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Merkel und der Vatikan : Ein Beichtgespräch nach der Kritik am Papst?

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Es ging ihr nicht um kirchenrechtliche Details, wie die Pius-Bruderschaftsbischöfe zu behandeln seien, sondern um die „Grundsatzfrage“ eines „Umgangs mit dem Judentum insgesamt“. Sie äußerte sich, als gebe es in der katholischen Kirche einen relevant großen Antisemitismus: „Ich sage allerdings als protestantische Christin, dass ich sehr ermutigt bin, dass viele Stimmen aus der katholischen Kirche sehr eindeutig eine solche Klarstellung – in welcher Form auch immer, aber eindeutig – fordern. Das finde ich sehr ermutigend.“

Auf verbotenem Gelände?

Auf dem CDU-Parteitag hatte Frau Merkel geworben, die deutschen Vorstellungen sozialer Marktwirtschaft in alle Welt zu exportieren. Nun setzt sie möglicherweise darauf, in Wahlkampfzeiten sei es opportun, einen innerkirchlichen Konflikt zu nutzen. Sie hat ihn – in Zeiten wie diesen – damit in eine Auseinandersetzung um das Profil der Parteien und um Wählerstimmen gezogen. Vielleicht ging es ihr um die Klarstellung, in den innenpolitischen Debatten und Machtkämpfen seien jene zu vernachlässigen, deren Loyalität nicht allein darauf reduziert ist, was in Berlin, dem Kanzleramt und dem Reichstag geschieht.

Doch auch in den Reihen jener, die als Privatpersonen und Kirchenmitglieder die Politik und die Ausrichtung des Vatikans und des Papstes heftig kritisieren, gibt es das verbreitete Unbehagen, Frau Merkel, die nach der Wahl des Wissenschaftlers Ratzinger zum Papst rasch in Rom gewesen war, habe sich auf verbotenes Gelände begeben. Die katholische Kirche ist älter als die CDU, sogar älter als der deutsche Nationalstaat und jedenfalls nicht mit dem Deutschen Fußball-Bund zu vergleichen.

Es kam, wie es kommen musste. Mit dem Umzug von Regierung und Parlament von Bonn nach Berlin werde die Republik „ostdeutscher und protestantischer“, während vor bald zwanzig Jahren bei jenen Bundestagsdebatten am Rhein argumentiert worden. Nun, nach der Eröffnung der Debatte durch die Regierungschefin, melden sich auch andere Politiker der ersten und der zweiten Reihe – mit Erklärungen für und wider die Vatikan-Politik und die Reaktion der Kanzlerin.

„..auch ein Papst nicht unfehlbar“

Der Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte, Vizekanzler Steinmeier unterstütze die Haltung der Kanzlerin. Der SPD-Vorsitzende Müntefering, ein Katholik, sagte über den Papst: „Er hat gerade deutlich demonstriert, dass auch ein Papst hier nicht unfehlbar ist.“ Gegenpositionen kamen aus der Union, mutmaßlich von jenen, die kein politisches Gewicht haben. Der CDU-Abgeordnete Wimmer kritisierte Frau Merkel, sie habe den Papst „in eine Ecke“ gestellt, in die er nicht gehöre. „Es gab überhaupt keinen Anlass, warum eine deutsche Bundeskanzlerin sich so äußert.“

Der CSU-Europa-Abgeordnete Posselt warnte Frau Merkel, „sich weiterhin als Lehrmeisterin des Papstes zu gerieren“. Wenn es im Berliner Betrieb so weitergeht, dürfte es – und sei es auf Antrag papistischer Linker – noch zu einer Aktuellen Stunde im Bundestag kommen. „Haltung der Bundesregierung zum Vatikan“ müsste nach den Regeln der Geschäftsordnung der Antrag dazu lauten.

Frau Merkel ließ am Tag danach versichern, sie habe sich nicht in Kirchendinge einmischen wollen und sie kenne und schätze die persönliche Haltung des Papstes zum Holocaust und zum Judentum. Das sagten andere auch – etwa die CDU-Abgeordnete Fischbach, kirchenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Sie zog schon andere Schlüsse. Bezogen auf den Papst, sagte sie: „Ich glaube, es geht vielleicht darum, wie er mit Bischöfen, deren Exkommunikation er aufgehoben hat, umgeht. Vielleicht kann man doch Bedingungen daran knüpfen.“

Am Mittwoch hat Frau Merkel den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Zollitsch, angerufen. Es war wohl ein Beichtgespräch.

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