, daß beide großen Volksparteien von Politikern mit ostdeutscher Herkunft geführt werden.

          Das Mobiliar steht zur Disposition

          Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem fast alles zur Disposition zu stehen scheint, was zum Mobiliar der alten Bundesrepublik gehörte: komfortable soziale Sicherungssysteme, Wohlstandszuwächse und der gerade von führenden Parteipolitikern und Wirtschaftsvertretern immer wieder hochgehaltene korporatistische Konsens zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

          Matthias Platzeck: Soll Münteferings Nachfolger werden

          Zwar sind bei der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel wie bei dem künftigen SPD-Vorsitzenden Matthias Platzeck zufällige und nicht vorhersehbare politische Ereignisse Voraussetzungen ihres Aufstiegs gewesen; gleichwohl leiden beide Parteien offenbar doch unter personeller Auszehrung.

          Die Selbstrekrutierung der Eliten funktioniert nicht mehr

          Denn hätten die von ihrer Mitgliederstruktur und ihrer Organisation her im Kern westdeutschen Volksparteien eine funktionierende Selbstrekrutierung ihrer Eliten, dann hätten es Frau Merkel und Platzeck wohl auch in einer Krise nicht so weit bringen können. Angela Merkel ist eben nicht in einem katholisch geprägten Ortsverein Baden-Württembergs politisch sozialisiert worden, hat nicht in Bad Urach als CDU-Kreisvorsitzende angefangen, sondern als Pressesprecherin des Demokratischen Aufbruchs - kurz nach der Wende. Sie lernte das politische Handwerk nicht in der Jungen Union, sondern in der Regierung Lothar de Maizieres.

          Und Matthias Platzeck hat eben nicht als 20 Jahre alter Jungsozialist in innerparteilichen Kämpfen im Bezirk Westliches Westfalen mit Genossen über die Stamokap-Theorie gestritten, sondern gehörte - in einer Diktatur - zu den Gründern einer Umweltschutzinitiative. Platzeck war zunächst Mitglied der Grünen, bis er erst 1995 in die SPD eintrat. Einen SPD-Politiker, der es nach nur zehn Jahren Parteimitgliedschaft zum Bundesvorsitzenden gebracht hat, gab es in der deutschen Sozialdemokratie wohl auch noch nicht.

          Diktatur-Erfahrung prägt die ostdeutschen Aufsteiger

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Corona-Lage in Süditalien : Aufrufe zur Revolution

          In Süditalien drohen Menschen mit „Sturm auf die Paläste“. Der Geheimdienst warnt vor sozialen Unruhen. Schon gab es versuchte Plünderungen. Die wirtschaftliche Lage der Region ist wegen Corona fatal.
          Rush Hour in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh am 17. März 2020

          Corona und der Westen : Die zivilisatorische Kränkung

          Geben wir im Überlebenskampf Freiheit und Würde auf? Oder steckt hinter dieser Entgegensetzung derselbe Dünkel, der so viele im Westen davon abhielt, in der Pandemie von Ostasien zu lernen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.