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Umgang mit Menschenrechten : Erstaunliche Passagen im WWF-Report

Das WWF-Logo ist in Berlin auf einem Aufsteller zu sehen. Bild: dpa

Markus Löning hat den Umgang des WWF Deutschland mit Menschenrechten untersucht. Sein erster Bericht enthält sehr kritische Passagen, aber auch voreiliges Lob an der falschen Stelle.

          4 Min.

          Der deutsche Ableger der Naturschutzorganisation WWF verbessert derzeit seinen Umgang mit Menschenrechten in seinen weltweiten Schutzprojekten. Ein Bericht des früheren Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung und FDP-Abgeordneten Markus Löning hat nun etliche Schwachstellen benannt. Seine „Untersuchung der menschenrechtlichen Sorgfaltsprozesse“, veröffentlicht am vergangenen Mittwoch, enthält herbe Kritik, teils verpackt in wohlwollende Formulierungen. Sie enthält aber auch Passagen, die Verwunderung auslösen.

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Löning ist in einer schwierigen Lage: Er muss einerseits die Schwachstellen offen benennen. In der Öffentlichkeit wird von ihm ein wesentlicher Teil zur Aufklärung vieler in der Presse erhobener Vorwürfe gegen den WWF erwartet. Andererseits darf Löning die WWF-Mitarbeiter nicht vor den Kopf stoßen, denn mit ihnen soll er fortan arbeiten, um konkrete Verbesserungen umzusetzen.

          Der WWF Deutschland sei „Teil eines einzigartigen, weltweiten Netzwerks“ und habe „große Bereitschaft bewiesen, seine Verantwortung für die Achtung der Menschenrechte wahrzunehmen“, heißt es in der Studie. Vor ihm läge „nichtsdestotrotz ein anspruchsvoller Lernprozess“.

          „Schwach und inkonsistent“

          In dem Bericht kommen gravierende Versäumnisse zutage. Menschenrechtsaspekte seien in die Entwicklung von Naturschutzprojekten „unzureichend integriert“, fänden in der Anfangsphase „keine Berücksichtigung“ und würden „in internen Projektbesprechungen nicht umfassend behandelt“, heißt es etwa. Der WWF verfüge zwar über Sozialstandards und Richtlinien, deren Verankerung in der Praxis sei jedoch „schwach und inkonsistent“. Manche Mitarbeiter würden sie gar nicht kennen.

          Manche Aussagen des Berichts müssten für das breite Publikum wohl erst übersetzt werden, etwa diese: „Auslöser für eine strukturierte Berücksichtigung von Menschenrechts-Aspekten scheinen die Safeguards-Anforderungen öffentlicher Mittelgeber zu sein.“ Mit anderen Worten: Erst wenn Finanziers wie die Bundesregierung auf die Berücksichtigung von Menschenrechten dringen, weil ihre eigenen Standards das verlangen, geht der WWF die Sache auch systematisch an.

          Zu den erstaunlichen Passagen des Reports gehört das Kapitel über Beschwerdemechanismen. Es geht darum, dass Anwohner der Nationalparks eine Möglichkeit erhalten, Verletzungen ihrer Rechte geltend zu machen. Etwa wenn sie Opfer von Gewalt der Wildhüter geworden sind, die vom WWF unterstützt werden. Für funktionierende Beschwerdemechanismen in seinen Projektgebieten trägt auch die Naturschutzorganisation eine Mitverantwortung, doch anders als bislang öffentlich dargestellt funktionieren diese Mechanismen in vielen Fällen offenbar nicht, so auch im Lobéké-Nationalpark in Kamerun. Ausgerechnet diesen Mechanismus jedoch lobt Lönings Bericht jetzt als beispielhaft. Wörtlich heißt es: „Der Beschwerdemechanismus in Kamerun (…) gibt ein gutes Beispiel für einen leichten und breitestmöglichen Zugang: Er umfasst eine Telefonhotline ebenso wie zahlreiche Kontaktpunkte und bietet Menschen mit geringer bzw. ohne Alphabetisierung die Möglichkeit, eine Vertrauensperson zu kontaktieren.“

          Daran scheint so gut wie alles falsch zu sein. „Uns hat das sehr verwundert“, sagt Henrice Stöbesand, Mitautorin einer aktuellen Studie des Seminars für Ländliche Entwicklung an der Berliner Humboldt-Universität über den Lobéké-Park. Zusammen mit sieben anderen Forschern hat sie im vergangenen Sommer sechs Wochen in Kamerun recherchiert. Sie können auf eine Fülle von Interviews, Gemeindeversammlungen und Beobachtungen zurückgreifen, hatten Kontakt mit hunderten Menschen. „Unserer Erfahrung nach weiß vor Ort kaum jemand überhaupt von dieser Telefonhotline. Das würde auch gar nichts bringen, denn die meisten Menschen haben kein Telefon. Wozu auch? Es gibt in dem Gebiet praktisch keinen Handy-Empfang.“

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