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Kanzlerin Merkel im Interview : „Es ist richtig, dass das jetzt ein anderer übernimmt“

„Um diese Frage zu beantworten, fehlt mir die Distanz“: Merkel zur ihrem geschichtspolitischen Erbe Bild: Daniel Pilar

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht im Interview über ihr Ausscheiden aus dem Amt, die Krisen, mit denen sie konfrontiert war, den fragilen Zustand der Welt und ihren Blick aufs Älterwerden.

          16 Min.

          Frau Bundeskanzlerin, Sie haben am Dienstag aus den Händen des Bundespräsidenten Ihre Entlassungsurkunde erhalten. Welches Gefühl hat dabei überwogen: Zufriedenheit, Erleichterung, Wehmut?

          Friederike Haupt
          Politische Korrespondentin in Berlin.
          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Sicher durchaus etwas Erleichterung, aber vor allem große Dankbarkeit, sechzehn Jahre lang dieses Amt ausgeübt haben zu können. Aber wenn es nach den Planungen der jetzt Koalitionsverhandelnden geht, bin ich ja noch einige Wochen im Amt und das erfordert auch als geschäftsführende Bundeskanzlerin meine volle Aufmerksamkeit. Jeden Tag können Dinge geschehen, die schnell angepackt werden müssen, natürlich auch in Abstimmung mit denen, die jetzt die Mehrheit des Bundestages stellen. 

          Zufriedenheit, Wehmut?

          Zufriedenheit, auf eine lange, auch zum Teil komplizierte Wegstrecke zurückzublicken. Ein bisschen Wehmut wird später vielleicht auch dazu kommen. 

          Anders als alle Ihre Vorgänger scheiden Sie selbstbestimmt und in Wahlen unbesiegt aus dem Amt. Aber Ihre Partei hat bei der Bundestagswahl das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte erzielt. Kam es so, weil Sie nicht mehr angetreten sind – oder weil Sie zu lange regiert haben?

          Das Ergebnis war für CDU und CSU natürlich sehr enttäuschend. Dass es kein Selbstläufer sein würde, eine Mehrheit für eine von der Union geführte Koalition zu bekommen, war lange vor dem Wahltag klar. Das war übrigens nie ein Selbstläufer, auch in meinen vier Wahlkämpfen nicht. CDU und CSU analysieren jetzt den Wahlausgang. Und das werden die tun, die jetzt die Zukunft der Union ausmachen. 

          Was waren die Gründe für dieses Debakel?

          Wie gesagt: Das zu bewerten, ist nicht an mir.

          Armin Laschet, der Kanzlerkandidat der Union, hat die Verantwortung für das Wahlergebnis übernommen. Würden Sie ihm einen Teil davon abnehmen wollen?

          Meine Entscheidung, nicht noch einmal anzutreten, war seit langem bekannt. Ich habe 2018 den Parteivorsitz abgegeben, weil ich entschieden war, 2021 nicht wieder zur Bundestagswahl anzutreten. Die Zukunft der CDU wird jetzt durch andere bestimmt. Als jemand, der aus der aktiven Politik ausscheidet, werde ich mich in diese Debatten nicht einmischen. 

          Die CDU will zunächst aber eine „brutal offene“ Debatte darüber führen, wie es so weit kommen konnte. Sie haben 2018 gesagt, es werde ein Wagnis sein, wenn Vorsitz und Kanzleramt nicht mehr in einer Hand liegen. War das Wagnis aus heutiger Sicht betrachtet nicht zu groß?

          Ich war und bin überzeugt, ich konnte es überhaupt nur eingehen, weil ich 2021 nicht wieder zur Bundestagswahl antreten wollte. Denn ich bin auch heute noch der Meinung, dass im Grundsatz Parteivorsitz und Kanzleramt in einer Hand liegen sollten. Der Zeitpunkt zum regulären Parteitag 2018 war besser, als wenn ich den dann folgenden nächsten regulären Parteitag 2020 gewählt hätte, um den Parteivorsitz abzugeben. Die Zeit bis zum Wahltermin wäre für meinen Nachfolger oder meine Nachfolgerin zu kurz gewesen. Dazu stehe ich auch heute.

          Frau auf der Weltbühne: Merkel mit Obama im Juni 2015 beim G-7-Gipfel in Elmau
          Frau auf der Weltbühne: Merkel mit Obama im Juni 2015 beim G-7-Gipfel in Elmau : Bild: dpa

          Bereuen Sie es, 2017 noch einmal als Bundeskanzlerin angetreten zu sein? Sie hatten damals nach eigenem Bekunden lange und gründlich darüber nachgedacht.

          Es stimmt: Ich habe mir das damals sehr gut überlegt, und die Entscheidung, für eine vierte Amtszeit zur Verfügung zu stehen, ist mir nicht leichtgefallen. Ich habe sie dann so getroffen und das Vertrauen der Bevölkerung ja auch noch einmal für vier Jahre bekommen. 

          Was hat Ihnen die Entscheidung schwer gemacht?

          Es ging 2016 ja nicht darum, ob ich 2017 einen vierten Wahlkampf führen konnte, sondern es ging ausschließlich darum, ob ich in einem solchen Wahlkampf den Bürgerinnen und Bürgern zusagen konnte, für die vollen vier Jahre einer vierten Amtszeit zur Verfügung zu stehen. Die ersten drei Amtszeiten waren ja durchaus turbulente Regierungsjahre gewesen, spätestens seit 2008 die Weltfinanzkrise ausbrach. Dann folgten die Krise um den Euro, die Aussetzung der Wehrpflicht, die Energiewende, die Krise in der Ukraine und die Auseinandersetzungen in der Flüchtlingspolitik 2015, um nur wenige der großen Aufgaben zu nennen. Es war ja klar, dass eine weitere Amtszeit ebenfalls große Herausforderungen mit sich bringen würde. Deshalb habe ich mich geprüft, ob ich die Kraft und den Willen habe, um dem Amt – und dem Land – für eine solche vierte Amtszeit gerecht zu werden. Die Prüfung hat dann ergeben, dass ich es mir noch einmal zutraue, und so konnte ich 2017 im Wahlkampf den Bürgerinnen und Bürgern das Versprechen für weitere vier Jahre geben.

          Welche der großen Krisen in Ihrer Amtszeit war für Sie persönlich die härteste?

          Das kann ich so kaum sagen. Als besonders schwierig habe ich von Anfang an die Corona-Pandemie empfunden, aber genauso herausfordernd war die Ankunft der vielen Flüchtlinge 2015. So wenig beides zu vergleichen ist: In beiden Fällen geht es um konkrete Schicksale, ja sogar um Menschenleben. Entscheidungen zu fällen, die so viele elementar betreffen, kann belastend sein, auch bewegend. 

          Bewegend auch für Sie?

          Ja, natürlich.

          Was ist für Sie das Schwierigste in der Politik?

          Da stellt sich mir zunächst die Frage, was Politik in der Demokratie eigentlich ist und wozu man sie braucht. Vereinfacht gesagt: Politik in der Demokratie soll es den Menschen ermöglichen, dem, was sie eigentlich wollen und was sie in ihrem Leben vorhaben, nachgehen zu können. Dafür versuchen wir Politiker die Bedingungen zu schaffen. Politik muss Anreize dafür setzen, dass die, die mehr leisten können und die gute Ideen haben, die innovativ sind, auch Lust dazu haben, sich in ihrem Land zu engagieren. Und sie muss die unterstützen, die das nicht so können. Politik machen, heißt für mich zu gestalten, zu verändern, zu korrigieren, dafür Mehrheiten zu suchen. Und in dem Sinne bin ich immer gerne Politikerin gewesen. In krisenhaften Situationen ist man dann mit negativen Entwicklungen befasst, auf die man zum Teil gar keinen Einfluss hat. Ideale Lösungen gibt es dann nicht, oft muss man unter verschiedenen Optionen die am wenigsten unzureichende auswählen. Der Glücksmoment, eine ideale Lösung geschafft zu haben, entsteht da nicht. 

          Nie?

          Eine gelungene Steuerreform, eine gelungene Föderalismusreform, ein gelungener Bund-Länder-Finanzausgleich können schon ein gewisses Gefühl der Freude darüber erzeugen, dass man ein Problem gleich für mehrere Jahre gelöst hat. Aber in Krisen muss man ganz besonders in der akuten Phase der Gefahrenabwehr damit leben, unvollkommene Lösungen zu schaffen. Und trotzdem muss man entscheiden. Diese Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt zu treffen, nicht zu früh, aber auch nicht zu spät, das ist vielleicht die größte Herausforderung. Das ist für mich immer die große Aufgabe der Politik gewesen.

          „Viele Wege führen nach Rom, warum unbedingt den kürzesten wählen?“
          „Viele Wege führen nach Rom, warum unbedingt den kürzesten wählen?“ : Bild: Daniel Pilar

          Gibt es eine Entscheidung, die Sie im Nachhinein anders treffen würden, als Sie sie getroffen haben?

          Keine der Entscheidungen, die die großen Linien betrafen. Um einige habe ich lange gerungen, wie zum Beispiel um die Frage, wie wir in der Eurokrise mit Griechenland vorgehen. Ich habe das sehr lange hin und her bewegt, bis ich ganz überzeugt war, dass Griechenland im Euroraum bleiben muss, dass wir Solidarität zeigen müssen, das Land aber auch tiefe Reformen einleiten muss. Natürlich gibt es Dinge, die ich bedaure. Zum Beispiel die ursprüngliche Bepreisung von CO2, als wir über das Klimapaket verhandelten. Da haben wir den Einstiegspreis mit 10 Euro pro Tonne zu niedrig angesetzt, ich hatte mich in der Nacht nicht durchsetzen können. Über den Bundesrat sind dann 25 Euro pro Tonne herausgekommen. Das hätten wir auch schon in dieser Nacht hinbekommen können. Ich ahnte, dass wir dafür Kritik einstecken würden, und fand sie im Grunde auch berechtigt.

          Am schärfsten und nachhaltigsten sind Sie für Ihre Politik der offenen Grenzen im Zuge der Flüchtlingskrise kritisiert worden. Hat Sie das überrascht?

          Zunächst einmal: Beim Thema Flucht vermeide ich das Wort Krise im Zusammenhang mit den ankommenden Menschen. Für mich sind sie vor allem das, Menschen, und nicht ein Krisenzustand. Die Situation damals war auch für mich bedrängend, weil ich wie alle anderen auch wusste, dass nicht dauerhaft täglich 10.000 Menschen nach Deutschland kommen können, sondern sowohl für die Zuflucht suchenden Menschen als auch für unser Land tatsächlich tragfähige Wege gefunden werden mussten. Ich habe mich damals gefragt, wie das gelingen kann, und sehr früh über einen Plan dafür nachgedacht, nämlich eine Vereinbarung mit der Türkei. Doch dafür brauchte ich etwas Zeit. Zugleich war mir stets bewusst, als Bundeskanzlerin politisch immer für alles verantwortlich zu sein, was passiert. Sowohl für die guten Stunden, in denen die Flüchtlinge herzlich willkommen geheißen wurden, als auch die dunklen Stunden zum Beispiel der Silvesternacht auf der Kölner Domplatte, auf der ungeheuerliche Dinge stattfanden, an denen auch Flüchtlinge beteiligt waren, zusammen mit anderen, die schon länger hier lebten. Das Schwierige ist, dass Deutschland die Migrationsfrage ja nicht alleine regeln kann, jedenfalls nicht dauerhaft tragfähig, sondern – das liegt in der Natur dieses Themas – nur als ein Teil Europas und im konkreten Fall nur zusammen mit der Türkei. Dass das Abkommen mit der Türkei gelungen ist, ist für beide Seiten bis heute gut.

          Was sehen Sie als Ihren größten Erfolg, was als Ihren größten Fehler an?

          Das ist letztlich eine historische Debatte, die andere führen sollen. Ich war Bundeskanzlerin in einer Zeit, in der die Globalisierung immer weiter vorangeschritten ist. Sehen Sie: Die Gestaltung der deutschen Einheit war eine Riesenaufgabe. Denken wir allein an den historisch einzigartigen Prozess der 2+4-Verhandlungen, also der Bundesrepublik und der DDR mit den damaligen vier Mächten. Doch die Grundsatzentscheidung, ob wir Deutsche die Wiedervereinigung wollten, war eine allein von uns Deutschen selbst. Heute dagegen hat so vieles, was unser Leben und die Lage in unserem Land bestimmt, mit Entwicklungen weit entfernt von Deutschland zu tun. Der enorme wirtschaftliche Aufstieg Chinas, aber auch anderer Staaten in Asien verändert die Kräfteverhältnisse. Beim Thema Energiepreise etwa ist nicht an einem Punkt festzumachen, warum sie steigen, sondern es gibt zahlreiche Ursachen, einige davon haben mit den asiatischen Staaten zu tun. Als Bundeskanzlerin musste ich also immer gesprächsfähig mit den Verantwortlichen in aller Welt sein und habe großen Wert darauf gelegt, Kontakte zu pflegen und Lösungen auf dem Verhandlungsweg zustande zu bringen. Das ist in den vergangenen 16 Jahren sehr viel komplexer geworden.

          Düpiert: Merkel neben Seehofer im November 2015.
          Düpiert: Merkel neben Seehofer im November 2015. : Bild: dpa

          Was folgt daraus?

          Die Welt ist alles andere als in einem stabilen Zustand. Wir müssen aufpassen, dass wir nach der großen Freude über das Ende des Kalten Krieges und die Wiedervereinigung Europas jetzt nicht in eine historische Phase eintreten, in der wichtige Lehren aus der Geschichte verblassen. Wir müssen uns wieder daran erinnern, dass die multilaterale Weltordnung als Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde. Es wird immer weniger Zeitzeugen dieser Epoche geben. In der Geschichte ist es ein wiederkehrendes Muster, dass Menschen mit Strukturen leichtfertig umzugehen beginnen, wenn die Generationen, die diese geschaffen haben, nicht mehr leben. Das kann für die Europäische Union gelten, für die UN, für andere multilaterale Organisationen. In einer Zeit, in der wir einer globalen Herausforderung wie dem Klimawandel gegenüberstehen, müssen gerade wir Europäer uns mit aller Kraft für eine multilaterale Ordnung einsetzen. Mein Eindruck ist, dass im Augenblick die Welt dafür noch nicht optimal gerüstet ist.

          Die größte Gefahr für das Projekt der europäischen Einigung ist demnach die Vergesslichkeit der Menschen?

          Nein, die größte Gefahr ist, dass wir alle die Europäische Union als Selbstverständlichkeit ansehen, für die man nicht mehr arbeiten muss. Doch das muss man. Man erbt nichts, ohne dass man es weiter pflegen müsste, jedenfalls wenn man das Erbe bewahren will. Das weiß man ja aus dem täglichen Leben. Alles bedarf der Aufmerksamkeit.

          Viel Aufmerksamkeit wird absorbiert von Kleinkriegen in den sozialen Netzwerken. Die spielen heute eine größere Rolle als damals, als Sie Bundeskanzlerin wurden. Tragen diese Foren zur Krise des aufmerksamen und respektvollen Austauschs bei?

          Die sozialen Medien sind beides: Kanäle, über die Millionen politische Inhalte aufnehmen und friedlich über sie diskutieren. Und sie sind Kanäle, auf denen das Schlechteste an politischer Auseinandersetzung noch forciert wird. Nur was hilft es, den sozialen Medien die Schuld zu geben? Neue Kommunikationskanäle können keine Entschuldigung für Fehlverhalten sein. Jeder hat die Verantwortung, auch im politischen Streit auf Twitter oder Facebook anständig und respektvoll zu bleiben und die Gesetze zu achten. Und die Politik hat die Verantwortung, dafür zu sorgen, den rechtlichen Rahmen dafür zu schaffen.

          Welche Ursachen haben die Fliehkräfte, die am Zusammenhalt der Europäischen Union zerren?

          Ich möchte zwei nennen. Das eine ist, dass sich die Verteilung des Wohlstands auf der Welt geändert hat. Als ich Bundeskanzlerin wurde, war unser Bruttoinlandsprodukt noch größer als das von China. Bei uns waren es damals 2,8 Billionen Dollar, in China 2,3 Billionen. Daraus sind in den vergangenen sechzehn Jahren bei uns 3,8 Billionen Dollar geworden, in China 14,7 Billionen. Wir Deutschen, aber auch wir Europäer insgesamt, müssen sehr hart daran arbeiten, unseren Anteil an der globalen Wohlstandsentwicklung zu halten.

          Die andere Ursache ist aus meiner Sicht die falsche Verlockung rein nationalen Handelns. Mancher Europäer fragt in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, ob sein Land nicht erst einmal an sich denken sollte. Die Frage ist vielleicht auch verständlich, unsere Antwort muss immer wieder gut begründet sein. Aber alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union, davon bin ich fest überzeugt, können durch den Binnenmarkt, durch die kluge Gestaltung der Digitalisierung letztlich gemeinsam zu mehr Wohlstand kommen, als wenn jedes Land seine eigene Politik machte.

          „Beim Thema Flucht vermeide ich das Wort Krise.“
          „Beim Thema Flucht vermeide ich das Wort Krise.“ : Bild: Daniel Pilar

          Und doch scheint nicht nur in Großbritannien die Überzeugung um sich zu greifen, dass man allein mehr erreicht als in der europäischen Gemeinschaft. Woran liegt das?

          Das Zusammenwachsen Europas stellt sich als langwieriger und schwieriger heraus, als das lange erwartet wurde, auch von mir. Das erleben wir, ohne den Vergleich überzustrapazieren, ein wenig auch bei uns, also zwischen den neuen und den alten Bundesländern. In Europa gibt es gerade zwischen den osteuropäischen Mitgliedstaaten und den anderen Mitgliedstaaten große Unterschiede darin, wie sie nationale Identität im Verhältnis zur europäischen Gemeinsamkeit gewichten. Ich nehme das Beispiel Polen, ein Land mit einer großen eigenen Freiheitsgeschichte. Das sieht sich nun einem weit fortgeschrittenen acquis communautaire der Europäischen Union gegenüber. Es ist einer sehr weit entwickelten europäischen Rechtsordnung beigetreten. Das Gefühl mangelnder nationaler Spielräume schafft Enttäuschung. In dieser Phase sind wir jetzt. Gleichzeitig ist natürlich klar zu sagen, dass die für uns alle geltende Rechtsstaatlichkeit für den Zusammenhalt Europas konstitutiv ist. Ich hoffe, dass es immer wieder den Versuch geben wird, dafür in Gesprächen Lösungen zu finden.

          Sie erkennen ähnliche Unterschiede zwischen den alten und den neuen Bundesländern?

          Es gibt einige Parallelen, aber natürlich auch große Unterschiede. Denn erstens hat Deutschland eine große Finanzkraft, mit der gerade am Anfang die neuen Bundesländer angesichts ihrer ungleichen Ausgangslage stark unterstützt werden konnten, und diese Unterstützung ist weit mehr als das, was wir über Kohäsions- und Strukturfonds in der Europäischen Union verteilen können. Denn zweitens sind wir Deutschen Ost und West eine Nation, und wir sind glücklich darüber, dass wir das jetzt seit 31 Jahren wiedervereinigt in einem Land leben können.

          In Ihrer Rede am 3. Oktober beklagten Sie, dass in einer Publikation Ihre Lebenserfahrung in der DDR als Ballast bezeichnet worden sei. Ist das ein Zeichen für anhaltende westdeutsche Überheblichkeit? Was wäre dagegen zu tun?

          Das habe ich ja in meiner Rede am 3. Oktober – unter anderem einfach als Ostdeutsche – ausführlich zu erklären versucht. Ich habe über mich in meiner Amtszeit ja manchmal als Kanzlerin aller Deutschen gesprochen. Das war ja auch mein Anspruch. Aber als Jana Hensel diese Formulierung nach meiner Rede dahingehend präzisierte, dass sie über mich als die ostdeutsche Kanzlerin aller Deutschen nachdachte und schrieb, fand ich das sehr berührend und zugleich ein wenig schade, dass ich nicht selbst darauf gekommen war. Wir Deutschen in Ost und West können einander noch viel besser zuhören, wir können interessierter an den unterschiedlichen Lebenswegen sein und können mehr Respekt vor unseren Lebenswegen zeigen.

          Was sagen Sie dazu, dass der Pandemie-Politik Ihrer Regierung das Etikett „neuer DDR-Obrigkeitsstaat“ aufgeklebt wurde?

          Abwegig, das sage ich dazu.

          Symbol, aber für was? Merkel mit einem Flüchtling im September 2015.
          Symbol, aber für was? Merkel mit einem Flüchtling im September 2015. : Bild: dpa

          War es wirklich notwendig, zur Bekämpfung der Pandemie die Freiheitsrechte der Bürger so stark einzuschränken, wie es Ihre Regierung getan hat? Sie haben selbst gesagt, dass Ihnen das schwer gefallen sei.

          Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das müssen wir immer bedenken, denn jeder Bürger und jede Bürgerin ist von der Pandemie wie auch den Maßnahmen gegen sie individuell betroffen, und die Politik muss den bestmöglichen Ausgleich zwischen Freiheitsrechten und gut begründeten Einschränkungen schaffen. Ich habe es als die Aufgabe des Staates gesehen, die Gesundheit möglichst vieler Menschen in Deutschland zu schützen und zu verhindern, dass unsere Krankenhäuser überlastet wurden. Wir hatten genügend Beispiele aus anderen Ländern, wo das zeitweilig leider nicht gelungen war. Natürlich lässt sich trefflich über diese oder jene Maßnahme streiten. Die vielleicht kontroverseste war ja die Ausgangsbeschränkung. Wer das karikieren wollte, fragte, was so schlimm daran sei, wenn ein Einzelner nach 22 Uhr allein auf der Straße läuft. So isoliert betrachtet natürlich nichts, aber darum ging es bei der Entscheidung ja gar nicht. Vielmehr mussten wir uns damit beschäftigen, dass in der Lebenswirklichkeit die Wahrscheinlichkeit gegeben ist, dass der einzelne Mensch sich dann auch mit anderen treffen kann, vielleicht auch mit Bus oder Bahn unterwegs ist, dann zu Hause bei der Familie ist und dass auf all diesen Wegen immer Kontaktmöglichkeiten mit einem Infektionsrisiko gegeben sind. Wir mussten also bei der Ausgangsbeschränkung wie bei allen Maßnahmen immer wieder prüfen, ob unsere Maßnahmen verhältnismäßig, geeignet und erforderlich sind, um die Ziele des Gesundheitsschutzes zu erreichen. Verglichen mit Ländern wie zum Beispiel Frankreich waren die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit in Deutschland im Übrigen noch sehr zurückhaltend. Dort gab es Einschränkungen im Radius, in der Stundenzahl, mit Formularen und vielem mehr.

          Ihnen wurde vorgeworfen, Sie hätten zu wenig Verständnis dafür gehabt, wie schwer die Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche die Kinder getroffen hätten.

          Für die Kinder und Jugendlichen war es besonders bitter – das wusste ich zu jedem Zeitpunkt. Wir haben ihnen viel abverlangt. Deshalb bin ich jetzt auch froh, dass wir so viele Erwachsene geimpft haben, dass es möglich sein kann, für die Kinder Schulen und Kindergärten offenhalten zu können. Aber auch jetzt macht sich schon wieder eine gewisse Leichtfertigkeit breit. Und die aktuelle Entwicklung der Hospitalisierungswerte und der Todeszahlen, beides ja eine direkte Folge der Infektionszahlen, bereitet mir große Sorgen. Sie sollte uns allen Sorgen bereiten. Ich stehe im Übrigen dazu, dass wir keine Impfpflicht haben, aber dass zum Beispiel noch zwei, drei Millionen Deutsche über 60 ungeimpft sind, stimmt mich sehr traurig, weil das einen Unterschied machen könnte für sie persönlich wie für die ganze Gesellschaft. Darum dürfen wir nicht aufhören, für das Impfen zu werben.

          Wie bewerten Sie, dass der Profifußballer Joshua Kimmich sich nicht hat impfen lassen?

          Zunächst einmal ist ein Profifußballer auch ein Bürger, der in einem Land ohne Impfpflicht das Recht hat, sich nicht impfen zu lassen. Interessant sind ja die Argumente, mit denen er seine Entscheidung begründet, denn es gibt auf seine Fragen und Zweifel sehr gute Sachargumente, die allgemein verfügbar sind. Vielleicht macht sich Joshua Kimmich darüber ja auch noch Gedanken. Er ist ja als sehr reflektierter Fußballer bekannt.

          Wir sitzen hier im Kanzleramt vor einem Porträt von Konrad Adenauer, der in die Geschichte eingegangen ist als Kanzler der Westintegration. Willy Brandt war der Kanzler der Ostpolitik, Helmut Kohl der Kanzler der deutschen Einheit. Was soll man einmal über die Kanzlerin Angela Merkel sagen?

          Um diese Frage zu beantworten, fehlt mir die Distanz.

          Angela Merkel, die Retterin der EU?

          Solche Titel gibt man sich besser nicht selbst. Dieser wäre auch vollkommen übertrieben. Und überhaupt waren solche Bezeichnungen für mich nie der Antrieb für meine Arbeit als Bundeskanzlerin.

          Merkel wird zum ersten Mal als Kanzlerin vereidigt, 2005.
          Merkel wird zum ersten Mal als Kanzlerin vereidigt, 2005. : Bild: dpa

          Sie sagten 2017 im Gespräch mit der F.A.S., Politiker seien „im Guten wie im Schlechten beispielgebend“. In welcher Hinsicht haben Sie sich bemüht, ein Vorbild zu sein?

          Wir Politiker sollten uns bemühen, ein ordentliches Verhalten an den Tag zu legen und den Ansprüchen, die wir an andere anlegen, selbst gerecht zu werden. Ich bin allerdings nicht der Ansicht, dass Politiker Vorbilder für den Rest der Menschheit sein müssen. Die Gesamtheit aller Politikerinnen und Politiker spiegelt die Gesamtheit der Gesellschaft wider. Das ist für eine Demokratie sehr beruhigend. Und da gibt es charakterliche Stärken und Schwächen wie bei allen Menschen.

          Gibt es Politiker, auf die Sie nach Ihren Erfahrungen in einer langen Kanzlerschaft mit anderen Augen schauen? Zum Beispiel Helmut Kohl?

          In meinem Physikstudium stand einmal unter meinen Mathematikaufgaben: Viele Wege führen nach Rom, warum unbedingt den kürzesten wählen? Und ich glaube, es stimmt ja auch, dass viele Wege nach Rom führen, dass es also ganz unterschiedliche Wege gibt, ein gemeinsames Ziel zu erreichen oder auch ein Amt auszufüllen. Ich bin jemand, der immer sehr auf Fakten gesetzt hat, sich tief in die Materie eingearbeitet hat, versucht hat, den Gegenüber zu verstehen. Helmut Kohl hat, glaube ich, viele Schlussfolgerungen aus seinem historischen Gefühl und seiner tiefen Bildung auf diesem Gebiet gezogen. Jeder muss mit seinen Stärken, mit seinen Gaben leben. Ich musste sicher am Anfang erst mal meine eigene Methodik finden.

          Ihre Anhänger und Ihre Kritiker dürften sich immerhin darin einig sein, dass sich das Land in den 16 Jahren Ihrer Kanzlerschaft verändert hat, und dass Sie einen großen Anteil daran hatten. Wie haben Sie selbst sich in dieser Zeit verändert?

          Na ja, erst mal bin ich wie alle Menschen in der Zeit 16 Jahre älter geworden. Über anderes müssten Menschen Auskunft geben, die mich gut und lange kennen. Die Wechselwirkung zwischen Zeitgeschichte und Personen finde ich spannend. Welche Rolle spielen die Persönlichkeiten, die Entscheidungen in geschichtlichen Abschnitten treffen? Eine falsche politische Entscheidung kann schwere gesellschaftliche Verwerfungen nach sich ziehen, während eine gute Entscheidung gesellschaftliche Verwerfungen aufhalten oder sogar umkehren kann. Zum Schluss ist es unglaublich schwer herauszufinden, wer was mit wem gemacht hat.

          Welche folgenschwere Entscheidung ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

          Beispielsweise das vorhin schon erwähnte EU-Türkei-Abkommen. Es erscheint mir heute so sinnvoll wie damals. Es hat viel dazu beigetragen, mehr Ordnung in die Migration zu bringen und der Türkei zu helfen, die Millionen syrischen Flüchtlinge dort menschenwürdig zu versorgen. Und es hat über Jahre die üblen Geschäfte von Schleppern und Schleusern durchkreuzt.  Besonders wichtig war sicher auch die Sparer-Garantie, die ich zusammen mit dem damaligen Finanzminister Steinbrück in der Finanzkrise 2008 gab. Hätten wir diese Garantie an jenem Tag nicht gegeben, dann wäre vielleicht vieles anders gekommen. Das Amt der Bundeskanzlerin hat mich sicherlich aufmerksamer gegenüber krisenhaften Entwicklungen gemacht. Ich sehe früher, dass sich etwas zusammenbrauen könnte, was den Vorteil hat, dass man reagieren kann. Diese Krisenaufmerksamkeit und das ständige Bemühen, vorzubeugen oder zumindest rechtzeitig zu reagieren, machen die Aufgabe als Bundeskanzler oder Bundeskanzlerin so herausfordernd. Ich kann jetzt mit einem guten Gefühl sagen, dass es richtig ist, dass das jetzt ein anderer übernimmt.

           Wie ist es für Sie, älter zu werden?

          Es ist ein sehr interessanter Prozess. Helga Schubert hat ein Buch geschrieben, es heißt „Vom Aufstehen“. Damit habe ich mich beschäftigt. Alle reden immer vom Älterwerden, doch sie schreibt darin unter anderem ganz unerbittlich über das Altsein. Ich glaube, dass ich noch nicht in dieser Phase bin. Aber man muss wissen, dass es darauf hinausläuft, dass man irgendwann alt ist. Und ich wünsche mir, dass ich bis dahin zufrieden bin mit dem, was ich gemacht habe.

          Sind Sie heute nicht zufrieden?

          Doch. Aber ich möchte, wenn ich alt bin, nicht dasitzen und feststellen, dass ich vieles noch gern gemacht hätte und meine Zeit mit Unwichtigem vertan habe. Die sechzehn Jahre als Bundeskanzlerin werde ich immer als eine Zeit in Erinnerung behalten, die mich erfüllt hat. Und jetzt schaue ich, dass ein paar Sachen folgen, die als Bundeskanzlerin etwas zu kurz kamen, vielleicht etwas reisen oder lesen oder einfach mal Muße haben in dem Wissen, dass nicht in den nächsten zwanzig Minuten schon wieder etwas Umwälzendes passieren kann. Darauf freue ich mich.

          Haben Sie als Kanzlerin mit Politikern Freundschaften geschlossen, die über die Amtszeit hinaus Bestand haben?

          Ich denke schon, mit einigen. Die verrate ich Ihnen jetzt aber nicht.

          Ist Horst Seehofer dabei?

           Ich sagte ja: Ich verrate es nicht.

          Wollen Sie der CSU auf diesem Wege noch einen Abschiedsgruß zukommen lassen? Sie haben ja viel Freude gehabt mit der Schwesterpartei und dem jeweiligen Vorsitzenden.

          Erstens: Es gibt keine Auseinandersetzung mit der CSU, die nicht auch mitten durch die CDU geht. Und zweitens ist das schon eine insgesamt sehr erfolgsträchtige Kombination.

          Das sagen Sie auch noch nach diesem Wahlergebnis?

          Ja. Es ist insgesamt unter dem Strich eine sehr erfolgsträchtige Kombination. CDU und CSU können nur gemeinsam stark sein, so viel ist sicher. Das ist meine Erfahrung als Parteivorsitzende gewesen und auch meine Erfahrung als Bundeskanzlerin.

          In der CDU heißt es nun, die Partei müsse sich von Grund auf erneuern. Wird jetzt auch ein Vorsitzender neuen Typs gebraucht? Inwiefern haben sich die Anforderungen an den Mann oder die Frau an der Spitze geändert?

          Ich konnte als CDU-Vorsitzende zum Beispiel nach 15 Jahren auch nicht mehr so sein wie im Jahr 2000. Wir verändern uns doch alle. Das ist doch auch das Schöne. Wir lernen dazu. Die Gesellschaft wird immer individualisierter. Parteien erleben, dass andere große, prägende Organisationen wie Kirchen und Vereine sich dramatisch verändern. Parteien haben weniger Stammwähler als früher, und auch die Stammwähler der CDU sind so vielfältig wie die ganze CDU: konservativ, liberal, christlich-sozial. Um die Stimmen dieser Stammwähler wie auch um die, die über die Stammwählerschaft hinausgehen, muss man immer wieder aufs Neue werben. Das hat Vor- und Nachteile. Einerseits sind viel mehr Wähler und Wählerinnen prinzipiell erreichbar. Andererseits kann man sich ihrer Unterstützung immer weniger sicher sein.

          Ihr Nachfolger wird voraussichtlich Olaf Scholz heißen. Hätten Sie einen Rat für ihn, vorausgesetzt, er würde Sie fragen?

          Wenn ich einen hätte und er mich fragen würde, dann würde ich ihn nicht der F.A.S. sagen, sondern Olaf Scholz im privaten Gespräch. Es ist ja überhaupt eine große Tugend in der Politik, wenn nicht alles in der Zeitung steht. Es muss vieles in der Zeitung stehen, aber nicht alles.

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