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Sachverständigenrat : Unter Migranten mehr Vorurteile gegen Muslime und Juden

Passanten in Frankfurt im Januar 2021 (Symbolbild) Bild: dpa

Eine Studie zeigt, dass nicht wenige Befragte ohne Migrationshintergrund Muslime für Fanatiker halten – und Muslime selbst etwas häufiger antisemitische Haltungen haben.

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          Ressentiments gegen Juden und Muslime sind in Deutschland weit verbreitet. Bürger mit Migrationshintergrund hegen sie noch etwas häufiger als jene ohne Migrationshintergrund. Das ist eine Erkenntnis einer Studie des Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR). Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit seien mit Blick auf die Gesamtgesellschaft recht gut untersucht, sagte der Leiter des wissenschaftlichen Stabs des SVR, Jan Schneider, am Mittwoch. „Woran es bislang mangelt, ist eine systematische Forschung zu Antisemitismus und antimuslimischen Einstellungen innerhalb der Bevölkerung mit Migrationshintergrund.“ Hier setze die Studie an. Wie weit sind solche Einstellungen also verbreitet und womit hängt das zusammen?

          Tobias Schrörs
          Politikredakteur.

          Je nach Bevölkerungsgruppe und Form von Antisemitismus vertreten laut der Studie zwischen knapp zehn und gut 50 Prozent der Befragten antisemitische Einstellungen, bei Befragten ohne Migrationshintergrund sind solche Einstellungen seltener. Zudem seien antimuslimische und antiislamische Haltungen bei Personen mit Migrationshintergrund insgesamt etwas häufiger, allerdings sei hier der Unterschied zur Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte geringer.

          Geringe Distanz zu Muslimen

          Zwischen einem Drittel und fast der Hälfte der Befragten vertritt antiislamische Einstellungen, gleichwohl gaben ähnlich viele Befragte an, der Islam passe in die deutsche Gesellschaft. Und während die Mehrheit der Befragten die Integration von Muslimen positiv bewertet, geben zugleich rund vier von zehn Befragten an, unter Muslimen in Deutschland seien viele religiöse Fanatiker. Letzteres bejahen 38 Prozent der Personen ohne Migrationshintergrund, von den Befragten mit Migrationshintergrund sehen das rund 43 Prozent so.

          Es überrascht angesichts dieser Befunde, dass die soziale Distanz zu Muslimen bei den meisten Befragten dennoch gering zu sein scheint. Zwischen 61 und 83 Prozent akzeptieren Muslime als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft. Insgesamt werden Muslime positiver gesehen als der Islam als Religionsgemeinschaft.

          Die Wissenschaftler des SVR weisen zudem nach, dass antisemitische und antimuslimische Einstellungen mit der Bildungsbiografie und interkulturellen Kontakten zusammenhängen. Kurz gesagt: Wer einen deutschen Schulabschluss hat, äußert sich seltener antisemitisch und antimuslimisch. Nur für Personen mit türkischen Wurzeln gelte dieser Zusammenhang nicht. Die Wissenschaftler führen das auch darauf zurück, dass Schüler in Deutschland sich intensiv mit dem Holocaust auseinandersetzen. Sie empfehlen, das Thema in Integrationskursen zu berücksichtigen.

          Ein anderer Aspekt sind persönliche Beziehungen. Personen ohne Migrationshintergrund, die Kontakt zu Menschen mit Migrationshintergrund pflegen, neigen weniger zu antisemitischen und antimuslimischen Haltungen. Zumindest im Blick auf antimuslimische Einstellungen gilt das auch für Personen mit Migrationshintergrund, für antisemitische Einstellungen ist so ein Zusammenhang nicht nachweisbar.

          Die Studie zeigt zudem, dass Personen, die sich diskriminiert fühlen, eher zu gruppenfeindlichen Haltungen neigen. Hierbei sei wahrgenommene Diskriminierung aufgrund der Herkunft stärker mit antisemitischen Einstellungen verbunden und Diskriminierung wegen der Religion stärker mit antimuslimischen Haltungen. Vier von zehn Befragten, die sich wegen ihrer Herkunft diskriminiert fühlen, stimmen den meisten antisemitischen Aussagen zu.

          Basiert auf Befragungen aus 2019 und 2020

          In der Bevölkerung mit Migrationshintergrund neigen Muslime häufiger zu antisemitischen Einstellungen als Christen und Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören. Die Hälfte der befragten Muslime äußerte sich antisemitisch, bei den Christen war es ein Drittel und bei jenen ohne Religionszugehörigkeit ein Viertel.

          Schneider verwies drauf, dass Ressentiments das Zusammenleben in einem Einwanderungsland beeinträchtigten. „Im schlimmsten Fall führen diese Einstellungen aber zu Gewalt.“ Das zeigten nicht nur Katastrophen wie der Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019 oder der Anschlag von Hanau 2020, sondern auch viele tausend andere Straften, die einen antisemitischen oder islamfeindlichen Hintergrund hätten. Zwar seien die meist dem rechten oder rechtsradikalen Spektrum zuzuordnen, zwischen 2020 und 2021 hätten jedoch auch die Fälle der sogenannten politisch-motivierten Kriminalität zugenommen, die auf eine ausländische oder religiöse Ideologie zurückgingen.

          Für die Studie wurden Daten des Integrationsbarometers, einer repräsentativen Umfrage unter Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland, ausgewertet. Es misst das Integrationsklima in der Einwanderungsgesellschaft und erhebt Einschätzungen und Erwartungen in Bezug auf Integration und Migration. Für das Integrationsbarometer 2020 wurden zwischen November 2019 und August 2020 insgesamt 15.095 Personen befragt.

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