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Merkel und der Vatikan : Ein Beichtgespräch nach der Kritik am Papst?

  • -Aktualisiert am

Anders als in der Münchner Residenz 2006 geht Kanzlerin Merkel auf Distanz zu Papst Benedikt XVI. Bild: picture-alliance/ dpa

Noch nie hat ein Kanzler die Kirchenpolitik des Vatikans so scharf kritisiert wie Angela Merkel. Ob Adenauer, Kohl, Schmidt oder sogar Schröder - sie hätten vermutlich zurückhaltend reagiert. Schon gibt es warnende Stimmen aus der Union: Die Kanzlerin solle sich „nicht als Lehrmeisterin des Papstes gerieren“.

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          Auf nie dagewesene Weise hat sich ein Kanzler der Bundesrepublik Deutschland so in die Belange der katholischen Kirche eingemischt wie jetzt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Noch nie hat ein Regierungschef dieser Republik die Kirchenpolitik des Vatikans in solcher Schärfe kritisiert wie die ostdeutsch sozialisierte protestantische CDU-Politikerin.

          Sie hat damit einen innerkirchlichen Konflikt in die Sphären der Tagespolitik geholt, als solle – wie zu Bismarcks Zeiten – von Berlin aus bestimmt werden, was jenseits der Berge („ultramontan“) zu geschehen habe. Die früheren Bundeskanzler Adenauer und Kohl, beide treue Mitglieder ihrer katholischen Kirche, konnten in Zweifelsfällen eine gehörige Distanz zum Vatikan haben. Sie konnten sich sogar lustig-despektierlich über manchen Kirchenfürsten äußern. Sie taten das aber intern und nicht öffentlich als Bundeskanzler.

          Und sogar Gerhard Schröder, evangelisch-lutherisch, hätte auf die Frage, wie er „die Konsequenzen der personellen Entscheidungen des Papstes“ bewerte, vermutlich zurückhaltend reagiert. Erstens: Was er privat denke, könne sich jeder vorstellen. Zweitens: Als Bundeskanzler sei es nicht seine Sache, zu innerkirchlichen Dingen Stellung zu nehmen. Drittens: Die Anerkennung deutscher Schuld und die Freundschaft zum Staat Israel gehörten zu den Fundamenten der deutschen Politik.

          Die Kanzlerin verlangt eine Klarstellung vom Papst

          Frau Merkel gab ihre Erklärung während einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Präsidenten Kasachstans, Nursultan Nasarbajew, ab. Sie versicherte, „im Allgemeinen“ sage sie nichts zu innerkirchlichen Entscheidungen. „Allerdings glaube ich, dass es anders ist, wenn es um Grundsatzfragen geht. Ich glaube, es ist schon eine Grundsatzfrage, wenn durch eine Entscheidung des Vatikans der Eindruck entsteht, dass es die Leugnung des Holocaust geben könnte, dass es um grundsätzliche Fragen des Umgangs mit dem Judentum insgesamt geht.“

          Frau Merkel sagte ausdrücklich: „Das ist nach meiner Auffassung nicht nur eine Angelegenheit der christlichen, der katholischen und jüdischen Gemeinden in Deutschland, sondern es geht hier darum, dass von Seiten des Papstes und des Vatikans sehr eindeutig klargestellt wird, dass es keine Leugnung geben kann und dass es natürlich einen positiven Umgang mit dem Judentum insgesamt geben muss. Diese Klarstellungen sind aus meiner Sicht noch nicht ausreichend erfolgt.“

          Sämtliche zusammenfassenden Meldungen der Nachrichtenagenturen, Frau Merkel habe Papst Benedikt XVI. und den Vatikan kritisiert und Forderungen erhoben, sind nicht zugespitzt, sondern durch die Äußerungen der Bundeskanzlerin gedeckt. Dass sie diese im Beisein Nasarbajews vortrug, der ein autoritäres Regime führt und Rechte der Opposition einschränkt, ist eine Facette am Rande.

          Behandelt wie einen CDU-Ministerpräsidenten?

          Manche sehen die Äußerungen der Bundeskanzlerin in einer Linie mit ihrem Verhalten in den Fällen Hohmann und Oettinger/Filbinger. Dem CDU-Abgeordnete Hohmann wurde auf Grund seiner Äußerungen zum Tag der Deutschen Einheit 2003 Antisemitismus vorgeworfen. Er wurde 2003 aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und dann auch aus der CDU ausgeschlossen.

          Der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger (CDU) hatte seinen Vorgänger Filbinger (CDU) fälschlicher- und naiverweise einen „Gegner des Nationalsozialismus“ genannt. Er wurde von Frau Merkel dafür öffentlich gerügt, was das politische Verhältnis der beiden nachhaltig prägte.

          Angesichts innerdeutscher und innerkatholischer Debatten und Aufregungen über die Rücknahme der Exkommunikation der Lefebvre-Anhänger, über den Holocaust-Leugner Williamson und über das Versagen der Vatikan-Bürokratie hat sie den römischen Papst deutscher Herkunft in diese Reihe gestellt. Sie hat ihn behandelt wie einen CDU-Ministerpräsidenten. Sie hat so getan, als habe es der Papst an Klarstellungen mangeln lassen.

          Es ging ihr nicht um kirchenrechtliche Details, wie die Pius-Bruderschaftsbischöfe zu behandeln seien, sondern um die „Grundsatzfrage“ eines „Umgangs mit dem Judentum insgesamt“. Sie äußerte sich, als gebe es in der katholischen Kirche einen relevant großen Antisemitismus: „Ich sage allerdings als protestantische Christin, dass ich sehr ermutigt bin, dass viele Stimmen aus der katholischen Kirche sehr eindeutig eine solche Klarstellung – in welcher Form auch immer, aber eindeutig – fordern. Das finde ich sehr ermutigend.“

          Auf verbotenem Gelände?

          Auf dem CDU-Parteitag hatte Frau Merkel geworben, die deutschen Vorstellungen sozialer Marktwirtschaft in alle Welt zu exportieren. Nun setzt sie möglicherweise darauf, in Wahlkampfzeiten sei es opportun, einen innerkirchlichen Konflikt zu nutzen. Sie hat ihn – in Zeiten wie diesen – damit in eine Auseinandersetzung um das Profil der Parteien und um Wählerstimmen gezogen. Vielleicht ging es ihr um die Klarstellung, in den innenpolitischen Debatten und Machtkämpfen seien jene zu vernachlässigen, deren Loyalität nicht allein darauf reduziert ist, was in Berlin, dem Kanzleramt und dem Reichstag geschieht.

          Doch auch in den Reihen jener, die als Privatpersonen und Kirchenmitglieder die Politik und die Ausrichtung des Vatikans und des Papstes heftig kritisieren, gibt es das verbreitete Unbehagen, Frau Merkel, die nach der Wahl des Wissenschaftlers Ratzinger zum Papst rasch in Rom gewesen war, habe sich auf verbotenes Gelände begeben. Die katholische Kirche ist älter als die CDU, sogar älter als der deutsche Nationalstaat und jedenfalls nicht mit dem Deutschen Fußball-Bund zu vergleichen.

          Es kam, wie es kommen musste. Mit dem Umzug von Regierung und Parlament von Bonn nach Berlin werde die Republik „ostdeutscher und protestantischer“, während vor bald zwanzig Jahren bei jenen Bundestagsdebatten am Rhein argumentiert worden. Nun, nach der Eröffnung der Debatte durch die Regierungschefin, melden sich auch andere Politiker der ersten und der zweiten Reihe – mit Erklärungen für und wider die Vatikan-Politik und die Reaktion der Kanzlerin.

          „..auch ein Papst nicht unfehlbar“

          Der Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte, Vizekanzler Steinmeier unterstütze die Haltung der Kanzlerin. Der SPD-Vorsitzende Müntefering, ein Katholik, sagte über den Papst: „Er hat gerade deutlich demonstriert, dass auch ein Papst hier nicht unfehlbar ist.“ Gegenpositionen kamen aus der Union, mutmaßlich von jenen, die kein politisches Gewicht haben. Der CDU-Abgeordnete Wimmer kritisierte Frau Merkel, sie habe den Papst „in eine Ecke“ gestellt, in die er nicht gehöre. „Es gab überhaupt keinen Anlass, warum eine deutsche Bundeskanzlerin sich so äußert.“

          Der CSU-Europa-Abgeordnete Posselt warnte Frau Merkel, „sich weiterhin als Lehrmeisterin des Papstes zu gerieren“. Wenn es im Berliner Betrieb so weitergeht, dürfte es – und sei es auf Antrag papistischer Linker – noch zu einer Aktuellen Stunde im Bundestag kommen. „Haltung der Bundesregierung zum Vatikan“ müsste nach den Regeln der Geschäftsordnung der Antrag dazu lauten.

          Frau Merkel ließ am Tag danach versichern, sie habe sich nicht in Kirchendinge einmischen wollen und sie kenne und schätze die persönliche Haltung des Papstes zum Holocaust und zum Judentum. Das sagten andere auch – etwa die CDU-Abgeordnete Fischbach, kirchenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Sie zog schon andere Schlüsse. Bezogen auf den Papst, sagte sie: „Ich glaube, es geht vielleicht darum, wie er mit Bischöfen, deren Exkommunikation er aufgehoben hat, umgeht. Vielleicht kann man doch Bedingungen daran knüpfen.“

          Am Mittwoch hat Frau Merkel den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Zollitsch, angerufen. Es war wohl ein Beichtgespräch.

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