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Einwanderungsdebatte : Mehr Mut zur deutschen Sprache

  • -Aktualisiert am

Mehr als nur eine Integrationsmaßnahme: Deutschkurs an der Volkshochschule Leipzig. Bild: dpa

Globale Vernetzung und Einwanderung machen es notwendiger, die deutsche Sprache in allen Lebensbereichen zu nutzen. Ihre identitätsstiftende Kraft darf nicht mutwillig geschwächt werden. Ein Gastbeitrag.

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          Denn wer die deutsche Sprache beherrscht, wird einen Schimmel beschreiben und dabei doch das Wort ,weiß‘ vermeiden können“, schrieb Kurt Tucholsky. Die deutsche Sprache hält unser Land zusammen. Globale Vernetzung und Einwanderung machen es notwendiger, die deutsche Sprache in allen Lebensbereichen zu nutzen. Teile der deutschen Elite unternehmen in einer seltsamen Abgehobenheit manches, um ihr erlerntes Oxford-Englisch zu dokumentieren.

          Mit merkwürdigen Ergebnissen: Da lädt eine Bank, die sich „Deutsche“ nennt, zu wichtigen Veranstaltungen in die Bundeshauptstadt ein mit dem Hinweis, dass ausschließlich Englisch gesprochen wird. Der Präsident der Technischen Universität München beabsichtigt gegen den Rat der Studentenvertretung, Masterstudiengänge in München ab 2020 zwingend ausschließlich in Englisch durchzuführen. Und der FDP-Europaabgeordnete Alexander Graf Lambsdorff vollendet konsequent: „Englisch muss in Deutschland Verwaltungssprache werden.“ Also amtlich soll in Deutschland künftig nur noch das gelten, was in Englisch formuliert, gesprochen oder publiziert wurde.

          Die Begründung ist immer dieselbe: In einer globalisierten Welt versteht Deutsch ohnehin keiner mehr, man müsse sich anpassen. Was gut ausgebildete Teile der deutschen Elite praktizieren - nämlich Deutsch immer weniger zu nutzen -, machen viele Einwanderer schon seit langem. Für sie ist ihre Herkunftssprache das Verständigungsmittel. Das bayerische statistische Landesamt teilte vor kurzem mit, dass in 15 Prozent der Familien überwiegend nicht deutsch gesprochen wird. Ob die Kinder oder die Eltern in diesen Familien sich in der deutschen Gesellschaft sprachlich zurechtfinden, weiß niemand.

          Angesichts dieser Dramatik mutet es eher als Randnotiz an, wenn der Deutsche Bundestag seit Jahren hartnäckig, aber mit überschaubarem Erfolg dafür kämpft, dass zumindest alle Texte der EU-Kommission im deutschen Parlament gleichzeitig und in amtlicher deutscher Übersetzung vorliegen müssen. Weil sonst ein schwieriger Fachenglisch-Finanztext mit Milliardenhaftung deutscher Steuergelder kaum beratungsfähig ist. Kritik daran wird wahlweise als populistisch, deutschtümelnd oder verzopft abgebügelt.

          Tatsächlich aber braucht Deutschland seine Sprache nicht weniger, sondern mehr, um echte Integration gelingen zu lassen. Einwanderer zu ermutigen und zu fördern, Deutsch zu lernen und anzuwenden, vermeidet Parallelgesellschaften und buchstäbliches wechselseitiges Unverständnis. Englisch als elitäre Esperanto-Offizialsprache in Wissenschaft oder Verwaltung zu implementieren und Deutsch als Freizeitsprache zu verzwergen heißt, neue Gräben zwischen international erfahrenen Vielfliegern und Normalmenschen in Deutschland zu graben. Zudem mutet es seltsam an, wenn sich manche Wissenschaftler vehement für Diversität und Artenvielfalt in der Umwelt einsetzen, aber die Sprachenvielfalt gerne der Einheitssprache Englisch opfern wollen.

          Deutsch bleibt attraktiv für ausländische Studierende

          Statt durch selbsterfüllende Prophezeiung Deutsch als Wissenschaftssprache bewusst abzuwerten, ist es richtig, die Chancen unserer Sprache, gerade auch im Ingenieurbereich, zu nutzen. Warum wollen Tausende ausländischer Studenten in Deutschland Deutsch studieren? Weil sie die Exzellenz der Wissenschaft in unserem Land auch über die Sprache erfahren wollen. Deutsch ist attraktiv für ausländische Studierende. Das Institut für Deutsch als Fremdsprache der Ludwig-Maximilians-Universität München berichtet über stark steigende Nachfrage von Studierenden aus allen Kontinenten für die deutsche Sprache.

          Noch - denn vor wenigen Tagen bei einem Besuch in Kasachstan war das Menetekel schon zu besichtigen: Junge Kasachen, die bisher Deutsch lernten, weil sie in Deutschland studieren wollen, üben sich jetzt in Englisch. Wenn an deutschen Universitäten auf Englisch unterrichtet wird, warum Deutsch lernen? Und die nächste Frage liegt damit auf der Hand: Warum dann überhaupt noch in Deutschland studieren? Deutschland verliert an Attraktivität und die deutsche Wirtschaft damit an späteren Kunden aus dem Ausland.

          Um böswilligen Unterstellungen vorzubeugen: Selbstverständlich ist es vorteilhaft und muss Bildungsziel bleiben, dass junge Menschen in Deutschland möglichst viele Fremdsprachen lernen und auch beherrschen. Aber für unser Land ist es wichtig, die identitätsstiftende Kraft der gemeinsamen Sprache nicht mutwillig zu schwächen. Unser Europa ist gelebte Vielheit auch der Sprachen, und viele der Mitgliedstaaten der Europäischen Union schöpfen ihre Identität aus ihren nationalen Sprachen. Ein Europa der Herzen kann ohne Respekt gegenüber den nationalen Sprachen nicht wachsen.

          Deshalb sollten Deutschland und Frankreich alles tun, damit in den beiden Ländern die Sprache des jeweiligen Nachbarn mehr gelehrt und verstanden wird. Der Deutsche Bundestag hat sich in einer Vielzahl von Resolutionen und Abstimmungen für unsere Muttersprache eingesetzt, und das ist gut so. Manche Kollegen des Bundestages stimmen schon seit einiger Zeit mit ihren Terminkalendern für die deutsche Sprache ab. Wenn in der Bundeshauptstadt bei offiziellen Einladungen ausschließlich Englisch gesprochen wird, muss man auf sie verzichten. Das hat etwas Selbstverständliches.

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